Vortrag über Martin Luther aus Sicht der Psychotraumatologie

Extreme Widersprüche

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Neuübersetzungen der Bibel überreicht Pfarrer Jörn Foth (links) aus dem Kurgespräche-Team an den Gastreferenten Frank Witzel, einem Kollegen aus dem Kleinwalsertal, der den 50 Zuhörern die widersprüchliche Persönlichkeit von Martin Luther erklärend näher brachte.

Füssen – Ein Lutherbild, das den Reformator in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zeigte, zeichnete jetzt der evangelische Pfarrer Frank Witzel.

Der Gastreferent aus Österreich stellte unter viel Beifall im Rahmen der Füssener Kurgespräche im Franziskanerkloster den „Martin Luther aus Sicht der Psychotraumatologie“ vor. Martin Luther wandte sich – aus heutiger Sicht der Theologen – nicht gegen die Kirche, sondern gegen das, was aus der Kirche geworden war: zum Beispiel durch den Ablasshandel. 

Der in jungen Jahren ängstliche, danach mächtig aufbegehrende Mönch, entwickelte sich im Lauf seiner Lebensjahre nicht nur zum großen Leitbild, wie ihn viele Generationen von Christen noch bis heute gerne sehen wollen und deshalb auf den Sockel stellen. Luther zeigte in seinen unzähligen Schriften freilich auch ein zweites, ziemlich erschreckendes Gesicht. 

Frank Witzel stellte unter viel Beifall im Rahmen der Kurgespräche im Franziskanerkloster den „Martin Luther aus Sicht der Psychotraumatologie“ vor. Die 95 Thesen, die Martin Luther am 31. Oktober 1517 an die Schlosskirchentür von Wittenberg anschlug, waren aus der seelsorgerischen Empörung des Mönchs darüber entstanden, dass Geldgeschäfte wie der Ablass gemacht wurden und dabei die Angst der Gläubigen im Mittelalter mit Tod, Teufel und Verdammnis geschürt wurde.

Der „Reformator“ selbst litt unter Angstattacken, ausgelöst durch einen gewalttätigen (Über-)Vater, der ihn als „Neureicher“ zum Jurastudium verdonnern wollte. Ein ängstlicher Mensch war Luther zudem durch sein eigenes Gottesbild, das mit heiligem Zorn und der Androhung von drastischen Strafen verbunden war. 

"Höchst fragwürdig"

Der evangelische Pfarrer aus der Gemeinde Kreuzkirche-Hirschegg im Kleinwalsertal knüpfte als Gastreferent an seine Ausführungen im Vorjahr an. Folglich lautete der Titel „Martin Luther aus Sicht der Psychotraumatologie“. Die Besucher im Vortragssaal, denen Witzel eine anschauliche Einführung in diese moderne wissenschaftliche Methode bot, konnten dadurch leicht verstehen, dass Luther ein besonderer Mensch mit großen Widersprüchen war.

In Schriften war seine Haltung zum Bauernkrieg und den Juden gegenüber nicht vom Heiligen Geist inspiriert: Der Reformator veröffentlichte dazu polternde Tiraden. Der Referent bezeichnete den Inhalt dieser Bücher als „zum Teil höchst fragwürdig“. Durch seine Weiterbildung auf dem Gebiet der Psychotraumatologie konnte er allerdings Hilfen anbieten, Luther in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu verstehen. Der Referent regte dabei an, dass sich jeder in der Zuhörerschar eigene Gedanken darüber machen könnte, inwieweit man sich manchmal aus Sicht von Dritten „richtig klasse“ und dann wieder „einfach schrecklich“ aufführe.  

Extreme Widersprüche

Luthers extreme Widersprüchlichkeit zeige sich gerade in späteren Jahren in einem kaum noch gezügelten Verhalten: „Wo er Nähe gespürt hat, hat er reingehauen“, so der Gastreferent. Spannend war der Vortrag durch das skizzierte Beispiel, wie Erasmus von Rotterdam und Martin Luther ab 1519 miteinander korrespondiert hatten. Während Luther eine „harte Linie“ gegen die vom Papst geführte römisch-katholische Kirche vertrat, setzte sich Erasmus für „innere Reformen“ ein und bat Martin Luther um „Mäßigung“.

In religiösen Fragen ging beider Streit darüber, ob Gott dem Menschen einen freien Willen gegeben habe. Erasmus traute jedem Menschen zu, zwischen dem Guten und dem Bösen zu wählen. Dem widersprechend hatte Luther den christlichen Glauben auf drei Säulen gestellt: „Allein der Glaube, allein die Gnade, allein die Schrift."

cf

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