Nesselwanger vermietet eine Wohnung an Asylbewerber

"Ich würde es auf jeden Fall wieder machen"

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Vermieter Martin Rösner mit Ali Abid bei der gemeinsamen Gartenarbeit.

Nesselwang – Zwei Zimmer, Küche, Bad, insgesamt etwa 70 Quadratmeter – diese Wohnung wollte der Nesselwanger Martin Rösner gerne an Flüchtlinge vermieten.

Nach dem Tod seiner Mutter standen die Räume leer, ein Engagement in der Nesselwanger „Bürgerwerkstatt Asyl“ war für in aufgrund seines Jobs schwierig. Die Wohnung an Asylbewerber zu vermieten – das war seine Idee, zu helfen. 

„Auf dem Landratsamt in Marktoberdorf wurde mir gesagt, dass eine größere Wohnung oder ein ganzes Haus im Augenblick einfacher zu vermitteln wären“, erinnerte sich Rösner.

Als im Laufe des Jahres 2015 Menschen aus Pakistan, Eritrea, Afghanistan, Syrien und anderen Ländern ins Ostallgäu kamen, war der Bedarf an Gemeinschaftsunterkünften groß. Eine kleinere Wohnung an Migranten zu vermieten, ginge eventuell auf privater Basis. „Schließlich hat man mir im Jobcenter den Vorschlag gemacht, ich solle einfach einen Aushang machen.“

Der erste Interessent, der bei Rösner vorstellig wurde, kam in einem Audi Q7 vorgefahren. „Woher er genau kam, weiß ich nicht, nur dass das nicht meiner Vorstellung von jemandem entsprach, der wirklich dringend eine preiswerte Wohnung benötigt.“ 

Schließlich erfuhr Tina Laute von dem Angebot. Sie ist seit ihrer Gründung bei der „Bürgerwerkstatt Asyl“ aktiv und betreut als Patin Ali Hassan, einen jungen Mann aus Pakistan. Für seinen gelernten Beruf Friseur mangelte es ihm an Sprachkenntnissen, schnell bekam er aber auf der Hündleskopfhütte einen Job und macht dort mittlerweile eine Ausbildung in der Gastronomie.

Gemeinsam mit seinem Landsmann Abid Ali, der im Gasthof Falkenstein Koch lernt, war Ali auf der Suche nach einer Wohnung. 

Das Problem: Bei Asylbewerbern aus Pakistan ist die Chance auf Anerkennung gering. Unter bestimmten Umständen, beispielsweise bei Beginn einer Ausbildung, können sie eine Duldung bekommen. Kommt ein Abschiebebeschied, bleibt aber in der Regel keine Zeit mehr für eine ordnungsgemäße Wohnungsübergabe oder die Suche nach einem Nachmieter. 

Der Vermieter bleibt auf eventuell noch offenen Kosten sitzen. „Hier können wir Paten sagen, wie der jeweilige Sachverhalt ist, uns kümmern und sind auch sonst für alle möglichen Fragen da“, sagt Tina Laute. 

Völlig problemlos ist es hingegen bei den anerkannten Flüchtlingen. „Sie haben eine Aufenthaltserlaubnis. Wer Arbeit hat, bezahlt seine Wohnung selbst, wer noch keine hat, wird vom Staat unterstützt. Angst um seine Mieteinnahmen muss also niemand haben.“

Wichtige Paten 

Die Tatsache, dass jeder Nesselwanger Asylbewerber einen Paten hat, hat Martin Rösner die Entscheidung, die Wohnung schließlich tatsächlich an Ali und Abid zu vermieten, sehr erleichtert. Die Paten vermitteln und erklären und sind für den Vermieter Ansprechpartner, wenn es um Probleme geht. Davon gab es bei Martin Rösner wenige. 

Etwa überrascht war er allerdings, als nach den ersten Monaten die Strom- und Wasserrechnung kam und der Verbrauch immens gestiegen war. „Ich hatte mit den Jungs einen Pauschalpreis für die Miete inklusive Nebenkosten vereinbart – das würde ich heute glaube ich anders machen“, sagt Rösner. Ein Fall für Patin Laute. 

Gemeinsam besprachen sie mit Ali und Abid, warum man auch in einem Land wie Deutschland, in dem es 24 Stunden am Tag Strom und Wasser gibt, beides trotzdem sparen sollte und wie das geht. Mittlerweile ist der Verbrauch erheblich gesunken – Licht wird in den Räumen ausgemacht, in denen es nicht gebraucht wird, Wasser läuft nicht mehr literweise ungenutzt in den Abfluss. 

Ein bisschen Nachhilfe in Sachen Mülltrennung war ebenfalls noch nötig – hier habe allerdings die monatelange „Grundausbildung“ durch Helfer der Bürgerwerkstatt in der Gemeinschaftsunterkunft eine gute Basis gelegt. 

Wie geht es weiter?

Ali und Abid hatten das Glück eine Wohnung zu finden. Im Juni wird die Gemeinschaftsunterkunft in Nesselwang aufgelöst. 

Wenn sie bis dahin keine eigene Bleibe finden, werden die jungen Männer aus Eritrea und Pakistan in Einrichtungen nach Marktoberdorf vermittelt. Nach zwei Jahren, in denen Asylbewerber und Helfer sich gemeinsam um ein gutes Ein- und Zusammenleben bemüht haben, sind beide Seiten nun erneut unsicher, wie es weitergehen wird. 

Menschen, die darüber nachdenken, Zimmer an Migranten zu vermieten möchte Rösner Mut machen: „Wichtig ist, zu sagen, was man als Vermieter erwartet und das zu vereinbaren. Dann funktioniert das sehr gut, auch dank der Paten“, sagt Rösner. „Ansonsten muss ich sagen, dass Ali und Abid extrem höflich und zuvorkommend sind. Laute Musik oder anderen Lärm – das kenne ich nicht.“ 

Um mögliche Unstimmigkeiten gar nicht erst aufkommen zu lassen, haben alle drei gemeinsam nach dem Umzug die Nachbarn besucht. „Ich würde es auf jeden Fall wieder machen“, lautet Rösners Fazit. Wer freie Zimmer und Wohnungen hat, kann sich gerne beim Sprecher der „Bürgerwerkstatt“, Alfons Klotz, unter der Telefonnummer 08361/33 08 melden.

Susanne Wannags/kb

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