Sollte die Kalkbrennerstraße gebaut werden, steht ein Bauernhof womöglich vor dem Aus

Die nackte Existenzangst

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Bäuerin, Sozialpädagogin und Reitpädagogin Anja Stechele vor dem Grundstück, über das die Kalkbrennerstraße einmal verlaufen soll. Hart rechts (nicht im Bild) liegt ihr Hof.

Füssen – Anja Stechele ist verzweifelt. „Meine Existenz steht auf dem Spiel“, sagt die Bäuerin und Reitpädagogin und zeigt auf ein langgezogenes Stück Wiese zwischen ihrem Hof in der Froschenseestraße und dem Nachbargrundstück.

Dort mittendurch soll – so sieht es zumindest die bisherige Planung vor – einmal die Kalkbrennerstraße verlaufen, um im Gewerbegebiet West Froschensee- und Schäfflerstraße miteinander zu verbinden. Für Stecheles Hof wäre das wohl das Aus. Deshalb fordert sie eine Anbindung über einen Ausbau der bereits bestehenden Kühbrunnenstraße. Auch im Stadtrat scheinen mittlerweile immer mehr Ratsmitglieder zu dieser Lösung zu tendieren. 

Anja Stechele ist eine der letzten Bäuerinnen in Füssen. Vor 22 Jahren hat die Sozialpädagogin und Reitpädagogin angefangen, auf ihrem Hof in der Froschenseestraße eine Reittherapie aufzubauen. „Seither kommen zwischen 40 und 50 Kinder und Erwachsene pro Woche zu mir zur Therapie“, erzählt sie bei einem Ortstermin. „Zusätzlich eine Gruppe der schulvorbereitenden Einrichtung und die Werkstatt für Behinderte. Das ist mein Haupteinkommen!“ Dazu kämen noch zahlreiche Einstellpferde, „die zur finanziellen Sicherung des Betriebs beitragen.“ 

Doch den Fortbestand dieses Betriebs sieht sie mittlerweile „extrem gefährdet“. Der Grund dafür heißt Bebauungsplan W 20. Dieser soll vor allem die Erschließung des Gewerbegebiets West regeln. Dafür sieht der Plan derzeit den Bau der Kalkbrennerstraße von der Schäfflerstraße hart an ihrem Hof vorbei in die Froschenseestraße vor. „Den Verkehr und den dazugehörigen Lärm hätte ich dann nicht nur vor dem Haus auf der Froschenseestraße und auf der Nordseite von der Firma Scheibel, sondern auch noch auf der Südseite“, erklärt sie. 

„Ich wäre also lärm- und feinstaubtechnisch von drei Seiten komplett eingekesselt“, so ihre Befürchtung. Aber gerade ihre Tiere benötigten für die Therapiestunden Ruhe. „Verkehr und Lärm wirken sich massiv auf das Verhalten meiner Pferde aus“, erklärt die Reitpädagogin. „Die Tiere hätten nicht mehr die nötige ungestörte Erholungsphase, was sich sehr negativ bei der Nervenstärke, Gelassenheit und Gutmütigkeit während der Therapie bemerkbar machen würde.“ 

Hohe Kosten 

Dazu komme noch, dass der Bau der Straße zu Lasten ihrer Weideflächen gehen würde. „In ihrer Eigenschaft als Lauftier wären die Pferde durch die Verkleinerung der Weidefläche mehr als eingeschränkt, was sich ebenfalls negativ auswirken würde“, so die Reitpädagogin. Doch Anja Stechele bangt nicht nur um ihre Pferde und die Zukunft ihres Hofes. Sie sieht auch erhebliche Kosten durch den Bau der Straße auf sie persönlich zukommen. „Durch die bisherige Straßenplanung und die damit verbundene Erschließung kommen horrende Erschließungskosten im sechsstelligen Bereich auf mich zu“, glaubt sie. 

Als Bäuerin würden ihr die Kosten zwar zunächst gestundet. Doch sobald sie den Hof aufgebe, werde sie zahlen müssen. Außerdem sei durch die neue Straße ein „enormer Wertverlust“ ihres Hofes und eine steuerliche Neueingliederung zu befürchten – „der sichere Tod des Hofes und meiner Existenzgrundlage“, ist sie sich sicher. 

Dabei legt Stechele Wert darauf, nicht als Totalverweigerin dazustehen. Dass neue Straßen gebaut werden müssten, sehe sie ein. Sie geht sogar noch weiter: Sollte die Variante Kühbrunnen umgesetzt werden, „wäre auch ich zur notwendigen Grundstücksabgabe bereit, um einen Durchstich von Westen her Richtung Sportmarkt bauen zu können“, betont die Landwirtin. „Ich werde aber niemals einem Bebauungsplan zustimmen, der mich von allen Seiten einkesselt und meine Existenz langsam aber sicher zerquetscht und mich in den finanziellen Ruin treiben wird.“ 

Kritik von Ullrich 

Mittlerweile wachsen anscheinend aber auch im Stadtrat die Zweifel an der bisherigen Straßenplanung. Zwar hatte das Gremium die Planungen im vergangenen September zunächst abgenickt. Doch der Wind hat sich gedreht: „Da, wo die Straße jetzt geplant wird, ist sie falsch“, sagt zum Beispiel Andreas Ullrich von den Freien Wählern (FW) gegenüber unserer Zeitung. 

Er wies Bürgermeister Paul Iacob (SPD) bereits in der jüngsten Stadtratssitzung in der vergangenen Woche nach einer Ortsbesichtigung daraufhin, dass es bei der erforderlichen erneuten Abstimmung über den Bebauungsplan (der Kreisbote berichtete am Samstag) womöglich keine Mehrheit mehr für die Kalkbrennerstraße geben könnte. „Der Beschluss (vom September, Anm. d. Red.) basiert auf falschen Informationen“, hielt er Iacob vor. 

Weiter wie geplant 

Auch Bernhard Eggensberger (Füssen-Land) warnte die Verwaltung: „Es ist nicht intelligent, das Verfahren fortzuführen, wenn es neue Informationen gibt“, sagte er. Bürgermeister Iacob will aber zunächst wie geplant weitermachen. „Das Verfahren wird weiterhin planmäßig durchgezogen“, sagte er im Stadtrat. „Wenn hier Beschlüsse gefasst werden, muss man sich der Tragweite auch bewusst sein“, betonte er. Am Freitag war Iacob für den Kreisboten für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Er weilte bereits im Urlaub. Die Entwurfsfassung des Bebauungsplans W 20 soll nach bisherigem Stand der Dinge nun in der nächsten Stadtratssitzung erneut zur Billigung vorgelegt werden.

Matthias Matz

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