Internetkriminalität nimmt auch im südlichen Ostallgäu weiter zu

Kriminalität im Königswinkel: »Das Geld verdient man heute im Netz«

Senior vor Computer
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Betrügereien im Internet sind auch im Königswinkel weiterhin auf dem Vormarsch.
  • vonMatthias Matz
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Füssen/Landkreis – Der klassische Banküberfall mit Strumpfmaske über dem Kopf und gezogener Pistole in der Hand war gestern. Wer heute viel Geld ergaunern will, der geht ins Internet. Im World Wide Web sind die Möglichkeiten für Betrug und Diebstahl mittlerweile schier unendlich. Das müssen zunehmend auch die Beamten der Polizeiinspektion (PI) Füssen und der Polizeistation Pfronten feststellen. „Es gibt keinen Tag mehr, an dem wir nicht einen solchen Fall haben“, berichtete Füssens Polizeichef Edmund Martin am vergangenen Donnerstag bei der Vorstellung des „Sicherheitsberichts 2020“. „Das Geld verdient man heute im Netz!“

Insgesamt 195 Vermögensdelikte registrierte die Polizei im Königswinkel im vergangenen Jahr, was ungefähr dem Vorjahreswert (198) entspricht. Von diesen 195 Delikten entfallen 111 unter die Sparte Betrugddelikte. Davon ereigneten sich 88 im Bereich der PI Füssen und 23 im Bereich der Pfrontener Polizei.

Vorbei sind dabei die Zeiten des klassischen Kreditkartenbetrugs. Begünstigt durch die technischen Neuerungen werden die Täter im trickreicher. Eine besonders beliebte Masche derzeit ist laut Martin und Thomas Zeidler, Leiter der Polizeistation Pfronten, das sogenannte Love-Scamming. Dabei gaukeln die überwiegend im Ausland sitzenden Betrüger im Internet über ein falsches Profil dem Opfer eine Online-Liebesbeziehung vor, meist verbunden mit dem Versprechen auf ein baldiges Treffen im realen Leben. Vorher aber muss das Opfer viel Geld überweisen – etwa, um vermeintliche Schulden des „Partners“ zu begleichen oder damit dieser sich vorgeblich verloren gegangene Ausweispapiere wieder beschaffen kann.

Auf dem Vormarsch sind aktuell auch Online-Gewinnversprechen oder Anlagebetrügereien mit Kryptowährungen wie Bitcoins. Habe das Opfer erst einmal Geld in eine solche Währung investiert, kämen anschließend immer weitere Zahlungsaufforderungen der Betrüger in Form von vermeintlichen Gebühren oder Steuern, erläuterte Thomas Zeidler. Dabei wird dem Betrogenen vorgegaukelt, dass er diese zunächst begleichen müsse, um seinen Gewinn ausbezahlt zu bekommen. „Das ist derzeit richtig lukrativ“, betonte er. Gleiches gelte für den Warenbetrug auf Ebay. Hier warnte Zeidler vor allem davor, von „Paypal Family and Friends“ Gebrauch zu machen. Diese Zahlungsmöglichkeit sei zwar gut gemeint, mache es den Betrügern aber um ein Vielfaches leichter, vermeintliche Kunden um ihr Geld zu betrügen.

Wenig Vorsicht

Doch so vielfältig und phantasiereich die Betrugsmöglichkeiten im Netz mittlerweile auch sind – viele Opfer machen es den Tätern auch allzu leicht. Denn angesichts vermeintlicher „Schnäppchen“ vergesse der ein oder andere schon mal die nötige Bedachtsamkeit. „Jede Vorsicht wird da außer Acht gelassen“, warnte Zeidler. Dabei sollte eigentlich jedem klar sein: „Es gibt keinen Thermomix für 500 Euro!“

Neben zahlreichen Betrügereien im Internet beschäftigten aber auch die „Klassiker“ wie der „Enkelbetrug“ oder der „falsche Polizeibeamte“ die Beamten im Königswinkel. „Der falsche Polizeibeamte funktioniert leider richtig gut“, berichtete der Ermittlungsbeamte Hansjörg Schneidberger. Die gängige Masche der Täter: Sie rufen das Opfer, vornehmlich alleinstehende Senioren, an und geben sich als Polizeibeamte aus.

Die Geschichte, die dann erzählt wird, ist meist die gleiche oder ziemlich ähnlich: in der Nachbarschaft habe es mehrere Einbrüche gegeben, weswegen der Angerufene seine Wertsachen aus Sicherheitsgründen oder zur Spurensicherung einem falschen Polizeibeamten übergeben müsse. Das Perfide: die Täter benutzen eine spezielle Technik oder Software, die auf der Telefonanzeige des Betrogenen tatsächlich die Nummer der örtlichen Polizei oder der 110 erscheinen lässt.

Spiel mit der Angst

Auf die Angst der Opfer zielen auch die „Schockanrufe“ ab. Dabei tischen die Anrufer den Opfern auf, dass sich ein Familienmitglied in einer akuten Notlage befinde, für das sie einen hohen Geldbetrag benötigen. Bei beiden Maschen sitzen die Betrüger meist in Call-Centern in Izmir oder Istanbul, berichtete Martin. Die Täter profitieren dabei nicht nur vom technisch-digitalen Fortschritt, sondern auch immer perfideren Betrugsmaschen. „Interessant ist, wie sich die Betrüger immer weiter entwickeln“, sagte Schneidberger. Einen weiteren Grund für den Vormarsch der Online-Betrüger nannte Polizeichef Martin: Statt der harten Strafen für einen bewaffneten Raubüberfall erwartet die Täter im Falle einer Verhaftung und Verurteilung lediglich eine milde Strafe wegen Betrugs. „Die freuen sich“, so Martin.

mm

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