Individualität wahren

Eine Sondernutzungssatzung wertet eine Stadt auf, aber die Stadt muss auch kompromissbereits sein, meinte Werbeexperte Prof. Joachim Vossen (Mitte, stehend). Foto: Schuster

Rund die Hälfte der eingeladenen Geschäftsleute war am Donnerstag erschienen, um sich die neue Sondernutzungs- und Werbeanlagensatzung und ihre Vorzüge erläutern zu lassen – vier Monate nachdem sie in Kraft trat. Ein Kommunikationsproblem zwischen Stadt und Einzelhandel wurde im kleinen Kursaal deutlich. Viele Händler fürchten nun um ihre Existenz, weil die Stadtverwaltung ihnen die Werbemöglichkeiten einschränkt. Doch auch von Seiten der Geschäftsleute gab es Missverständnisse. Wenigstens: Eine schöne und saubere Altstadt liegt allen am Herzen. Nun soll es weitere Gespräche geben.

Der Straßenraum ist in erster Linie für die Allgemeinheit da, erst danach darf er auch als Verkaufsfläche herhalten, erläuterte Carmen Settele von der Verwaltung. Das bedeute aber nicht, dass die Händler gar keine Auslagen vor ihre Geschäfte stellen dürfen, wie Bürgermeister Paul Iacob betonte. Mit diesem Irrtum wolle er aufräumen. In der Tat erlaubt die Satzung, zwischen einem und zwei Drittel der Fassadenlänge mit Auslagen zu versehen, wenn sie nicht weiter als 80 Zentimeter vorstehen. In der Ritterstraße müssen zudem vier Meter Straßenbreite für die Feuerwehr zur Verfügung stehen. Die Stadtverwaltung vertritt die Ansicht, dass eine dezente Werbung die Altstadt aufwertet und dass davon auch die Einzelhändler profitieren. Das untermauerte der Experte Prof. Joachim Vossen. „Die Vorzüge einer guten historischen Innenstadt und der Einzelhandel müssen Hand in Hand gehen“, erklärte er. Eine Sondernutzungssatzung stärke die Städte, „Überfrachtung mit Auslagen ist immer eine Minderung der Einzigartigkeit einer historischen Stadt“, gab er an. Die Händler sahen das größtenteils anders. Füssen verfüge über zahlreiche individuelle Läden, die sich auch individuell präsentieren sollen, war mehrfach zu hören. Eine Vereinheitlichung und Reglementierung der Werbung und Auslagen passte den meisten Händlern nicht. Viele schwören auch weiter auf Werbematerialien wie die so genannten „Kundenstopper“, die mittlerweile verboten sind. Sie geißelte Vossen, als Relikt aus den 60er und 70er Jahren. Manche Händler hätten laut Settele auch ohne Kundenstopper gute Erfahrungen gemacht, wie etwa Trachten Wolf, Einbußen „merke ich aber schon“, konterte Marko Ullot, dessen orthopädisches Schuhgeschäft in der Luitpoldstraße auch von der Hinteren Gasse aus erreichbar ist. Stehe kein Ständer draußen, kehre der Kunde wieder um, weil in der Gasse nichts los sei. Ähnlich lautete auch die Befürchtung von Gabriel Guggemos, der für die Händler in der Brunnengasse sprach. Er befürchtete zudem, dass mehr Autos illegal durch die Brunnengasse fahren, wenn weniger Auslagen vor den Geschäften den Weg versperren. Iacob schlug vor, die Händler der Luitpoldstraße sollen sich zusammen schließen, um ein hochwertiges gemeinsames Hinweisschild nahe des Mädchenbrunnens aufzustellen anstelle von verstreuten Kunden-stoppern. Etwas ähnliches könnte auch dem gemeinnützigen Flohmarktladen in der Hinteren Gasse helfen, der ohne Klappschild nur schwer zu finden ist. Ein großes Problem, das mehrere Anwesende beschrieben, war die Kommunikation von Seiten der Verwaltung. Viele hätten das kleine graue Heft kommentarlos in die Hand gedrückt bekommen, teils ohne selbst zu Wort kommen zu dürfen. Im Januar trat es in Kraft, sechs Wochen später beanstandeten städtische Bedienstete die ersten Verstöße, die dann teils in Bußgeldbescheiden mündeten. Diese liegen derzeit auf Eis, Iacob stellte in Aussicht, sie nicht wirksam werden zu lassen, wenn die betroffenen Geschäftsinhaber kooperieren. Um den individuellen Problemen der Händler der verschiedenen Altstadtgebiete Rechnung zu tragen, kündigte Bürgermeister Paul Iacob an, mit den Händlern der einzelnen Altstadt-Straßenzüge Gespräche zu führen.

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