Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen

"Es ist schade, jetzt aussteigen zu müssen"

Andreas Ullrich sieht auch nach seinem Rücktritt aus dem Füssener Stadtrat seine Fraktion auf einem guten Weg.

Füssen – Seit 2008 saß Andreas Ullrich für die Freien Wähler im Füssener Stadtrat, seit 2009 war er Dritter Bürgermeister. Mitte September erklärte er dann aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt (der Kreisbote berichtete).

Im Interview mit dem Kreisbote spricht Ullrich nun über seine Zeit im Stadtparlament, was dort auf den Weg gebracht wurde, wo er noch Handlungsbedarf sieht und was er seiner Nachfolgerin mit auf den Weg gibt.

 Herr Ullrich, was hat Sie dazu bewogen in der Lokalpolitik aktiv zu werden.

 Ullrich: „Ich habe 2001 den Vorsitz vom BDS Füssen übernommen und 2005 die Messe ,Wir in Füssen‘ ins Leben gerufen. Irgendwann habe ich festgestellt, dass es als Wirtschaftsverband oder als Wirtschaftstreibender ohne jede politische Verbindung schwierig ist, voranzukommen. Wer nicht immer nur quängeln und maulen sondern aktiv etwas bewegen will, muss Zeit investieren. Daher wollte ich den Versuch machen, über eine Kandidatur für den Stadtrat Teil der politischen Willensbildung zu werden. Unter den Rahmenbedingungen, die ich bei den Freien Wählern vorfand – kein Fraktionszwang und ein offenes Diskussionsklima – habe ich die Stadtratstätigkeit schätzen gelernt. Die Entscheidung, die dort getroffen werden, können unter anderem dafür verantwortlich sein ob der Wirtschaftsraum Füssen floriert oder unter ferner liefen verschwindet. Ich möchte mich auf diesem Wege bei allen Bürgern bedanken, die das durch ihre Stimme für mich möglich gemacht haben."

 Habenfaktor für Füssen

 Wurde in Ihrer Zeit als Stadtrat etwas auf den Weg gebracht, auf das Sie besonders stolz sind?

 Ullrich: „Ja, die Installation von Stefan Fredlmeier als Leiter von Füssen Tourismus und Marketing. Da werde ich immer mit Freude darauf zurückblicken, weil das wirklich ein Habenfaktor für Füssen war. Und dann die Fußgängerampel (in der Luitpoldstraße – Anmerk. d. Red.). Ende 2008 war mein erster Antrag zum Thema Ampel, die jetzt fest installiert ist und tatsächlich funktioniert. Aber jahrelang musste ich im Wechsel mit Jürgen Doser Anträge stellen, die immer wieder an den Mehrheitsverhältnissen im Füssener Stadtrat gescheitert waren. Das kam einfach von der falschen Fraktion. Das hat sich jetzt aber gedreht. Jetzt sind unwahrscheinlich viele dabei (im Stadtrat – Anmerk. d. Red.), die sagen: ,Eine Fraktion ist was tolles, da berät man sich. Aber am Ende entscheide ich so wie es da drinnen in der Brust schlägt´. Das ist aus meiner Sicht die richtige Haltung. Wir habe das Verkehrskonzept als Ganzes zwar noch lange nicht in trockenen Tüchern, aber einen wichtigen weiteren Schritt getan. Das muss jetzt über ISEK verhandelt werden. Die Freien Wähler haben 2013, Anfang 2014 unter Wollnitzas Zeiten einen Antrag auf sozialverträglichen Wohnraum gestellt, der damals auch von der SPD abgelehnt worden ist – kam wohl auch von der falschen Fraktion. Mittlerweile hat sich der Stadtrat gemeinsam dazu entschlossen, bei künftigen Wohnbauprojekten auch Platz für ,Normalverdiener‘ zu schaffen. Wer sich das als Verdienst letztendlich an die Brust heften möchte, ist mir gleichgültig. Wichtig ist das Ergebnis – und das ist gut.“ 

