Grenzgang zwischen Leben und Tod

Luis Stitzinger und Alix von Melle erzählen von ihrer Besteigung des Mount Everests

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Zahlreiche Besucher kommen zum Multimediavortrag der Höhenbergsteiger Luis Stitzinger und Alix von Melle ins Schlossbrauhaus. Dabei berichten die beiden über die Besteigung des höchsten Berges der Welt.

Schwangau – Fragen rund um das Mysterium Mount Everest, haben jetzt das Höhenbergsteiger-Ehepaar Luis Stitzinger und Alix von Melle bei ihrem Multimediavortrag im Schlossbrauhaus in Schwangau geklärt. Besteht eine solche Expediton, wirklich nur aus Warteschlangen am Gipfel, Umweltverschmutzung und muss man, um den Gipfel zu erklimmen über Leichen gehen?

In ihrem rund zwei stündigen Vortrag verdeutlichen die beiden Extremsportler, was es mit der Faszination dieses Berges auf sich hat.

Bereits 2015 hatte das Ehepaar versucht, den höchsten Berg der Welt zu erklimmen. Damals überraschte sie allerdings das stärkste Erdbeben der jüngeren Geschichte in dieser Region mit einer Stärke von 7,8. Vier Jahre später versuchte Stitzinger es dann noch einmal. Dieses Mal musste er allerdings auf die Unterstützung seiner Ehefrau verzichten, da sie aus verschiedenen Gründen nicht mitkommen konnte.

In der ersten Hälfte des Vortrages veranschaulichten die beiden Bergsteigexperten die faszinierende Geschichte des Berges und machten deutlich, mit welchen Mühen die ersten Besteigungsversuche damals verbunden waren. Nachdem die Briten einst den Wettlauf zu Nord- und Südpol verloren hatten, wollten sie zumindest den dritten Pol, wie der Everest auch genannt wird, für sich gewinnen. Die wohl bekannteste Mission bestand unter anderem aus den beiden britischen Bergsteigern George Mallory und Andrew Irvine, dessen Geschichte im Laufe des Vortrags immer wieder zur Sprache kam. Diese hatten sich 1924 zum Gipfel des Mount Everest aufgemacht, kehrten aber nie wieder von dort zurück. Da nur der Leichnam von Mallory, ganz in der Nähe des damaligen Basislager, gefunden wurde, konnte nie geklärt werden, ob die beiden wirklich den Gipfel erreicht hatten.

Ein Blick hinter die Kulissen

In der eindrucksvollen multimedialen Präsentation konnte das Publikum einen Blick hinter die Kulissen der Mount Everest-Besteigungen werfen. Die Reise von Deutschland bis zum Gipfel und zurück dauerte bei Stitzinger ungefähr sieben Wochen. Er bestieg wie bei seinem ersten Versuch die Nordroute des Berges. Diese sei laut seiner Expertise zwar technisch anspruchsvoller, kälter und windreicher, dafür sei sie aber deutlich sicherer als die Route auf der Südseite. Denn in dem südlichen Basecamp mussten bei dem Erdbeben 2015 insgesamt 18 Bergsteiger ihr Leben lassen, da das Lager in einem Tal liegt und dort von Felsen getroffen wurde. Bei Stitzinger und Melle im Nordcamp kamen alle mit einem Schrecken davon. Trotzdem sei ein solcher Trip abgesehen von der Routenwahl keineswegs ein leichtes Unterfangen, so die Referenten.

Tote säumen Weg

Das Publikum hing gespannt an den Lippen der Redner, während diese von ihren Vorbereitungen, dem beschwerlichen Aufstieg und dem langen Warten auf das sogenannte Gipfelfenster erzählten. Also der Zeit, in der das Wetter eine Besteigung des Gipfels zulässt. Im Durchschnitt gebe es drei solcher Fenster im Jahr, im vergangenen Jahr war es nur ein Einziges aufgrund unvorhergesehener Wetteranomalien.

Luis Stitzinger, der als Bergführer die Besteigungsmission leitete, wählte den letzten Tag des Fensters, den 24. Mai. An diesem Tag erklommen knapp 60 Gipfelstürmer das Dach der Welt. Er selbst beschreibt den Aufstieg als „Grenzgang zwischen Leben und Tod“. Bei seiner Mission musste er den Anblick mehrerer Bergsteigern ertragen, die genau diesen Grenzgang nicht geschafft hatten. „Tragödie und Erfolg sind auf dem Everest nahe beieinander“, so Stitzinger.

