"Alles steht still"

Hoteliers in Füssen und Umgebung leiden massiv unter der Corona-Krise

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Die Gaststube des Biohotel Eggensberger ist verwaist.

Füssen – „Die Situation ist katastrophal,“ sagt Wolfgang Sommer, Kreisvorsitzender der Dehoga Bayern (BHG) Kreisstelle Ostallgäu. Vor allem, da die Auswirkungen der Corona-Krise nicht absehbar seien. „Es fühlt sich super dramatisch an“, so Andreas Eggensberger, 1. Vorsitzender des Tourismusverein Füssen, zur wirtschaftlichen Situation des Gastgewerbes.

Eggensberger berichtete von fast erreichten 100 Prozent Stornierungen für dieses Jahr. Die Buchungen „bröckeln nicht nur weg“, teilte auch Martin Helmer, Hotel Helmer Schwangau, mit. „Es fragt auch keiner mehr an. Alles steht still.“

Die wirtschaftlichen Folgen seien nicht abzuschätzen. „Das ist eine echt kritische Sache“, sagte Sibylle Wiedenmann, Geschäftsführerin der ProAllgäu GmbH. Es gelte jetzt, die Probleme mit Sachverstand zu lösen und zusammen zu arbeiten. Aus diesem Grunde sei ein Zusammenschluss wie die Allgäuer TopHotels wertvoll, sagte die Geschäftsführerin. Die Kooperation biete eine Plattform, um sich auszutauschen. Ebenso wie der BHG und die IHK. „Es geht nur als Gesamtkunstwerk, dass wir jetzt durch die Krise kommen“, so Wiedenmann.

Eine gute Sache sei, dass mit der Kurzarbeit die Mitarbeiter gehalten werden können, sagte sie. Doch für die Menschen, die so nur mit 60 Prozent ihres Lohnes nach Hause gehen, sei es eine enorme Herausforderung. Auch Lieferanten und Dienstleitsterbetriebe würden „extremst in Mitleidenschaft gezogen.“ Gerade im Füssener Bereich werden die Auswirkungen für alle noch längerfristiger sein, sagte Wiedenmann. „Denn die internationalen Märkte werden sich sicherlich langsamer erholen als die Urlaubsmärkte.“ Der Deutsche Markt, da habe sie große Hoffnung, werde sich, so bald er wieder geöffnet wird, schnell erholen. Beim internationalen Tourismus glaube sie, dass es schwieriger werde. „Da wird die Durststrecke länger sein.“ 

Persönliche Beziehung

Im Gegensatz zu Konzernhotels, gemeint sind damit Hotelketten wie Best Western International oder die deutschen Maritim Hotels, seien die Hotels im Ostallgäu mittelstandsorientiert, sagte Sommer. „Es sind familiengeführte Betriebe.“ Und was diese Betriebe ausmache, sei in der Regel eine persönliche Beziehung zu den Mitarbeitern. Er, selbst Inhaber des Hotel Sommer, spricht aus persönlicher Erfahrung. Dass es gelte, die Gesundheit aller zu schützen, stehe außer Frage. „Söder macht das schon gut, sehr verantwortungsvoll“, sagte er. Jedoch gab es im Vorfeld dieser kurzfristigen Schließung „halbseidene Anweisungen“. Zu vieles sei bei den Maßnahmen und Anordnungen, vor allem jedoch der genauen Handhabung, unklar geblieben. Die Betriebe seien überfordert. Trotz Kurzarbeit und Soforthilfen. „Zuschüsse wären nötig.“

Soforthilfe vom Staat

„Das Kartenhaus bricht jetzt zusammen“, erklärte Helmer. Er ist nicht nur Hotelier sondern auch 1. Vorsitzender des Schwangauer Kur- und Verkehrsvereins. Bis zum Erlass der Verfügung wusste er nicht , was er seinen Gästen und Mitarbeitern sagen sollte. „Ich habe Bauchweh gehabt, bis die Maßnahmen dann einmal ausgesprochen waren,“ sagte er.

Sämtliche gastronomische Betriebe müssen zunächst bis zum 3. April geschlossen bleiben. Hotels und weitere Übernachtungsangebote wiederum bis Dienstag, 31. März. Die Bayerische Staatsregierung richtete ein Sofortprogramm für Betriebe ein, die durch die Corona-Krise in eine existenzbedrohende wirtschaftliche Schieflage und Zahlungsengpässe gerieten. Bei dieser Soforthilfe handelt es sich um eine einmalige Zahlung, gestaffelt nach der Zahl der Beschäftigten. Es werden unter anderem eine Reihe von steuerpolitischen Maßnahmen auf den Weg gebracht, insbesondere die Möglichkeiten zur Stundung von Steuerzahlungen und zur Senkung von Vorauszahlungen. Kreditprogramm werden angeboten, zum Beispiel von der KfW Bank.

