Einweihung ohne Pomp und Feierlichkeiten

130 Jahre Füssener Bahnhof

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Der Füssener Bahnhof 1889, dem Jahr seiner offiziellen Übergabe. Am heutigen Samstag, 1. Juni, vor 130 Jahren wurde die Bahnstation offiziell eingeweiht.

Füssen – Die Einweihung nach über einem Jahr Bauzeit verlief völlig unspektakulär. Weil kurz zuvor Königin Marie Friederike auf Schloss Hohenschwangau verstorben war, verzichtete die Localbahn Actiengesellschaft (LAG) bei der Übergabe des Füssener Bahnhofs an den Bahnverkehr heute, Samstag, 1. Juni, vor genau 130 Jahren auf jeglichen Pomp.

Das hielt die neue Bahnverbindung Oberdorf – Füssen aber nicht davon ab, ein Kassenschlager zu werden: Noch 1937 fuhr die Betreibergesellschaft einen Überschuss von 125.612 Reichsmark auf der Strecke ein, wie der ehemalige Kulturamtsleiter Thomas Riedmiller bereits 2014 in einem Vortrag zu berichten wusste. Der Bau der neuen 30,6 Kilometer langen Bahnstrecke zwischen Oberdorf und Füssen fiel seinerzeit in die Boomphase des neuen Transportmittels Eisenbahn und dementsprechend zügig wurden Strecke und Bahnhof aus dem Boden gestampft. 

Bereits 13 Monat, nachdem Prinzregent Luitpold am 14. März 1888 die Konzessionsurkunde für die Strecke an die LAG unterzeichnet an hatte, fuhr der erste Zug auf der Strecke. Mitfinanzier für den Bau der neuen Bahnverbindung waren übrigens die Mechanische Seilwarenfabrik und die Spinnerei und Weberei Reutte. Die erste Strecke, die die LAG eröffnet hatte, war 1888 die Straßenbahn von Ravensburg nach Weingarten. 

Der Bahnhof Füssen 1890.

Im gleichen Jahr folgte die erste bayerische Strecke mit der Verbindung Sonthofen – Oberstdorf eröffnet. Mit dem Bau der Strecke Oberdorf – Füssen entstand auch der Füssener Bahnhof. Auffallend an den Plänen laut Riedmiller sei, dass kein Architekt sie seinerzeit namentlich signierte. Zudem sind die Originalpläne nicht mehr im bayerischen Hauptstaatsarchiv vorhanden, sondern nur reproduzierte Pläne. 

Dies deute darauf hin, dass es sich bei den ersten Füssener Bahnhofsgebäuden um eine Typenbauweise handelte, die bei anderen Bahnstrecken ebenfalls in Variationen zur Ausführung kam. So wiesen die Bahnhöfe der LAG insbesondere mit Blick auf das Empfangsgebäude in Tettnang, Bad Heilbrunn, Cadolzburg und Oberau bis ins Detail Ähnlichkeiten mit der Station in der Lechstadt auf. 

Obwohl ein Endbahnhof, wurde der Bahnhalt rechts seitlich der Gleise gebaut, die einfach im Gelände ausliefen. Gegliedert war der Bahnhof 1889 in fünf Baukörper: das zweistockige Wohnhaus, das niedrige Empfangsgebäude mit der offenen Vorhalle, dem Wartesaal dritter Klasse und zweiter Klasse sowie einem Büroraum.

In der Mitte das Stationsgebäudes mit den Expeditions- und Büroräumen. Daran anschließend folgte wieder ein einstöckiger Trakt, die Güterhalle und die Zollhalle. Dann kam abschließend das Zollgebäude, das dem ersten Gebäudeteil gleicht, mit seinen Büros und Wohnungen. Wohnhaus und Zollgebäude waren demnach zweigeschossig, die Giebelfront ist auf die Gleisseite hin ausgerichtet, während das zentrale Stationsgebäude quergestellte Giebelfront aufweist. Die Frontseite ist mit einem mittig gestellten Zwerchhaus, dessen Giebel zu den Gleisen hin ausgerichtet ist, gegliedert. 

Bauboom am Bahnhof

Die Erdgeschossflächen waren aus Haustein, während nach einem Gesimsband die ersten Stockwerke aus unverputzten Ziegelwänden in Fachwerkbauweise hergestellt wurden. Die Dachgeschosse scheinen in Bretter verschalte Holzkonstruktionen gewesen zu sein. Die Giebel waren mit Zierornamenten geschmückt. Die Vorhalle wies eine flache Dachneigung auf und wurde von verzierten Säulen getragen. Fotos aus der Zeit der Eröffnung der Bahnstrecke verströmen einen liebenswerten, nostalgischen Eindruck, obgleich das Bahnzeitalter jedoch das Schwungrad der gesellschaftlichen Entwicklung enorm beschleunigte.

In der Folgezeit löste die Seilerwarenfabrik auf dem neuen Bahnhofsgelände einen regelrechten Bauboom aus. Bereits 1889 wurde die erste große Lagerhalle der Seilerwarenfabrik nördlich der Gleisanlagen errichtet, der zwei weitere große Hallen folgten. Schon 1890 folgte der Bau einer großen Bahnhofsrestauration in der heutigen Bahnhofstraße 10, in das dann nach einem Umbau 1923 das Postamt zog. Davor war es in dem 1902 neu errichteten Gebäude in der Bahnhofstraße 3. Das repräsentative große Hotel „Bayerischer Hof“ in der Bahnhofstraße 1 entstand 1896. 

Neue Prachtbauten

Danach, im Jahr 1900, wurde für das Rentamt bzw. heutiges Finanzamt ein klassizistische Gebäude hochgezogen. Bald war der ländlich geprägte Bahnhof von einer Reihe repräsentativer städtischer Gebäude umgeben, die ihn sowohl in Höhenentwicklung und umbautem Raum weit übertrafen, als auch in Architekturstil und Formensprache völlig andere Anleihen am Stil der Gründerzeit nahmen. 

Sinkende Bedeutung

In den Folgejahren sank die Bedeutung des Bahnhofs aber und er spielte städtebaulich keine Katalysatorrolle mehr. Im Gegenteil: er verfiel, sodass 1923 der „Verschönerungs- und Verkehrsverein Füssen“ auf den Plan trat und den Zustand deutlich kritisierte. 

Ein Umbau erfolgte allerdings erst in den Jahren 1929/1930, wobei die offene Vorhalle ummauert und zusammen mit den ehemaligen Wartesälen zur Schalterhalle umfunktionierte wurde. In das Assistenten-Wohngebäude wurden Wartesaal und Toilettenanlage verlegt. Dazu kam ein frontal zu den Gleisen gebauter Neubau, der als Gepäckhalle diente. Darüber hinaus soll eine neue überdachte Vorhalle weiter störend in die Architektur eingegriffen haben. 

Eine weitere Renovierung erfolgte 1976, aber die Tage des Bahnhalts waren gezählt. In der Folgezeit verlor er immer weiter an Bedeutung und im Frühjahr 2015 erfolgte schließlich der Abriss durch die Marktoberdorfer Firma Hubert Schmid.

kb/mm

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