Nachgehakt:

Symbolbild

Trotz des großen Andrangs beantwortete Stitzinger dem Kreisbote einige Fragen exlusiv zu diese Erlebnis.

Herr Stitzinger, was war das schönste Erlebnis im Zusammenhang mit Ihrer Everest Expedition?

Louis Stitzinger: „Da gibt es schon einige. Aber sehr schön war natürlich, als man zum Gipfel gegangen ist, die ersten Sonnenstrahlen aufgekommen sind und man wieder was gesehen hat. Die ganzen Berge um einen herum in goldenes Licht getaucht waren und man wusste: Jetzt steht man wirklich gleich in den nächsten zehn bis 15 Minuten auf dem Gipfel. Das ist schon unheimlich entlastend und befreiend.“

Was war das Erste, dass Ihnen auf dem Gipfel durch den Kopf ging?

Stitzinger: „Nachdem ich das Panorama genossen hatte, hab ich mir überlegt, ob Mellory und Irvine (bei ihrem Erstbesteigungsversuch 1924 – Anmerk. d. Red.) vielleicht wirklich zum Gipfel gekommen sind, weil ich mich damals ziemlich mit der Geschichte auseinandergesetzt hatte und das schon immer sehr faszinierend fand. In dem Jahr war auch eine Suchexpedition dort unterwegs. Wir haben denen zuschauen können, wie sie das Gelände abgesucht haben. Sie sind teilweise mit Drohnen die Flanken weiter unten abgeflogen und haben nach Überresten gesucht. Dieser Fall ist schon sehr faszinierend. Als ich da oben stand, überlegte ich mir, ob´s die Zwei tatsächlich damals geschafft haben könnten. Mit der damaligen Ausrüstung und dem Wissen wäre es eine wahnsinnige Leistung gewesen.“

Keine sportliche Leistung

Würden Sie eine erneute Besteigung in Betracht ziehen?

Stitzinger: „Würde ich und werde es wahrscheinlich auch!“

Das nächste Mal dann ohne Sauerstoffflaschen?

Stitzinger: „Ich hoffe immer noch, dass sich die Chance ergeben wird. Aber ich werde es wahrscheinlich aus rein beruflichen Gründen auch wieder tun, um für einen Veranstalter eine Gruppe zu führen. Aber im Hinterkopf hab ich dabei natürlich auch immer, dass sich dabei eine Chance einstellen könnte, dass ich privat mal im Anschluss nochmal ohne Sauerstoff einen Versuch machen könnte.“

Was macht für Sie den besonderen Reiz aus, den Gipfel ohne Sauerstoff zu besteigen?

Stitzinger: „Ja, das ist einfach ,by fair means‘ also ohne künstliche Hilfe. Bei der Leichtatlethik kann man ja auch nicht ein Fahrrad für den 1000-Meterlauf einsetzen oder es ist ja auch jede Art von Doping oder leistungssteigernde Substanzen verboten. Strenggenommen ist künstlicher Sauerstoff eine leistungssteigernde Substanz, auch wenn es die Sache natürlich sicherer macht. Aber da könnte man auch beim Marathon kommen und sagen: wenn man Doping einnimmt und dadurch stärker wird, macht das vielleicht auch sicherer. Irgendwo muss man eine Grenze ziehen und bei mir ist die einfach da angesiedelt, dass ich das fair machen will und ohne Sauerstoff. Dann wär es für mich auch wirklich eine Leistung, die ich selber anerkennen könnte.“

Erkennen Sie Ihre Leistung dadurch gar nicht als „richtigen“ Aufstieg an?

Stitzinger: „Ich sehe es schon so, dass ich erfolgreich zum Gipfel gekommen bin. Es war eine unheimliche Erleichterung. Allerdings weiß ich aus vergangenen Erfahrungen, was künstlicher Sauerstoff bewirkt. Deswegen war es für mich an sich keine sportliche Leistung, auf die ich stolz wäre.“

Sind in naher Zukunft schon neue Ziele in Planung?

Stitzinger: „Mit Sicherheit! Das Jahr 2020 ist eigentlich schon komplett verplant. Wir werden zusammen im Herbst nach Nepal fahren, um dort privat eine Expedition auf einen 6000er durchzuführen. Ich bin beruflich im Herbst nochmal in Nepal unterwegs. Wir werden sowohl mit Teilnehmern als auch privat in Peru im Frühjahr sein und eventuell fahr ich im Frühjahr, Anfang April, nochmal zum Everest.“

Vielen Dank für das Gespräch.


Felix Fichtl

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