"Ich bin schockiert"

Kreisbote-Redakteurin Katharina Knoll schildert ihre Rückreise aus Ägypten in der Corona-Krise

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Marsa Alam/Füssen – Um die Verbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen, hat nun auch Ägypten reagiert und all seine Flughäfen schließen lassen. Tausende deutsche Urlauber mussten daraufhin ihren Urlaub vorzeitig abbrechen.

Damit sie wieder nach Hause kommen, startete die Bundesregierung die größte Rückholaktion in der Geschichte der Bundesrepublik.

Davon betroffen war auch Kreisbote-Redakteurin Katharina Knoll, die sich zu diesem Zeitpunkt ganz im Süden Ägyptens, in Marsa Alma aufhielt. Hier schildert sie ihre Erlebnisse.

Sonnenschein, weiße Sandstrände und bunte Korallen: Entspannung und Erholung habe ich gesucht, als ich an Bord der Eurowings-Maschine nach Ägypten ging. Doch daraus wurde nichts – das Corona-Virus kam dazwischen.

„Wir bekommen heute das volle Programm“, kündigt der Flugbegleiter an, kurz nachdem das Flugzeug auf der Landebahn am Marsa Alma International Airport aufsetzt. Die Maschine ist gut gefüllt. Deutsche Touristen freuen sich auf ein paar entspannte Tage am Roten Meer. Doch die Stimmung trübt sich schnell ein, als zwei Ägypter mit Atemschutzmasken, Latexhandschuhen und Fieberthermometer an Bord kommen, um die Temperatur jedes einzelnen zu überprüfen. Hat jemand erhöhte Temperatur? Und wenn ja, werden wir dann zurück nach Deutschland geschickt? Im Flugzeug wird es schlagartig still. Doch alles geht glatt: Keiner hat Fieber, alle dürfen einreisen – um kurz darauf bei der Ankunft im Hotel noch einmal die gleiche Prozedur über sich ergehen zu lassen.

Dann ist aber erst einmal Schluss mit der Corona-Hysterie: Sonnenschein und angenehme 25 Grad erwarten mich, als ich meine Sonnenliege am Roten Meer beziehe und mich für meinen ersten Schnorchelgang bereit mache. Doch die Realität holt mich viel früher ein als gedacht: Bereits zwei Tage später bekomme ich abends eine SMS von meiner Reiseagentur: „Aufgrund der aktuellen Anordnung der Behörden haben wir erfahren, dass der Flugverkehr in den nächsten Tagen eingestellt wird. Wir koordinieren derzeit mit dem Auswärtigen Amt die Rückholaktion.“ Bin ich etwa auch davon betroffen? Eine kurze Suche über Google lässt mich aufatmen: Nein, offenbar handelt es sich um eine SMS an alle Kunden. Ägypten hat noch nicht seine Grenzen für Deutsche dicht gemacht. Ein Irrtum. Denn am nächsten Morgen beim Frühstück verkündet die Hotelmanagerin: Alle Deutsche müssen bis Donnerstag das Land verlassen. Ich bin schockiert: Dass sich die Ereignisse in so kurzer Zeit so überschlagen, hätte ich nicht für möglich gehalten. Und skeptisch: Wir haben Dienstag. Wie soll das funktionieren, tausende deutsche Touristen in so kurzer Zeit aus dem Land zu schaffen?

Bereits am nächsten Morgen fehlt beim Frühstück ein Ehepaar aus München. Am Abend hatte ich sie noch an der Bar gesehen. Wenige Stunde später bekamen sie die Info, dass sie in drei Stunden abgeholt und zum Flughafen gefahren werden. Zurück bleibt ihre 21-jährige Tochter, die erst am Vortag angereist war. Müssen wir jetzt auf Abruf bereit stehen?

Unruhe macht sich breit

Unter den restlichen rund 30 Hotelgästen, die meisten davon aus Deutschland, macht sich Unruhe breit. Denn bis auf das Paar werden bis Donnerstag nur noch drei Schweizer in einer Nacht-und Nebel-Aktion abgeholt. Unsere Hotelmanagerin tut zwar, was sie kann, aber auch sie hat kaum Informationen. Bisher galt der Ratschlag, sich nicht in die Rückhollisten des Auswärtigen Amts einzutragen, um die Reiseagenturen nicht aus ihrer Pflicht zu nehmen. Nun sollen wir uns doch alle eintragen, um auf Nummer sicher zu gehen.

Ich breite daraufhin meine gesamten Reiseunterlagen vor mir aus, um mich über das hoteleigene WLAN in die Liste einzutragen. Doch die Seite wird nicht aufgerufen. Vielleicht gibt es in Deutschland ja besseres Netz, denke ich und schreibe eine Freundin an. Doch auch sie scheitert: „Ich komme leider überhaupt nicht auf die Liste. Die scheinen vollkommen überlastet zu sein.“ Wie mir geht es auch vielen anderen Hotelgästen. Deshalb versucht eine Münchnerin ihren Reiseleiter in Ägypten zu erreichen – vergebens. Ich wende mich daraufhin noch einmal an unsere Hotelmanagerin, eine Deutsche, die seit Jahrzehnten in Ägypten lebt – und die gute Kontakte hat, wie sich herausstellt. Sie kennt meinen Reiseleiter und macht Druck. Am Abend finde ich dann einen Zettel in meinem Hotelzimmer: „Verehrter Gast, laut Ihres Reiseleiters ist Ihr Transfer am 20.03.20 um 9:45 Uhr. Ihre Tickets sind bestätigt.“ Mir fallen tausend Steine vom Herzen. Mein Flug geht zwar nach Frankfurt statt München, aber Hauptsache, ich komme nach Deutschland.

