Serie "Füssen und seine Historie"

Vom Fischhaus zum Pfarrhof

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Eine historische Aufnahme des Pfarrhofs Weißensee.

Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute erzählt er von dem Pfarrhof Weißensee.

Es ist noch nicht so lange her, dass der Weißensee zumindest temporär mit dem Froschensee, der nur noch durch den Straßennamen bekannt ist, zusammenhing und der Weißensee sich von Niederried bis in die Nähe des Hopfensees erstreckte und im Osten an den Fisch Bichl stieß. Der See besticht noch heute durch den Gegensatz von Felsenufer und Schilfgürtel und dadurch, dass die Hänge, die von Westen und Norden in den See abfallen, an zwei herausragenden Plätzen durch den Bau zweier Kirchen eine außergewöhnliche Zäsur erhielten. Für den Platz der Kirche St. Walburga darf man wie bei allen Walpurgiskirchen einen schon in vorchristlicher Zeit bestehenden Kultplatz annehmen. 

Der Wassermann im See

Die Menschen verehrten damals Göttlichkeit in der Schöpfung und in den Naturgewalten und dies immer an Orten, die sich durch besondere Eigenarten auszeichneten. Der im Weißensee hausende Wassermann, der durch die heimische Sage geistert, ist nichts anderes als die archaische Personifikation des Elementes Wasser. 

Als später der Wassermann zur Drohfigur verkam, um die kleinen Kinder vom See abzuhalten und sie so vor dem Ertrinken zu bewahren, so ist dies ein Beleg dafür, dass man sich seiner ursprünglichen Bedeutung durchaus bewusst war: Er war der unumschränkte, stets Opfer fordernde Herr des Sees. In der Frühzeit der Menschheitsgeschichte kam es dazu, wenn die Umstände es erforderten, den Göttern das wertvollste und zugleich grauenvollste aller denkbaren Opfer, menschliches Leben, zu übergeben. Doch war es gutes Herkommen, Opfer in Form von Speisen oder von wertvollen Eisengeräten – wie man dies vom Illasberg her kennt – dem Wasser zu übergeben. 

Wie man sich dieses Ritual vorstellen kann, zeigt ein Brauch, der bis ins frühe 19. Jahrhundert lebendig war. Zu „heiligen“ Zeiten, etwa an Ostern, wenn das Eis geschmolzen war, den Weißensee zu „fütterten“. Die Menschen warfen dabei feines Mehl, das ja ein kostbares, lebenserhaltendes Gut war, in die Luft und der Wind trug dieses Opfer hinaus und übergab es dem See. 

Wie groß die Ehrfurcht der frühen Menschen vor dem See war, davon konnten sich Augenzeugen am 1. Februar 1990 ein Bild machen. Damals wirbelte ein Orkan Wasserfontänen 150 Meter hoch, um sie dann in weiß schimmernden Schleiern zurückzuwerfen. 

Der Weißensee gehörte zum frühen Besitz des Klosters St. Mang. Die unterschiedlichen Tiefen und die davon abhängigen Wassertemperaturen und Strömungen boten beste Voraussetzungen für die Fischzucht. Der Fisch gehörte zu den wichtigsten Nahrungsmitteln der Klöster und ihrer Untertanen. Schon früh stand an der Stelle des heutigen Pfarrhofs das Haus des Klosterfischers, das, unterstellt, ursprünglich unmittelbar am See stand und erst durch die Verlandung vom Ufer abrückte. 

Die Erinnerung daran hat sich lange gehalten. Man wusste es noch oder erzählte es sich lange, dass man vom See her über einen Kanal bis zum Fischhaus rudern konnte. Die Fischer konnten zudem mit dem Kahn in das Haus einfahren. Hier gab es „Kalter“, hölzerne oder gemauerte Becken, die den Fang bis zu seiner Verwertung aufnahmen. 

Man wollte am Weißensee noch vor einem halben Jahrhundert die massiven Begrenzungen dieses Kanals in der sumpfigen Verlandungsfläche östlich des Pfarrhofes festgestellt haben. Jedenfalls wurde 1745 ein neuer Fischkalter, der 1,20 Meter tief war, eingerichtet. Vielleicht handelte es sich bei dem legendären Kanal nur um ein Gerinne, das dieses Becken mit frischem Seewasser versorgte. 

Unpassierbare Wege

Man kam auf die Idee, das Fischhaus in einen Pfarrhof umzuwandeln, weil die Pfarrei St. Walburga von St. Mang aus vikariert wurde. Doch der Weg von Füssen nach Weißensee der durch wasserreiches und versumpftes Gelände führte, war mitunter einfach nicht begehbar. Die Klagen, dass die Fuhrwerke auf der Straße nach Weißensee oft bis zu den Achsen im Wasser standen, reichen mehr als ein halbes Jahrtausend zurück. Um dem Vikar eine feste Behausung zu bieten, hatte man ursprünglich geplant, durch einen einfachen Umbau das Fischhaus in einen bescheidenen Pfarrhof umzuwandeln. Der aus Pinswang stammende Baumeister Franz Kleinhans lieferte dazu Pläne und eine darauf fußende Kostenaufstellung.

