"Das ist Willkür"

Diskussionen um umstrittenes neues Motorrad-Fahrverbot im Außerfern

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An schönen Tagen ein durchaus übliches Bild vor dem Aufstieg zum Hahntennjoch bei Elmen. Die Anwohner stöhnen aber unter der Lärmbelastung.

Reutte – Nach Überzeugung von Tiroler Landesregierung und Polizei zeigt das am 10. Juni in Kraft getretene Verbot für besonders laute Motorräder im Außerfern bereits Wirkung. Doch unumstritten ist die neue Regelung nicht: Neben den Motorradfahrern gehen auch teilweise Hoteliers und Gastronomen auf die Barrikaden.

Sie befürchten finanzielle Einbußen durch fern bleibende Biker. Bis zu 4000 Motorräder an schönen Sommertagen sind im Außerfern unterwegs. Und die verursachten Lärm. Den Anwohnern der „Biker-Strecken“ zwischen Schattwald und Imst, dem Lechtal, Namlos, Berwang eingeschlossen, reichte es. Reichte es schon lange. Sie solidarisierten sich, gründeten Initiativen und traten geschlossen auf. 

Von Seiten der Behörden wurde mit Überholverboten und Geschwindigkeitsbeschränkungen reagiert, die aber aus der Sicht der geplagten Anwohner keine wesentlichen Besserungen brachten. Vor allem die hochgezüchteten Maschinen, die Lärm jenseits von Jumbo-Jets beim Start verursachen, brachten die Anwohner zur Weißglut. An einen erholsamen Aufenthalt in Gärten und auf Balkonen war für sie irgendwann nicht mehr zu denken. „Wir beten schon, dass am Wochenende Schlechtwetter herrscht, da ist es etwas ruhiger“, skizzierte resignierend ein Anwohner. 

Die Ansicht, dass sich Motorradlärm und Naturparkregion ausschließen, ist schließlich nicht von der Hand zu weisen und fand und findet weitere Anhänger. Es war also eine breite Front, die hier Veränderungen zum Positiven erwartete. Und siehe da. Die Landesregierung wurde schließlich erneut aktiv und verhängte ein Fahrverbot für besonders laute Maschinen (der Kreisbote berichtete)

„Die Bevölkerung im Bezirk Reutte wird bereits seit Jahren durch den ständig wachsenden Motorradverkehr durch Lärm stark belästigt“, heißt es in einer Stellungnahme der Tiroler Landesregierung. Bis zum 31. Oktober gilt deshalb im Bezirk Reutte ein Fahrverbote für Motorräder mit einem Standgeräusch (Nahfeldpegel) von mehr als 95 dB (A). Für die Lauten heißt es also nun, das Außerfern zu meiden. Die Verordnung wurde und wird von der Polizei, wie bereits berichtet, strikt kontrolliert. Sie gilt im Lechtal und Tannheimer Tal ab Weißenbach und die Berwangerstraße von Bichlbach bis Stanzach. 

Und es gibt Befürworter und Gegner: Teile der Tourismuswirtschaft, die vom Motorradverkehr profitieren, sprechen von unnötigen Erschwernissen, befürchten Stornierungen und Einbußen und fühlen sich von dem Motorradfahrverbot eingeschränkt. Sie hatten in diesem Sommer stark auf die Motorrad-Urlauber gesetzt. Durch die Bekanntgabe des neuen Fahrverbotes sei eine Stornierungswelle ausgelöst worden, klagen sie nun. 

Auf Internetseiten der Motorradfans sei ein „Shitstorm“ über Österreich hereingebrochen, erklärte Kai Bürskens, Hotelier aus dem Lechtal. Er sieht einen Imageschaden für den Tourismus, und einen „Multiplikatoreffekt“: Sobald jemand in einer Motorradgruppe von dem neuen Fahrverbot betroffen sei, sei die gesamte Gruppe für den heimischen Tourismus verloren. Andere derselben Branche sehen dagegen einen Hoffnungsschimmer für ruhigere Zeiten. Hotelier Peter Zotz aus Haller zum Beispiel sieht einen Schritt in die richtige Richtung. 

