Ortsbesichtigung am alten Landratsamt

"Die 19 anderen verbrutzeln"

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Am alten Landratsamt demonstiert die Feuerwehr Füssen, wie sie im Ernstfall mit der Drehleiter Menschen aus dem Gebäude evakuiert. Aus dieser Position erreicht der Arm aber nicht ganz das Fenster im ersten Stock.

Füssen – Die 250 Jahre alte Esche vor dem alten Landratsamt darf nun doch weg, um den Brandschutz sicherzustellen. Das hat der Bauausschuss in seiner Sitzung am Dienstag beschlossen.

Eine Woche zuvor war sich der Stadtrat darüber noch in die Haare geraten: Bürgermeister Paul Iacob (SPD) drohte sogar die Orthopädisch-Chirurgische Praxis in dem Haus zu schließen, falls sich das Gremium gegen das Fällen des Baums entscheiden sollte. Einige Stadträte hielten den Fall aber für nicht so akut und wollten erst vor Ort alle Optionen prüfen. 

1975: Das Landratsamt zog aus, Behörden, Arztpraxen und die Kleiderkiste siedelten sich an. Nun stehen im zweiten Stock erneut Umbauarbeiten an, die genehmigt werden müssen. Da damit allerdings der Bestandsschutz erlischt, gelten für das alte Landratsamt nun die neuen Brandschutzverordnungen, die deutlich schärfer sind als die alten. So braucht die Praxis und die Kleiderkiste einen zweiten Rettungsweg, der die Stadt rund 100.000 Euro kosten wird. Da sie das Geld aber nicht im Haushalt eingeplant hat, wäre ein Nachtragshaushalt nötig, was die Stadt aber unbedingt vermeiden möchte. 

Deshalb schlug die Verwaltung vor zunächst nur das Fundament auszubauen und eine Fluchttreppe vom Keller in den Erdgeschoss zu legen. Die rund 45.000 Euro dafür habe die Stadt im Haushalt, so Bauamtsleiter Armin Angeringer. Die oberen Stockwerke soll die Feuerwehr mit Hilfe einer Drehleiter evakuieren, bis die gesamte Fluchttreppe errichtet ist. Dafür steht aber die alte Esche im Weg, weswegen diese gefällt werden sollte. 

Doch das passte einigen Stadträten nicht. Sie schlugen andere Zufahrtswege vor, die die Feuerwehr am Dienstag schließlich ausprobierte. Hier wurde klar, dass etwas getan werden muss: Die Floriansjünger rangierten ihren Wagen rückwärts zwischen der alten Esche und anderen Bäumen hindurch, über den südlichen Weg zum Gebäude, was im Ernstfall viel zu lang dauern würde. 

Die Drehleiter war dann trotzdem zu weit vom ersten Fenster entfernt. Auch davon die Parkplätze an der Südseite in eine Zufahrt für die Feuerwehr umzubauen, hielt der Kommandant der Füssener Feuerwehr, Thomas Roth, nicht viel. Denn dann könnten die ersten drei Fenster auf der Ostseite nicht mit der Drehleiter evakuiert werden. Außerdem müssten die Parkplätze an einer anderen Stelle ersetzt werden, so Iacob. Den Platz habe die Stadt aber nicht. 

Von der Westseite könne die Feuerwehr auch nicht evakuieren, da sie dann über ein Privatgelände fahren müsste. Die vierte Variante, alle Bäume zu erhalten und dafür den Hügel für eine Zufahrt abzutragen, sei mit 8000 Euro aber die teuerste, erklärte Bauamtsleiter Armin Angeringer. Sowohl eine Rettungstreppe als auch eine Feuerwehrzufahrt zu schaffen, dafür sprachen sich Michael Jakob und Dr. Christoph Böhm (beide CSU) aus. 

Böhm schlug außerdem vor sofort eine provisorische Treppe für 3000 Euro aufzustellen. Denn mit der Drehleiter könne man nur eine Person evakuieren und „die 19 anderen verbrutzeln in der Zeit“. Für eine Feuerwehrzufahrt sollten die Parkplätze so verschoben werden, dass eine drei Meter breite Fläche entstehe. Dann müsste zwar die Hecke weg, aber die Esche könnte stehen bleiben. Außerdem wäre der Vorschlag schnell und günstig umzusetzen. 

Doch Roth sah darin ein gravierendes Problem: Das Feuerwehrfahrzeug braucht minimal fünf bis sechs Meter Platz. „Am sinnvollsten wäre es, gleich die richtige Lösung zu machen“, meinte Dr. Anna Derday (FW). Auch Michael Schmück (CSU) wollte gleich die komplette Fluchttreppe bauen. „Das wird alles teurer, als wenn wir es gleich korrekt machen.“ 

Schließlich seien das Notschutzmaßnahmen für die es im Haushalt Instrumente gebe. Doch Iacob beharrte darauf, dass die Stadt sparen müsse: „Wir wollen keinen Nachtragshaushalt“. Das wollte wohl auch die Mehrheit des Gremiums nicht, denn sie entschied mit 10:3 Stimmen, der Feuerwehr die Zufahrt zum Haus zu gewährleisten. Dafür darf gegebenenfalls auch die Esche gefällt werden. Außerdem soll der Kellerausstieg mit einem Fundament und Nottreppe in das Erdgeschoss schnell umgesetzt werden.

Katharina Knoll

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