Der Konvent von St. Mang, der an hohe Baukultur gewohnt war, war von Kleinhans’ Vorschlägen offenbar wenig angetan. So kam es 1766 nach den Plänen des hochfürstlichen Landbaumeisters Franz Carl Fischer, der ein Sohn des Herkommer-Neffen Johann Georg Fischer war und dem Füssen das Rokokojuwel der Spitalkirche verdankt, nach dem Abriss des alten Fischhauses zu einem Neubau. Als Vorbild diente allem Anschein nach der Pfarrhof von Rückholz, den St. Mang zwischen 1729 bis 1731 bauen ließ. Doch der Weißenseer Bau übertraf durch seine edlen Proportionen das Vorbild beträchtlich. 

Der einst am Bau von St. Mang beteiligte Stuckateur und Baumeister Dominikus Zimmermann setzte sich ein Haus mit ähnlicher Struktur neben die von ihm erbaute Wieskirche. Dem Haustyp, der bei aller Schlichtheit einem herrschaftlichen Anspruch genügte, entsprach noch Goethes Gartenhaus in Weimar.

Kosten explodieren

Der Grundriss des Pfarrhofs beruht auf einem Quadrat mit einer Seitenlänge von 12,40 Metern. Die Mauern sind 83 Zentimeter dick, was drei Schuh des alten Klostermaßes entsprach. Wie weit die Behauptung zutrifft, dass die Fassaden des Baus den Gesetzen des Goldenen Schnittes folgen, wurde bisher nicht nachgewiesen. 

Doch ist das Verhältnis von Länge und Höhe der Fassaden ungewöhnlich. Auch das extrem steile Walmdach, dessen rote Dachhaut die geputzte und gekalkte Fassade um fast zwei Meter an Höhe übertrifft, ist ungewöhnlich. Die unterschiedlich hohen Fenster des Hauses lassen die untergeordneten Wirtschaftsräume im Erdgeschoss von denen des „piano nobile“ im Obergeschoss unterscheiden. 

Die Räume im Inneren erschließt eine breiter, durchgehender Flur und eine großzügig dimensionierte Treppe mit Zwischenpodest. Von besonderer Qualität ist der „Saal“ des Obergeschosses, der in der Südostecke liegt. Es ist ein Raum mit einer Grundfläche von annähernd 35 Quadratmetern. Die vier Fenster, die zwei Meter hoch sind, verleihen ihm einen festlichen Charakter und gestatten einen einmaligen Blick auf den See und die alpine Szenerie. 

In der Rückschau verschlang der Pfarrhof von Weißensee höhere Mittel als veranschlagt. Und obwohl der Bischof von Augsburg als geistlicher Oberhirte des Hochstiftes den Bau begrüßt und ausdrücklich gebilligt hatte, rügte er später als Landesherr die hohen Baukosten. Die Differenzen bezüglich der Kosten endeten erst 1770. 

Vorbild für Gebäude

Die Architekten des 20. Jahrhunderts entdeckten bald den Weißenseer Pfarrhof. Er wurde in einschlägigen Magazinen behandelt und geriet so zum Vorbild für Gebäude, die sich aufgrund ihrer Nutzung von ihrem Umfeld abheben sollten. 

So entstanden etwa das Postgebäude in Pfronten nach seinem Vorbild und das frühere Gebäude der AOK an der Augustenstraße in Füssen. In den fünfziger Jahren verbrachte hier auf Einladung des Füssener Stadtpfarrers Christoph Kaiser der Dichter Arthur Maximilian Miller einige Urlaubstage. In seinem Tagebuch schwärmte Miller von dem stillen Haus, den Lichtspielen über dem See, den vom Wind sanft bewegten Wasserspiegel und das Gefunkel der Wellen im Gegenlicht vor dem Südufer. 

Das derzeitige Bild des Pfarrhofs und seines Umfelds genügt dem durch die Architektur vorgegebenen, hohen Anspruch allerdings nicht. Satellitenschüsseln an den Fassaden, alle Spielarten von Zäunen im Garten, ein schlichter Sichtschutz und eine viel zu nahe an die Mauern des Hauses herangerückte Bepflanzung verlangen nach einer ordnenden und zugleich strengen Hand. Aber auch die in der Nähe gelegene Pumpstation und der sogenannte Klimapavillon stören nachhaltig das einmalige Ensemble. 

Trotz allem bilden Kirche, Mesnerhaus und Pfarrhof vor der Kulisse der Berge, von Wasser umgeben und eingebettet in Schilf und beschirmt von prächtigen alten Bäumen ein einmaliges Ensemble. Man wird weit gehen müssen, um Gleichwertiges zu finden.

Magnus Peresson

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