"Harter Schlag"

Der Aufschrei bei den Bikern blieb natürlich ebenfalls nicht aus. So heißt es zum Beispiel auf der Website von „Motorrad“: „Harter Schlag für alle Motorradfahrer. Während in Deutschland noch über Fahrverbote wegen zu lauten Motorrädern diskutiert wird, macht Österreich Nägel mit Köpfen und sperrt einzelne Strecke für laute Bikes ab dem 10. Juni. Die FEMA (Dachverband der europäischen Motorradfahrerorganisationen) hat sich nun kritisch zu den verhängten Maßnahmen geäußert.“ 

So hat die FEMA nach eigenen Angaben die zugrunde liegende Studie ausführlich analysiert und ist zu dem Schluss gekommen, dass die Fahrweise einzelner Motorradfahrer das eigentliche Problem darstelle. Laut FEMA resultiere die Lärmbelästigung durch Motorradfahrer weniger aus der Bauart der Motorräder – viel mehr sei der sehr sportliche und hochtourige Fahrstil einiger Motorradfahrer das eigentliche Problem, so das Ergebnis der FEMA-Analyse. 

Damit dürfte die Organisation den Nagel wohl auf den Kopf getroffen haben: Nicht die schiere Zahl der Motorradfahrer wird im Außerfern bekrittelt. Es geht den Betroffenen einzig und allein um den Lärm. 

Erste Kontrollen

Eine Bilanz der ersten Tage nach dem Verbot wurde bereits gezogen: an einem verlängerten Wochenende nahmen die Bezirkspolizeikommanden Reutte und Imst sowie die Landesverkehrsabteilung stichprobenartig, zum Teil aber auch schwerpunktmäßig, insgesamt 1376 Überprüfungen an Motorrädern vor, berichtet das Land Tirol in einer Aussendung. Davon seien insgesamt 33 über dem erlaubten Wert gelegen, so Landeshauptmann-Stellvertreterin Ingrid Felipe von den Grünen. 

Von zusätzlich 35 verdächtigen Motorrädern, die mit einem geeichten Lärmmessgerät überprüft wurden, seien zwei Maschinen im Vergleich zu den in den Fahrzeugpapieren angegebenen Werten zu laut gewesen (der Kreisbote berichtete). Aus den Gesprächen mit den Motorradlenkern schloss die Behörde, dass Besitzer von Motorrädern mit mehr als 95 dB aufgrund der zu erwartenden Kontrollen durch die Polizei eine Fahrt auf den betroffenen Strecken erst gar nicht „riskiert“ würden. 

Wenig Verständnis

Tatsächlich stößt die „db-Verordnung“ das Landes Tirol wenig verwunderlich bei den Bikern auf wenig Verständnis. Es dürfe nicht sein, dass vorschriftsmäßige Fahrzeuge von den Straßen verbannt werden. „Das ist Willkür. Wo bleibt da die Rechtssicherheit?“, meint ein Biker. Besser wäre es, die Raser und die Motorräder mit manipulierten Auspuffanlagen aus dem Verkehr zu ziehen. So fordern in manchen Foren die Motorradbegeisterten sogar ihr „Menschenrecht“ auf Freiheit ein. 

Das wiederum stößt bei Karlheinz Pohler, einem direkten „Anrainer“ am Gaichtpass, auf Protest: „In einer alten Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 heißt es: Die Freiheit besteht darin alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet“. Pohler weiter: Lärm schadet, da sind sich alle Experten einig. Das heurige erste Jahr soll die Umsetzung dieses Fahrverbots fachlich begleitet und dann evaluiert werden. Nach der Motorradsaison im Herbst könne man dann ein Fazit ziehen, heißt es vonseiten der Tiroler Landesregierung dazu.

niko

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