Zusammen mit mir werden auch die meisten anderen Hotelgäste abgeholt. Zurück bleiben zehn Urlauber, vier davon aus Ägypten – und unsere Hotelmanagerin, die sich mit Tränen in den Augen von uns verabschiedet. Reisen doch die letzten Gäste Ende März ab – zusammen mit dem Personal. Auch das blickt auf unsichere Zeiten. Die Redewendung „In schah´Allah“ (arabisch: „So Gott will“) ist in diesen Tagen häufig zu hören. Keiner weiß, wie es weiter geht. Die meisten Hotels in Marsa Alam hätten bereits geschlossen, so unsere Hotelmanagerin.

Lange Warteschlangen

Am Flughafen erwarten uns Menschenmassen und lange Warteschlangen. Zwei Meter Abstand zum nächsten zu halten, wie es die Bundesregierung jetzt fordert, ist schlicht nicht möglich. Manche versuchen sich – wie die ägyptischen Flughafenangestellten – mit Atemmasken und Latexhandschuhen vor einer möglichen Infektion zu schützen. Unter den wartenden Urlaubern, hauptsächlich Deutschen, sind die meisten der Hochriskiogruppe anzusiedeln: Ü50 oder älter. Wenn ich mich anstecke, dann hier – oder im Flugzeug, schießt es mir durch den Kopf. Während wir warten, machen zahlreiche Gerüchte die Runde. „Nach unserer Landung müssen wir direkt in Quarantäne“, ist eines davon. Doch diese Sorgen verdränge ich erst einmal. Viel mehr beschäftigt mich jetzt die Frage, ob ich Probleme beim Einchecken bekommen werde. Schließlich hab ich weder ein gültiges Ticket für den Tag, noch weiß ich, mit welcher Fluggesellschaft ich fliegen werde. Doch das alles geht überraschend problemlos über die Bühne. Anhand meines Zielflughafens finde ich auf der Anzeigetafel schnell meine Abflugzeit und Fluggesellschaft, und auch mein nun wertloses Flugticket wird ohne Murren entgegengenommen. Überhaupt: Die Ägypter wollen uns los werden. Das merkt man ganz deutlich – auch wenn alle nach wie vor freundlich bleiben: Beim Sicherheitscheck darf die Frau vor mir ihre halb volle Wasserflasche behalten, die sie ganz offen in eine Wanne für die Röntgenkontrolle legt. Und auch ich komme mit meiner 250-Milliliter-Safttüte durch, die ich in meinem Lunchpaket vergessen habe. Kein Problem bei der Ausreise hat auch ein anderer Mitreisender – obwohl sein Visum abgelaufen ist. Eine unschöne Erfahrung macht dagegen ein Ehepaar: Sie wollten von ihrem Reiseleiter nur ihre Flugnummer wissen – und mussten dafür 15 Euro zahlen. Manche wollen aus der Not anderer wohl noch Kapital schlagen.

Züge fallen aus

Das alles ist aber vergessen, als ich die Gangway zum Flugzeug hinaufgehe, mich auf meinen Sitz fallen lassen und fünfeinhalb Stunden später in Frankfurt lande. Denn dort warten neue Herausforderungen auf mich. Ich muss zwar nicht in Quarantäne, aber irgendwie noch nach Hause ins Allgäu kommen. Um 19 Uhr nicht unbedingt ein leichtes Unterfangen. Sobald wir am Boden sind, werfe ich mein Mobiles Internet an und suche über die Deutsche Bahn-App Möglichkeiten, mit dem Zug von Frankfurt nach München zu kommen, denn dort steht mein Auto. Die Frau, die vor mir sitzt, muss ich enttäuschen. Sie wird es heute nicht mehr mit der Bahn nach Friedrichshafen schaffen und muss wohl in Frankfurt übernachten.

Ich dagegen habe Glück: Weil es nach Angaben der Bahn zu Vandalismus auf der ICE-Strecke von Frankfurt nach Köln gekommen ist, fallen viele Züge aus oder haben Verspätung. So trifft auch der ICE nach München 60 Minuten später als gedacht ein, so dass ich ihn nach einem kurzen Sprint durch den fast leeren Flughafen noch erreiche. Da die Zweite Klasse jedoch vollkommen überfüllt ist, nehme ich in der Ersten Klasse Platz und reiche dem Schaffner gespannt mein Rail&Fly-Ticket, das mich eigentlich am nächsten Tag vom Münchner Flughafen nach Kempten hätte bringen sollen. Als ich zu einer Erklärung ansetze, beruhigt er mich jedoch: „Die Bundesregierung will, dass alle Reisende wohlbehalten daheim ankommen“, sagt er und scannt mein Ticket. Pünktlich zur Ausgangssperre komme ich am Hauptbahnhof an, erwische die leere S-Bahn Richtung Flughafen und sitze eine Stunde später im Auto. Um 3 Uhr morgens stehe ich schließlich vor meiner Haustür – eine 19-stündige Odyssee ist zu Ende.

Katharina Knoll

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