Die Identität eines Dorfes bewahren

In seinem Vortrag zeigt Walter Hauser (links), was im Alpenraum mit altem Wohnraum passiert. Dieses Haus ist exemplarisch – der neue Anbau vorn und hinten frisst allmählich das alte Bauernhaus auf. Dabei wird aber nur „erweitert, nicht abgerissen“ Foto: Sommer

Auch wenn der Name etwa Gegenteiliges verheißt, zeigt die Fotoausstellung „Weiterbauen am Land” im Felixé Mina’s Haus wie man es nicht machen sollte. Mit seinem Vortrag hat der Tiroler Landeskonservator Walter Hauser kürzlich die Wanderausstellung zum Thema Architektur und Wohnen eröffnet. Sie zeigt 70 „Geschichten über Haus und Hof und der darin lebenden Menschen“ und ist noch bis zum 22. Juni zu sehen.

Wer ein altes Haus besitzt, für den stellt sich irgendwann die Frage: erhalten und schonend sanieren. Weiter und eventuell umbauen oder neu bauen? Mit dieser Thematik, aber eher aus Sicht des Architekten und Denkmalschützers, ist Walter Hauser vom Bundesdenkmalamt anfangs durch Tirol, später Südtirol und Graubünden und schließlich auch durch Südbayern gezogen und hat Beispiele gesucht. Beispiele für gelungenen Umbau oder Sanierung, aber auch für einen misslungenen Weiter- und Umbau, vor allem für die schlechteste Option von allen, den Neubau. Damit begann der Landeskonservator auch seinen Vortrag, zeigte, wie ein schönes aber „nicht mehr nützliches“ altes Haus verschwindet. Es gebe immer 1000 Gründe für den Abriss. Hauser zeigte auf, wie die Baggerschaufel eine Lücke reißt und wie an Stelle der Leere ein „Irgendwo-Haus“ entsteht, das, so der Vortragende, in einem „Irgendwo-Ort“ stehen könne und von irgendwelchen Menschen bewohnt wird. Während das alte Haus in seiner Art, dem Baustil, den Materialien nur an einem Ort stehen könne, quasi die Identität des Ortes und der Menschen dort ausmache, stehe nun ein Haus da, so schön wie es sich der neue Bewohner hat vorstellen können. Aber ohne Identität, ohne Bezug zum Ort, zur Umgebung. Womit aus der Postkartenidylle, die wir alle mit uns herumtragen, so Hauser, ein Abbild vergangener Zeiten werde. Denn die Summe aller Abbrüche mache ein Dorf aus und eben nicht mehr die Kirche. Oder wie es der bekannte Architekt Peter Zumthor formuliert hat: Häuser haben einen emotionalen Wert. Doch es muss nicht immer nur der Abriss sein, der den Wert eines Hauses auf Null setzt, wie Hauser weiter zeigte. Man denke allein an die Fenster. Wo alte Holzsprossenfenster immer noch viel Licht hereinließen und auch einen schönen Blick nach draußen gewährten, gehe es heute vielmehr um Heizwerte und den Wohlfühlfaktor der Katze. Oder der Materialmix an unseren Häusern, inklusive Stahlrohrgeländer und Steintapete. Es gebe eine Überorientierung, für alles gebe es 1000 Lösungen, so Hauser, wo doch nur eine die einzig richtige sei. Betrete man heute einen Baumarkt, sei man urplötzlich Experte für 10.000 Produkte und der Verkäufer Fachmann für Holz Stein,Glas und Pflanzen. Mehr noch als die, deren Profession der Hausbau sei, die das Handwerk erlernt oder studiert hätten, prangerte Walter Hauser die modernen Zeiten an. Dabei gelte es kritisch zu werden, Sinn und Nutzen so vieler Angebote zu hinterfragen. Häuser hätten viel zu erzählen, allein wenn man ein 500 Jahre altes Holzhaus vor sich habe in dem mehr als 20 Generationen gelebt, geliebt und gearbeitet haben. In der Ausstellung hat Hauser 70 ausgewählte und exemplarische Fälle aufgezählt, in Wirklichkeit sind es viel mehr. Der Vortrag, zu dem es auch vier kurze Filme gibt, soll aufzeigen, wohin die Entwicklung gehe. In einer Podiumsdiskussion sollen dann die Lösungen angesprochen werden. Und es gibt auch ein Buch zum Thema, eine Bauherrnfibel, so Hauser abschließend. Die Ausstellung ist bis zum Freitag, 22. Juni zu sehen. Am morgigen Donnerstag, 14. Juni, gibt es um 19 Uhr eine Podiumsdiskussion im Haus über den Wandel des Lebensraums in Tirol, am Freitag, 15. Juni, dann einen Sanierungsabend, ebenfalls um 19 Uhr.

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