Auf das Bauchgefühl kommt es an

Franz Mauerer (links) von der Schleierfahndung Pfronten durchsucht zusammen mit einem Kollegen bei einer Kontrolle auf der A7 bei Füssen ein Auto. Foto: Knoll

Füssen – Mit immer mehr illegalen Flüchtlingen bekommt es derzeit die Schleierfahndung Pfronten zu tun. Deshalb hat sie die Kontrollen auf der A7 bei Füssen verstärkt. Bei solch einer durfte nun der Kreisbote dabei sein und erfuhr, mit welchen Problemen die Beamten dabei zu kämpfen haben.

„Ich wette mit dir Siegi, der Mercedes mit dem roten Querbalken ist für dich interessant“- „Du meinst da sind sie drin“, fragt Siegmund Gast grinsend. Der Erste Polizeihauptkommissar der Schleierfahndung Pfronten wird ernst, kneift die Augen zusammen und mustert den Kleinbus. Schließlich hebt er die Hand, bittet den Fahrer um Führerschein und Fahrzeugpapiere und wirft einen Blick durch die abgedunkelten Scheiben. Nichts rührt sich, auch die Papiere scheinen in Ordnung zu sein. Gast winkt den Mittdreißiger weiter. 

„Eigentlich überraschend, dass sie die Route erst jetzt entdeckt haben.” 

Siegmund Gast, Kommissar

Es gehört viel Erfahrung, Glück und auch ein gutes Bauchgefühl dazu, die richtigen Autos aus dem Verkehr zu ziehen und näher zu untersuchen, erklärt er. Ein Mittelklassewagen mit Ostallgäuer Kennzeichen und ohne abgedunkelte Scheiben, sei eher uninteressant. Wenn allerdings ein 20-Jähriger im Porsche vorfährt, sehe die Sache anders aus, meint Polizeihauptkommissar Christian Owsinski. 

18 Beamte der Schleierfahndung Lindau und Pfronten, der Verkehrspolizei Kempten, der Polizeiinspektion Füssen und des Einsatzzugs lenken an diesem Morgen den Verkehr auf der A7 gleich hinter dem Grenztunnel auf einen Parkplatz. Sie suchen nach gefälschten Ausweisen und Führerscheinen, Drogen, zur Fahndung ausgeschriebenes Diebesgut oder Personen. Vor allem suchen sie aber nach Schleusern und illegalen Einwanderern. Zwanzig Mal so viele wie noch im Vorjahr hat die Polizei heuer bereits aufgegriffen, erklärt Owsinski. Seit Herbst benutzen sie dafür verstärkt die A7. „Eigentlich überraschend, dass sie die Route erst jetzt entdeckt haben“, meint Gast. 

Deutsche, Brasilianer oder auch Franzosen – die Schleuser kommen aus allen möglichen Ländern, deshalb konzentrieren sich die Polizisten bei den Kontrollen auch nicht auf bestimmte Kennzeichen. In letzter Zeit sind den Beamten aber verstärkt Schleuser aus Rumänien ins Netz gegangen. So weckt auch der weiße Kleinbus mit polnischem Kennzeichen das Interesse der Beamten. Ein Polizist lotst den Fahrer auf einen Parkplatz. Am Steuer sitzt ein glatzköpfiger Mann im beigen Achselshirt, daneben seine rothaarige Ehefrau. Sie kommen gerade aus dem Urlaub, erklärt der Mann freundlich. Im Wagen befinden sich nur zwei Koffer. Franz Mauerer von der Schleierfahndung Pfronten tastet die Innenseite ab, findet aber nichts außergewöhnliches. 

Tägliche Routine als größtes Risiko 

Danach ist der Mann dran. „Haben Sie irgendwas Verbotenes in Ihren Taschen“, fragt Mauerer. Der Bauarbeiter verneint, zieht seine Brieftasche, ein Feuerzeug und Zigaretten aus seiner Hose. Dann streckt er die Arme aus, Mauerer klopft ihn ab, checkt die Brieftasche, hält einen 100-Euro-Schein gegen das Licht. Dann fällt sein Blick auf die Marlboro-Schachtel. „Rauchen Sie nur Zigaretten?“ - „Ja, ich bin zu alt für andere Sachen“, lacht der Mann. Er gibt Mauerer seinen Führerschein und die Fahrzeugpapiere. Der Polizist überprüft am Laptop, ob die Papiere echt sind oder der Mann zur Fahndung ausgeschrieben ist. Aber alles ist in Ordnung, der Mann darf weiterfahren. 

Ob jemand lacht oder nervös wirkt, ist kein Zeichen, ob jemand etwas zu verbergen hat, meint Gast. Da gibt es keine bestimmten Verhaltensauffälligkeiten, jeder reagiere anders. Das größte Risiko für die Polizisten ist dabei die tägliche Routine, die einen unaufmerksam werden lasse, meint Gast und schaut nachdenklich auf den Boden. Zwanzig Jahre passiert nichts und dann zieht plötzlich einer eine Waffe wie im Zug zwischen Kaufbeuren und Kempten, so der Erste Polizeihauptkommissar. 

Gute Stimmung herrscht dagegen bei zwei Engländern aus Lancaster, die aus ihrem weißen Sprinter steigen. Sie scherzen mit den Polizisten, stoßen sich gegenseitig an, als sie die Presse sehen. „Wir werden berühmt“, grinst einer. Doch ihre Stimmung schlägt bald um: An ihrer Windschutzscheibe fehlt die viereckige Versicherungsplakette und der Fahrer ist ohne Führerschein unterwegs. Außerdem sind beide zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben, was bedeutet, dass sie in einer anderen Sache vernommen werden sollen, aber ihre Adressen nicht mehr stimmen. 

Doch das ist nicht alles: Die Beamten schauen unter die Motorhaube, klettern in den Sprinter und finden Metallscheiben, die die beiden für ihre Arbeit in einer Teerkolonne nicht brauchen, und einen Adressaufkleber mit Nummern von Blechgegenständen. Die Polizisten greifen zum Fotoapparat und zum Telefon. „Sie haben Anzeige erstattet – haben Sie das Kennzeichen aufgeschrieben“, fragt ein Beamter in sein Handy. Schließlich steht fest: Das Blech auf dem Aufkleber ist 7000 bis 8000 Euro wert und am Vortag in Imst gestohlen worden. Und die Beschreibung passt auf die beiden Engländer, erklärt Gast. 

Viel Geld für schlechte Qualität 

Anscheinend sollen sie zu einer Gruppe gehören, die sich dort auf einem Campingplatz einquartiert hat. Sogenannte Teerkolonnen bieten im Sommer meist teure Dienstleistungen zu schlechter Qualität an. Wenn sie von der Polizei angehalten werden, sind sie oft ohne Führerschein und ohne Versicherung unterwegs, sagt Hauptkommissar Owsinski. In dem Fall werden die Polizisten mit den österreichischen Kollegen ermitteln. Der Sprinter bleibt so lange auf dem Parkplatz an der A7 stehen, bis er versichert ist. 

Dass er nicht so schnell weiterkommen wird, wird wohl auch einem der Engländer langsam klar. Während sein Kollege noch vernommen wird, zieht er die Schultern hoch, starrt auf dem Boden, vergräbt eine Hand in seiner Hosentasche und zieht an seiner Zigarette. Seine gute Laune ist verflogen. kk

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