Die Gewerbesteuer-Vorauszahlungen können durch die jeweilige Kommune angepasst, beziehungsweise gestundet werden. Das sei jedoch „maximal ein Puzzelstein“, so Eggensberger, Inhaber des Biohotel Eggensberger. In Füssen, berichtete Stadtkämmerer Marcus Eckert, wird das dieses Angebot „gut genutzt. Der erste Antrag kam bereits am 17. März.“ Die Gewerbesteuer werde für die Füssener Betriebe vorläufig bis 31. Juli zinsfrei gestundet, so Eckert. Das sollten Helmers Meinung nach auch alle Schwangauer Gewerbebetreibende machen. Die Gewerbesteuer müsse im Voraus bezahlt werden und die Beträge würden dieses Jahr definitiv anders ausfallen, erklärte er.

Sieben Prozent

Als Kreisvorsitzender der BHG weiß Sommer, was wirklich helfen würde: die Mehrwertsteuer auf sieben Prozent zu senken, wie es schon seit längerem von der Organisation deutschlandweit gefordert wird. So wie es in den meisten europäischen Nachbarländern de Fall ist. „Das wäre ein Lichtblick. Das wäre ein tolles Signal in den Zeiten der Hoffnungslosigkeit.“ So katastrophal die Situation jetzt bereits sei, abzusehen ist wäre der Schaden noch lange nicht. „Deshalb wäre es wichtig, dass das politisch Augenmerk nun auf die leidende Situation der Hotelerie und Gastronomie gelenkt wird. Auf Landessicht, jedoch auch speziell auf Bundessicht.“ Helmer sieht darin ebenfalls eine Chance. Bislang wurde die nur auf Übernachtungen gesenkt, dies gelte es nun auch auf Speisen und Getränke auszuweiten. „Es ist die Mehrwertsteuerreform, die schon lange aussteht“, sagte er.

Mit dem Ende der Maßnahmen sei die Krise nicht überstanden, ist Sommer überzeugt. Der wirtschaftliche Schaden sei nicht so einfach wieder in Ordnung zu bringen und abzusehen noch lange nicht. Je länger die Krise andauere, desto unsicherer seidas Fortbestehen einzelner Betriebe. Um selbst positiv in die Zukunft sehen zu können, wage er zu hoffen, dass nach der Krise, wann auch immer das sein wird, vor allem Deutsche Urlauber und die aus den Nachbarländern vermehrt im Allgäu buchen. Denn, auch wenn es hier momentan einen Krisenfall gebe, „das Allgäu ist keine Krisenregion“.

"Null Einnahmen"

Eggensberger kann vor allem von seinem eigenen Betrieb, sprechen. Sein momentan fixierter Umsatzeinbrauch betrage bereits ca. 300.000 Euro. „Die Unsicherheit ist der schlimmste Faktor.“ Die nachgelagerten Reaktionen seien die, die erst richtig drastisch werden. „Null Einnahmen, das kennt keiner!“ Die staatliche Soforthilfe ersetze die fehlenden Umsätze „nicht einmal annähernd“, sagte er. Bei den Mitgliedern des Tourismusvereins erlebe er emotional sehr unterschiedliche Reaktionen. Manche sehen sich bereits in der Insolvenz, denn sie befürchten, dass die Auswirkungen noch das ganze Jahr andauern werden. Dann müssten auch Kündigungen ausgesprochen werden, so Eggensberger. „Die Kurzarbeit ist nur eine Kurzfristige Entlastung.“ Auf keinen Fall möchte er sich von seinen Mitarbeitern trennen. „Das Team zu verlieren, wäre fatal.“ Auch er habe bereits Kurzarbeit angemeldet. „Das geht ja gar nicht anders.“ Dabei sei zu bedenken: Zwei Monate müssen die Löhne noch von den Betrieben gezahlt werden. Erst dann könne das Geld vom Amt zurückgefordert werden. Beim Versuch, die Mitarbeiter zu halten, dürfe den Betrieben nicht die Luft ausgehen, sagte auch Sommer.

Massive Belastungen

Dass die Agentur für Arbeit unbürokratisch und schnell einspringe, sei positiv, so Helmer. Dadurch müsse er kein Personal kündigen. Doch er könne nur für seinen Betrieb sprechen. Wer wie stark „ins Straucheln“ komme, dazu könne er noch nichts sagen. Gerade für kleinere Betriebe, die Pacht zu zahlen haben, sei jeder Monat mehr eine massive Belastung, sagte auch der Schwangauer Hotelier. „Da hilft auch nicht so eine Soforthilfe.“ Er habe sich nicht darum gekümmert, denn mit dem angebotenen Betrag käme er „sowieso nicht weit“.