Undefinierte Ziele

 Bei welchen Themen sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Ullrich: „Das fängt bei der Wirtschaft an, das geht beim Verkehr weiter und das muss im Tourismus irgendwo enden. Die Ziele sind nicht definiert. Wir haben jetzt das Verkehrsthema Innenstadtentwicklung, bei dem der Eindruck entsteht, dass Verkehr nur in der Innenstadt stattfindet. Leider hören auch die Verkehrsplaner an der Grenze des Untersuchungsgebiets auf zu denken. Das sind Verkehrsströme, die fangen in Pfronten an und enden in Schwangau. Sie fangen in Augsburg an und enden in Innsbruck. Diese müssen wir uns anschauen. Und nicht gucken, wo man jetzt eine Straße und wo man eine Ampel bauen kann. Wir arbeiten leider viel zu oft nach der Salamitaktik: Wir entscheiden jetzt irgendwas und schauen uns nur die erste Scheibe an. Den Rest der Salami interessiert uns nicht. Und dann kommt am Schluss der Wurstzipfel, und man stellt ,plötzlich‘ fest: Mensch, das passt ja gar nicht zu den ersten Scheiben. Diese Vorgehensweise verstehe ich nicht. Als kleines Beispiel kann die aktuell immer schlimmer werdende Busproblematik dienen: seit Jahren verspricht unser Bürgermeister Lösungen ... Andreas Eggensberger macht jetzt was ganz pragmatisches, ist ja selber Busfahrer und hat sich mit anderen Busfahrern wie zum Beispiel Kößler getroffen und gefragt, wie das Problem gelöst werden könnte. Ich wünsche dem Projekt viel Erfolg. Dem Tourismus darf man attestieren ,läuft‘. Stefan Fredlmeier braucht aber weiterhin Unterstützung. Er braucht das Gefühl: Ich bin hier nicht der Einzelkämpfer, der in Sachen EVF und in Sachen Mittersee immer mal wieder eine volle Breitseite kriegt, obwohl er nichts dafür kann. Er macht nur seinen Job. Auf dem Weg zum Qualitätstourismus könnte ihm der Bauausschuss helfen. Dazu sind aber wiederum qualifizierte Bebauungspläne nötig, die ganz klar festlegen, was wir wo wollen. 

Also fehlt´s auch an der Kommunikation? 

Ullrich: „Ja, und da bin ich ganz stark der Überzeugung, das ist nicht nur eine Bringschuld der Verwaltung, das ist auch eine Holschuld des Stadtrats. Ich kann nicht immer in der öffentlichen Sitzung irgendwelche Dinge fragen, die ich eigentlich mit dem Amtsleiter oder mit einem Mitarbeiter der Verwaltung auch im Vier-Augen-Gespräch hätte klären können. Gleichzeitig habe ich aber das Gefühl, dass in manchen Bereichen der Verwaltung nicht langfristig genug gedacht und gehandelt wird. Also nicht nur sagen: Da schreit nichts, da muss ich nichts tun, sondern proaktiv überlegen was entwickelt sich und wo muss ich reagieren.“ 

Ausufernde Diskussionen 

Gibt es etwas, das Sie nach Ihrem Rücktritt als Stadtrat nicht vermissen werden? 

Ullrich: „Ja. Gute Projekte scheitern zu sehen, nur weil sie politisch nicht gewollt werden. Ich werde kleinliche Debatten nicht vermissen, die um ein Detail gehen und das große Ganze völlig ignorieren. Ich gestehe jedem seine eigene Art der Gesprächsführung zu. Wir haben aber stellenweise Diskussionen, die völlig ausufern und das eigentliche Ziel nebensächlich erscheinen lassen. Und wenn dann auch noch jemand ein falsches Wort sagt, eskaliert es in persönlichen Befindlichkeiten. Ich würde mir bei manchen Themen auch eine neutralere Moderation der Sitzungen wünschen, bei der persönliche Meinungen und Wertungen entfallen und bei der alle Aspekte eines Problemfelds zur Sprache kommen.“ 

Gibt es denn etwas, was Ihnen nach Ihrem Rücktritt fehlen wird?

