"Man schielt über die Grenze"

Patienten wie den kleinen Nikolas, hier mit Mama Melanie, wollen Oberarzt Dr. Detlev Schlieter (links), Primar Dr. Jörg Franke (2.v.r.) und Oberarzt Dr. Christian Holzleitner (rechts) künftig in Reutte versorgen. Foto: Schuster

„Dem süddeutschen Raum ein paar Patienten abzwacken" – mit diesen Worten hat Aurel Schmidhofer, Vorsitzender des Gemeindeverbands BKH Reutte, das zukünftige Ziel der Kinderabteilung des Bezirkskrankenhauses (BKH) nun beschrieben. Um das zu erreichen, hat das Klinikum Reutte in Primar Dr. Jörg Franke einen neuen Chefarzt für die Kinderabteilung gefunden. Ihn hat die Leitung des BKH am vergangenen Mittwoch vorgestellt.

Dieses Ziel wolle Franke durch die Ausweitung der Neonatologie, also die Behandlung von Neugeborenen und Frühgeburten sowie anderer pädiatrischer Teildisziplinen erreichen. Der ehemalige Leiter der Neonatologie im Klinikum Kempten möchte außerdem die Grundversorgung der Patienten durch eine bessere Verzahnung von stationärer und ambulanter Behandlung sichern, sodass diese auch Ostallgäuer anlockt, und mit süddeutschen Kinderärzten kooperieren. Außerdem will er die Zusammenarbeit mit den anderen Abteilungen des Krankenhauses vertiefen. Das Krankenhaus Reutte zum Außerferner Zentrum für Kinder- und Jugendheilkunde machen, das hat sich die Leitung des BKH Reutte zum Ziel gemacht. Um diese Abteilung fachlich zu verbessern, will der ärztliche Direktor Primar Dr. Eugen Ladner die einzelnen Sub-disziplinen der Kinder- und Jugendheilkunde vertiefen. Den Anfang hat er mit Dr. Franke nun gemacht. Der gebürtige Kronacher ist nicht nur ein Spezialist für die Behandlung von Neugeborenen und Frühgeburten, sondern kennt sich auch mit der Kinderkardiologie aus. Mit seinem Wechsel ans Klinikum Reutte bringt er seinen Kemptener Kollegen Dr. Detlev Schlieter mit, der zum Oberarzt befördert wurde. Laut Verwaltungsdirektor Dietmar Baron, habe das BKH Reutte nun kom- petentes Personal mit drei Fachärzten und ab März kommenden Jahres einen Assistenzarzt. Teamarbeit stehe an erster Stelle, um die Grundversorgung der Patienten zu gewährleisten. So steht beispielsweise ein 24-Stunden-Rufbereitschaftsdienst, den sich nun drei statt zwei Ärzte teilen, zur Verfügung, damit bei schwierigen Geburten sofort ein Kinderarzt zur Stelle ist. Eine Besonderheit ist neben der stationären die ambulante Behandlung, die im Kinder- und Jugendbereich weder in Tirol noch in Deutschland die Regel sei. Unter anderem aus diesem Grund „schielt man", laut Baron, „über die Grenze", um Ostallgäuer Patienten längere Anfahrtswege zu ersparen. „Ideal wäre eine Kooperation mit der Geburtshilfe in Füssen", so der neue Chefarzt. Die sollte auch einen neonatologischen Abholdienst, quasi einen Neugeborenennotarzt beinhalten. Franke halte es nicht für sinnvoll, „kranke Neugeborene aus Füssen in die viel weiter entfernten Kinderkliniken nach Kempten, Kaufbeuren, Garmisch-Partenkirchen gelegentlich sogar nach Augsburg zu verlegen, wenn in unmittelbarer Nähe in Reutte unsere leistungsfähige Kinderklinik bereitsteht", stellt Franke in seinem Konzept für die Abteilung Kinder- und Jugendheilkunde dar. So soll es laut Ladner zu einem „definierten Patientenaustausch über die Grenze" in Form von Überweisungen kommen. Diese Zusammenarbeit würden auch deutsche Ärzte begrüßen, nur gibt es noch bürokratische Hürden. Während bei Notfällen im Ausland Versicherungen die Arztkosten übernehmen, ist das bei stationärer Behandlung nicht selbst- verständlich. Zwar existiert, nach Angaben von Baron bereits ein EU Kommissionsbeschluss, der den EU-Bürgern ab Herbst 2013 Behandlungsfreiheit über Staatsgrenzen hinweg zusichert, wie der aber in die Praxis umgesetzt wird, ist noch unklar.

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