"Ich kann gut loslassen"

Lechbrucks Bürgermeister und sein Nachfolger sprechen im Kreisbote über den Stabwechsel

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Bürgermeister Helmut Angl hat am kommenden Donnerstag seinen letzten Arbeitstag.

Lechbruck – Ruhig lässt es Helmut Angl, der scheidende Bürgermeister derzeit angehen. „Ich befinde mich zwar noch im Amt, aber ich lasse es ruhig auslaufen.“ Man sieht ihn sogar zwischendurch durch das Dorf gehen.

Was nicht nur an seiner Augenoperation liegen dürfte, die er vor einigen Wochen über sich ergehen lassen musste.

Auch die Aussicht, dass er am kommenden Donnerstag, 30. April, in den wohlverdienten Ruhestand geht, lässt den langjährigen Sparmarktinhaber und Lechbrucker Rathauschef fast schon entspannt wirken.

Hat er Wehmut? „Nein wehmütig bin ich nicht. Wenn ich wehmütig wäre, würde ich nicht aufhören!“, so der 68-Jährige. „Dann hätte ich mit Sicherheit den Gemeinderat darum gebeten, ehrenamtlich weitermachen zu dürfen.“ Ein Kollege habe ihm vor kurzem am Telefon erzählt, dass es ihm unheimlich schwer fiele aufzuhören, doch Angl nicht: „Ich kann gut loslassen. Das macht es für mich einfacher, aufzuhören. Anders als manch ein amerikanischer Präsident, möchte ich mit 75 nicht mehr im Amt sein.“

54 Arbeitsjahre

Dass er in Lechbruck bleibt, erzählt er weiter und dass er gerne in dem Dorf lebt, das er maßgeblich zwölf Jahre mitgestaltet hat. „Aber es reicht“, meint Angl, „über vierzig Jahre Sparmarktinhaber, zig Ehrenämter und jetzt zwölf Jahre Bürgermeister. Das macht summa sumarum 54 Arbeitsjahre.“ Dass er nie eine 40-Stunden-Woche hatte, erwähnt der noch amtierende Bürgermeister nur nebenbei. Die Sparmärkte waren seine Passion. Das sieht man ihm an, wenn er mit leuchtenden Augen von dieser Zeit erzählt. 

Dass er auch heute noch gerne die grüne Tanne, das Wahrzeichen der Sparmarktkette, in Österreich und Italien sieht. „Da leb ich auf, das freut mich!“, schwärmt der langjährige Inhaber der Sparmärkte Schwangau, Kempten und Füssen-West. Die Jahre dort haben ihn geprägt. „Diese Arbeit hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin“, sagt der noch amtierende Lechbrucker Rathauschef. „Und wenn es die SPAR heute noch geben würde, würde ich heute noch die Märkte selber betreiben. Dem trauere ich nach. Das war mein Leben.“

Dass er dann doch in die Politik geht, konnte er sich in jungen Jahren nicht vorstellen. „Früher habe ich Kommunalpolitiker belächelt – vorsichtig ausgedrückt. Und jetzt war ich zwölf Jahre selber einer“, schmunzelt er.

Die Politik hat ihn ruhiger werden lassen, hat ihn geprägt. Was daraus resultierte, dass er eine strikte und klare Linie fahren wollte und musste, so Angl. „Wenn du von dieser Linie auch nur einen Millimeter abweichst, hast du als Politiker verloren“, so Angl weiter, „und dass schafft nicht nur Freunde!“ Damit aber hat er seinen Frieden gemacht. „Ich habe vor kurzem einen handgeschriebenen Brief von einem alteingesessenen Lechbrucker bekommen.“ Dies und der Zuspruch, den er immer wieder bekommt, sei ihm Lohn und Bestätigung genug.

Lehrgang verschoben

Sein Nachfolger Werner Moll hat für den 1. Mai keine wesentlichen Vorbereitungen für das Amt getroffen, zumal noch eine Menge Arbeit als Kämmerer vor der Amtsübergabe erledigt werden muss. So sollen noch die beiden Haushalte vorbereitet und eine geregelte Übergabe mit Helmut Angl bewerkstelligt werden. Dadurch, dass Moll seit vier Jahren schon in der Gemeinde als Kämmerer tätig ist, kennt er sich aus, weiß um die Verwaltungsabläufe und kennt die Kollegen. Da ist der Einsteigerkurs für Bürgermeister nicht so wichtig. „Da ist es gescheiter, wenn wir uns das viele Geld sparen!“, so Moll. Der zwingend vorgeschriebene Lehrgang zum Standesbeamten fällt momentan jedoch aus, wird aber baldmöglichst nachgeholt werden. „Hochzeiten gibt es momentan eh wenige. Die meisten haben abgesagt.“

Und was Moll mehr als beruhigt: er übernimmt eine Kommune, die finanziell und organisatorisch bestens aufgestellt ist. Er hofft darauf, dass das gute Verhältnis mit den Kollegen in der Verwaltung bleibt. Was aus Sicht der beiden sehr erfreulich ist: Martin Neuber, der schon bei der Gemeinde Lechbruck gearbeitet hat, konnte als neuer Kämmerer gewonnen werden.

Eine geplante Klausur mit den neuen Gemeinderatsmitgliedern konnte bislang allerdings noch nicht stattfinden. Das soll nachgeholt werden, sobald die Ausgangsbeschränkung aufgehoben ist. In dieser Klausur soll im geselligen Rahmen besprochen werden, was in den vergangenen Jahren erreicht wurde und wo es in den kommenden Jahren hingehen soll. „Praktisch wie einen Fahrplan, den man zusammen erarbeitet, und aus dem hervorgeht, was Priorität hat“, erklärt Moll.

