"Konkrete Gefahr"

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PETER SCHUSTER, Füssen – „Es geht kein Weg daran vorbei“, machte Bürgermeister Paul Iacob (SPD) am Dienstagabend den Stadträten klar: Die Stadt Füssen muss etwa eine weitere halbe Million Euro in das Gebäude der Grund- und Mittelschule stecken. Ein harter Schlag, denn schon der geplante Schulanbau wird sich um einen sechsstelligen Betrag verteuern (der KREISBOTE berichtete). Diesmal allerdings gilt es, zahlreiche Brandschutzmängel zu beheben, die erst im Rahmen einer Inspektion eben wegen jenes Anbaus ans Licht kamen. Die sind aber scheinbar so eklatant, dass dem Schulhaus sonst die Schließung droht. So richtig gerüstet war keiner der Stadträte für die plötzliche Kostenexplosion beim Thema Grundschule. Entrüstet waren dafür einige Mitglieder des Gremiums in der Marathonsitzung am Dienstag. Stadtbaumeister Theo Fröchtenicht und der Brandschutzexperte Reiner Krebs informierten die Räte zusammen mit Bürgermeister Iacob über den Sachstand, schon im Vorfeld hatten die Freien Wähler mit einem Antrag um Auskunft gebeten. Unzureichende Fluchtwege Im Dezember zog Fröchtenicht Reiner Krebs, seines Zeichens Sachverständiger für Brandschutz, zu Rate, wie vom Landratsamt gefordert. Denn bald soll ein Fertigbau aus Buchloe an das Schulgebäude „andocken“, was brandschutztechnische Fragen aufwarf. Das Urteil des Experten war vernichtend. Angenommen der Verschlag im Untergeschoss, in dem die Schule Papier in Form von Karten etc. lagere, fange an zu brennen. Dann sei innerhalb von zwei Minuten das Treppenhaus so verraucht, dass es als Fluchtweg wegfällt, erläuterte er. Einen weiteren Fluchtweg gebe es nicht, ebenso keine Rauchschutztüren. Der so genannte erste Rettungsweg entspricht nicht der Bauordnung, der zweite existiert nicht – der Gesetzgeber spreche hier von „konkreter Gefahr“, die Schule hätte sofort geschlossen werden können. Als Kompromiss wurden aber zunächst nur einige Räume, vor allem im Keller, für die Nutzung gesperrt, denn laut Baugenehmigung seien diese Lagerräume, mittlerweile lernen dort aber Schüler am Computer oder machen Gymnastik. Die Räume würden regelrecht schwarz genutzt. Gerüst muss her Bevor nun teure Brandschutztüren installiert werden, die den Rauch eindämmen und so die Flucht durch nicht verrauchte Bereiche ermöglichen, muss ein Gerüst als Übergangslösung her, das für einen zweiten Fluchtweg sorgt. Das kostet viel Geld, denn es ähnelt nicht einem Baugerüst, sondern muss über Treppen statt Leitern verfügen, um die Kinder im Notfall zu evakuieren. Die baulichen Maßnahmen, die der Bauhof selbst vornehmen konnte sind bereits erledigt oder im Gange, berichtete Stadtbaumeister Fröchtenicht, die meisten Kellerräume seien wieder benutzbar. Die Gesamtmaßnahmen dürften jedoch eine halbe Million Euro betragen. Wie konnte es dazu kommen, fragten sich die Räte. 1954, als das Gebäude eingeweiht wurde, entsprach es in allen Belangen den neuesten Bestimmungen, erinnerte sich Stadtrat Magnus Peresson (UBL), der in diesem Jahr dort eingeschult wurde. Damals, erklärte Krebs, war aber auch die Brandschutztür noch nicht erfunden. Mittlerweile gebe es zahlreiche neue Gesetze und Bestimmungen zum Brandschutz. Aber werden die nicht regelmäßig kontrolliert? Die Antwort lautet nein, denn die regelmäßigen Sicherheitsinspektionen berücksichtigen nicht den Brandschutz, die Feuerwehr prüfe das Gebäude nicht nach den baurechtlichen Gegebenheiten – dafür sind Sachverständige wie Krebs zuständig, die aber nur zu konkreten Anlässen gerufen werden, wie etwa dem Anbau des Schulgebäudes, so das Fazit aus der Sitzung. Besonders aufgebracht war Stadtrat Lothar Schaffrath (SPD) über den Fall, denn er selbst unterrichtet seit 28 Jahren in dem Schulgebäude. Er wunderte sich vor allem, dass im Rahmen der energetischen Sanierung im vergangenen Jahr die Mängel nicht aufgefallen waren. Die „schweren organisatorischen Mängel“ in der Stadtverwaltung kritisierte Stadtrat Michael Wollnitza (FW), „Wenn ich gut ausgebildete Mitarbeiter in der Stadt habe, dann müssen die doch erkennen, 'ich brauche jemanden, der mir hilft'“, monierte er. Gegen die Stimmen von Magnus Peresson und Dr. Martin Metzger (BFF), stimmte der Rat dann für die Umsetzung der Brandschutzmaßnahmen. Nächstes Thema in Sicht Wie denn die neuen Brandschutztüren aussehen, wollte Stadträtin Hannelore Semmlin-Leix (SPD) wissen – nicht aber, um eine schöne Farbe auszusuchen. „Ich bitte, dass man die Barrierefreiheit bedenkt“. Die werde in öffentlichen Gebäuden nämlich in absehbarer Zeit gesetzlich vorgeschrieben. Versäumt man die Umsetzungen, könnte in Jahren das selbe Debakel nocheinmal drohen, und man müsste heutige Versäumnisse auf einmal nachholen.

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