 Ullrich: „Das ist für mich schon ein komisches Gefühl zu wissen, dass hier weiterhin die Geschicke Füssens gelenkt werden und ich bin im Prinzip nur noch Zaungast. Der Kontakt mit den Kollegen ist in den letzten Monaten viel besser geworden. Die Kommunikation ist zunehmend auf fruchtbaren Boden gefallen, dass es eigentlich schade ist, jetzt aussteigen zu müssen. Das Potential ist jetzt da, wirklich große Dinge anzugehen und umzusetzen. Vermissen werde ich, miteinander für Füssen zu kämpfen. Das kann ich aber auch ,in zweiter Reihe‘ noch machen. Ich bin ja nicht komplett weg.“ 

Sie werden künftig also in anderer Form in der Lokalpolitik aktiv sein? 

Ullrich: „Wenn man für die Lokalpolitik brennt und weiß, was man dort bewirken kann, wenn man´s vernünftig macht, dann kann man nicht sagen, künftig mach ich einen auf Rentner. Wenn die Gesundheit wieder hergestellt ist, werde ich als erstes in unsere öffentlichen Fraktionssitzungen der Freien Wähler gehen, weil ich das als unwahrscheinlich geniales Medium der Bürgerbeteiligung empfinde. Und dann auch wieder in die eine oder andere Sitzung. Ich habe Hans-Jürgen Adam versprochen, dass ich ihn bei der Vorbereitung für eine Kandidatur auf unserer Liste 2020 aktiv begleite und das meine ich ernst.“

Heißt das, Sie können sich vorstellen, 2020 erneut für die Kommunalwahl zu kandidieren?

Ullrich: „ Ja, wenn die Gesundheit mitspielt, auf jeden Fall. Ich habe daraus gelernt, wie die Belastung ausschauen muss, die ich aushalte. Und wenn ich 2020 der Meinung bin, ich schaffe das, dann mach ich´s auch.“ Ab wann werden Sie nicht mehr an den Stadtrats- und Ausschusssitzungen teilnehmen? Ullrich: „Am 13. September habe ich der Verwaltung erklärt, dass ich mit sofortiger Wirkung meinen Rücktritt einreiche. Die Nachfolge soll jetzt eh in der nächsten Sitzung (des Stadtrats – Anmerk. d. Red.) erfolgen.“ 

Gutes Standing 

Mittlerweile steht fest, dass Christine Fröhlich, die Erste Vorsitzende der Freien Wähler Füssen, für Sie nachrücken wird. Wie bewerten Sie ihre Nachfolgerin?

Ullrich: „Sie ist voll in den Themen drin, weil sie an fast jeder Stadtratssitzung teilnimmt. Für mich ist es natürlich schon beruhigend, dass es bei den Freien Wähler auf dem gewohnt hohen Niveau weitergeht. Wir haben schon ein gutes Standing, so wie wir uns auf die Sitzungen vorbereiten. Wir wissen, wo wir die Klappe aufmachen müssen oder wo wir uns einer Wortmeldung enthalten, weil alles schon gesagt wurde. Ich muss nicht zu jedem Thema meine Meinung kund tun, nur damit ich was gesagt habe. Da sind wir eigentlich auf einem sehr guten Weg, damit das genauso weitergeführt wird.“ Was geben Sie ihrer Nachfolgerin denn dann mit auf den Weg? Ullrich: „Ich kenne Christine persönlich sehr gut. Ich weiß wie sie tickt, ich weiß was sie kann und ich kenne ihre persönlichen Stärken. Ich würde ihr mit auf den Weg geben: Bleib so wie du bist, weil es das ist, was man da oben braucht, und nimm nichts persönlich.“ 

Herr Ullrich, vielen Dank für das Gespräch!

Katharina Knoll

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