Kindergarten im Fokus

Auf die Frage, was er denn in seiner Amtszeit als neuer Bürgermeister als erstes anpacken will, weist Moll auf seinen Wahlkampf hin. In dem gab er den Bürgern ein Versprechen – und dieses werde er einhalten. Als sehr wichtig erachtet der 56-Jährige den zusätzlichen Raumbedarf des kirchlichen Kindergartens. „Ab September diesen Jahres gilt es eine vierte Gruppe aufzunehmen, für die derzeit räumlich kein Platzangebot vorhanden ist. Vor dem Hintergrund dass seitens der Eltern ein Anspruch auf einen Platz besteht, gilt es hier ziemlich zeitnah zu handeln!“ Klar sei ihm, dass er mit allen Beteiligten zusammen an einen Tisch sitzen und Klartext reden muss.

Auch das Feuerwehrhaus liegt ihm am Herzen. Dass das schwer sein wird, darauf weist ihn Angl prompt hin. Denn: Woher einen Bauplatz bekommen? Und so wird es Werner Moll nicht langweilig werden. Zumal die Straßenbau- und Kanalarbeiten zur Firstbergstraße, Säulingstraße, Bergblick und Sonnbichl ebenfalls anstehen. Wie Angl einwirft, müssen diese Straßen- und Kanalarbeiten in 2020 ausgeführt werden, da es sonst seitens der Regierung gar keine Zuschüsse mehr gibt.

Schlaflose Nächte

Auf die Frage, ob er Fehlentscheidungen getroffen hat, kommt es von Angl wie aus der Pistole geschossen, aber mit einem Augenzwinkern: „Wenn ich täglich zehn Entscheidungen treffe und davon sieben richtig getroffen habe, bin ich froh!“ Doch er gibt zu: „Die Arbeit in den letzten zwölf Jahren in der Gemeinde Lechbruck hat mich mehr schlaflose Nächte gekostet, als die Arbeit in über 40 Jahren in meinen Sparmärkten.“ Wenn in der Gemeinde 500 Euro kaputt gemacht werden, stinke ihm das mehr, als wenn ihm das in einem seiner Märkte passiert wäre. „Es ist das Geld der Bürger und nicht mein Geld!“

Nicht nur Freunde

Was ihn immer wieder überrascht hat, ist, dass egal was in der Gemeinde schief läuft – es ist immer der Bürgermeister schuld. „Die Leute vergessen, dass der Bürgermeister nur eine Stimme von fünfzehn im Gemeinderat hat. Alleine macht ein Bürgermeister so gut wie gar nichts.“ Für ihn war in erster Linie immer die Gemeinde im Vordergrund gestanden, und so hat er auch immer für die Gemeinde entschieden. „Dass ich mir damit nicht immer nur Freunde gemacht habe, das durfte mir in diesen Momenten nicht wichtig sein. Ich wollte und musste für die Allgemeinheit entscheiden, so dass es für die Gemeinde am besten war. So kann man es einfach nicht jedem Recht machen!“ Es seien aber vor allem die kleinen, zwischenmenschlichen Dinge gewesen, die ihm doch manchmal die Nachtruhe kosteten.

Werner Moll scheint da aus anderem Holz geschnitzt. „Mich kann eigentlich nur ein Fußballspiel meiner mir bisher trainierten Mannschaft emotional berühren“, gibt das zukünftige Gemeindeoberhaupt zu Protokoll. „Wenn ich Angst vor solchen Situationen hätte, hätte ich mich nicht um das Amt des Bürgermeisters beworben. Ich habe genau gewusst, auf was ich mich einlasse.“

Für seine Amtszeit wünscht sich Moll vor allem ein „Wir-Gefühl“ mit viel Ehrlichkeit und gegenseitigem Respekt. „Als Allgäuer möchte ich reden mit den Leuten, ihnen zuhören und etwas ausdiskutieren. Auge in Auge und nicht hintenrum, wie es halt oft so ist in der heutigen Zeit“, sagt der künftige Rathauschef. Und so ist sein größter Wunsch, dass er nach jedem einzelnen Arbeitstag unbelastet gut einschlafen könne.

Freude bei der Ehefrau

Am 30. April wird der letzte Arbeitstag von Helmut Angl sein. Für seine Frau Margarita wird es eine Umstellung sein. „Ich freu mich drauf! Nach siebenundvierzig gemeinsamen Ehejahren habe ich meinen Mann jetzt endlich für mich alleine“, sagt sie. Ganz allein stimmt natürlich nicht. Da sind seine drei Enkelkinder, die immer an Nummer eins standen. „Egal wie viel Arbeit in der Gemeinde war, für uns drei hat sich unser Opa immer Zeit genommen“, erzählen Sarah und Vanessa.

Aber jetzt heißt es für Angl erstmal, Urlaub machen. Ohne Prospekte und ohne Bürgermeisteramt. Angl hat mit seiner Frau Margarete viele Urlaube für 2020 geplant. Die ersten zwei sind wegen des Corona-Virus allerdings schon ins Wasser gefallen.

Ehrenamtlich bleibt Angl allerdings noch ein bisschen eingebunden. „Beisitzer im Verein ‚Füssen-West‘ sowie Kassier beim Walderlebniszentrum, werde ich die nächste Zeit schon noch bleiben“, versichert er.

Silke Zink

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