Betreibsschließungsversicherungen habe vor allem das „obere Segment“ der Hotelbetriebe, so ProAllgäu Geschäftsführerin Wiedenmann. Diese Versicherungen springen aufgrund verschiedener Faktoren ein. Epidemien und Seuchen seien ein Kapitel davon. Ob sie nun aushelfen, müsse noch geklärt werden. Helmer schloss eine sogenannte Betriebsschließungsversicherung gegen Schäden und Folgen von Seuchengefahr. Genau dieser Virus sei, laut Rückversicherung des Anbieters, jedoch nicht berücksichtigt. „Der ist ausgenommen, weil der noch nicht bekannt war“, berichtete der Hotelier. Ähnliches sagte Eggensberger. Da es sich um eine Betriebsuntersagung vom Gesundheitsministerium handle und die Betriebe nicht von der Pandemie betroffen seien, läge momentan kein Betriebsschließungsfall vor.

Die Kurve kriegen

Das KfW-Darlehen ist von der Zinssenkung her ein gutes Angebot, jedoch könne ein Darlehen auch mit ähnlichem Angebot von der Hausbank her angeboten werden. Deshalb sollte Helmers Meinung nach, jeder Gewerbebetreibende erst einmal mit seiner Bank in Kontakt treten, bevor der Staat einspringt. Die Krise werde massive Spuren hinterlassen, es sei für den Tourismus dieses Jahr „ein enormer Einschlag“. Die Gesundheit stehe an erster Stelle. „Wichtig ist, dass wir in zwei Wochen die Kurve kriegen.“ 

Selma Höfer

Zum Thema:

Stefan Fredlemeier, Tourismusdirektor von Füssen Tourismus und Marketing (FTM).

Stefan Fredlemeier, Tourismusdirektor von Füssen Tourismus und Marketing (FTM), gab auf Nachfrage unserer Zeitung einen kurzen Bericht zur aktuelle Lage in der Füssener Tourismusbranche. 

Die Tourismuswirtschaft ist in einer bisher noch nie dagewesene Art komplett zum Erliegen gekommen. Die letzten Allgemeinverfügungen untersagen touristisches Reisen und auch Geschäftsreisen sind auf ein Minimum reduziert. So gut wie alle Unterkunftsbetriebe sind aktuell geschlossen. Die Gastronomie ist auf das „To-go-Geschäft“ eingeschränkt. Im Kern seien es drei Fragen, die die Tourismusakteure vorrangig beschäftigen würden.

Wie können die Kosten, vor allem die Personalkosten reduziert werden, Letzteres, ohne wichtiges Fachpersonal zu verlieren?

Wie in allen anderen Bereichen, bestehe die Frage, wie Personal gehalten werden kann. Die erleichterten Möglichkeiten des Kurzarbeitergeldes würden dabei nach den vorliegenden Informationen gut funktionieren, so Fredlmeier. Das, selbst wenn zu berücksichtigen sei, dass die Agenturen für Arbeit aktuell extrem belastet sind. 

Wie kann der Umsatzausfall kompensiert werden?

"Die diesbezüglichen Verhandlungen mit den Versicherungen gestalten sich aktuell extrem schwierig", berichtete der Tourismusdirektor. Die Beantragung von Versicherungsleistungen allein mit Bezug auf die Allgemeinverfügung des Freistaats habe bisher nicht zum Erfolg geführt, da die Versicherungen eine von den Behörden  –  hier vom Gesundheitsamt Ostallgäu – ausgestellte individuelle Betriebsschließungsanordnung auf der Grundlage des Infektionsschutzgesetzes verlangen. Momentan werden diese individuellen Betriebsschließungsanordnungen noch nicht ausgestellt. In dieser Angelegenheit stünde er in  ständigem Kontakt mit Landrätin Maria Rita Zinnecker (CSU) und dem Staatssekretär Klaus Holetschek (CSU), dem Vorsitzenden des Tourismusverbandes Allgäu-Bayerisch Schwaben und des Bayerischen Heilbäderverbandes.

Wann können wir zurück in den Normalbetrieb gehen?

Wie lange sich die Situation noch hinzieht, wird vorrangig von der Einschätzung der Gesundheitslage abhängen. Eine Öffnung zu Anfang April erscheint sehr unwahrscheinlich, gab Fredlmeier zu bedenken.

Wie stark sich die Corona-Krise auf den Tourismus auswirkt, hänge maßgeblich von der Länge der angeordneten Betriebsschließungen ab. Je länger sich die Schließungen ziehen, desto höher sei das Risiko von Insolvenzen, Entlassungen etc. Mit großer Wahrscheinlichkeit, so Fredlmeier, wird sich beim Anlaufen des Tourismus nach der Krise die Zusammensetzung der Gäste ändern. Dies zugunsten eines höheren Anteils an Gästen aus dem Inland. Auf lange Sicht würde es sich jedoch wieder relativieren. 


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