Eine Entscheidung aus Liebe

Fast jeder Sitz war am Dienstag in der Orangerie besetzt, als Martin Harbauer aus der Kurzgeschichte "Die Liebe einer Frau" der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro vorlas. Mit passener Mimik und Gestik hauchte der Diplomsprecher der Geschichte Leben ein. Foto: Knoll

Füssen – Kürzlich wurde bekannt: der diesjährige Literaturnobelpreis geht an die Kanadierin Alice Munro. Das hat die Stadtbibliothek Füssen dazu bewegt, eines der Werke der 82-Jährigen in der „LeseZeit“ zu präsentieren. So las Martin Harbauer am Dienstag aus der „short story“ „Die Liebe einer Frau“.

Ein Fluss, ein Auto und darin eine Leiche – das entdecken drei Jugendliche im ersten Kapitel von „Die Liebe einer Frau“. Der Beginn eines typischen Kriminalroman, so der erste Eindruck. Doch ob der Optiker Opfer eines Mordes oder eines Unfalls wurde, das rückt im Verlauf der Geschichte in den Hintergrund. Denn im Mittelpunkt steht der innere Konflikt der Protagonistin Enid. Dieser „Engel der Barmherzigkeit“, wie sie Munro beschreibt, kümmert sich als private Krankenpflegerin um todkranke Menschen, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. Auch pflegt sie Quinn, die gehässige Ehefrau eines alten Schulkameraden, und dessen Kinder. Für Quinns Ehemann Rupert, den Enid früher in der Schule gehänselt hatte, entwickelt Enid mehr und mehr Gefühle. Und so steht sie vor einem Dilemma, als sie erfährt, dass Rupert den Optiker aus Eifersucht umgebracht hat. Doch die Polizei zu verständigen, das kommt für sie nicht in Frage. Vielmehr ringt sie mit sich, ihn mit ihrem Wissen zu konfrontieren. Denn nur wenn er sich selbst stellt, „könnte er weiterleben“, ist Enid überzeugt. Dafür ist sie auch bereit ihr eigenes Leben zu riskieren. Doch wie sie sich am Ende entscheiden wird, muss sich der Leser letztlich selbst zusammenreimen. 

Eine kurze Einleitung und vier Kapitel – fünf Geschichten: Dieser Eindruck hat zunächst der Leser beziehungsweise Zuhörer. Denn die Kapitel spielen in unterschiedlichen Zeiten und haben zum Teil verschiedene Protagonisten. Dabei legt Munro auch keinen Wert auf Chronologie. Nicht umsonst las Harbauer die Kapitelüberschriften vor, was er „sonst nicht tut“, wie er erklärte und ermahnte genau aufzupassen. Denn erst am Ende laufen alle Fäden zusammen und es ergibt sich eine Geschichte. Darin beweist Munro ein Auge für Details: Sie beschreibt Szenen anschaulich und kurzweilig. Auch ihre Charaktere haben Tiefgang und wirken in ihrer Unvollkommenheit wie normale Alltagsmenschen. Da sind die drei Jungs, die zuerst zu Mittag essen und sich Süßigkeiten kaufen, bevor sie jemandem von der Leiche erzählen. Oder Enid, die ihre Ausbildung als Krankenschwester aufgibt, nur weil ihr Vater sie auf dem Sterbebett darum bittet. Um das darzustellen, entwickelt Munro gerne Handlungsstränge, die nichts mit der Haupthandlung zu tun haben. Zudem schreckt die Kanadierin nicht davor zurück das Hässliche zu beschreiben, wie Quinns durch die Krankheit aufgedunsener Körper. 

Auch Harbauers Vortrag macht die Geschichte anschaulich. Hier zeigt sich sein schauspielerisches Können, wenn er in gewohnter Weise jeder Figur eine eigene Stimme gibt und dazu passenden Gesten zeigt– Mal ist er die zänkische Quinn, mal steckt er sich als alter Hilspolizist ein imaginäres Hörgerät ins Ohr.

Insgesamt 150 Kurzgeschichten hat die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin aus Ontario bisher verfasst. Damit gehört sie zu einer der wenigen Autorinnen, die sich, so Bibliotheksleiterin Sabine Frey, diesem Genre verschrieben hat. In ihren „short storys” geht es meist um Liebe, Eifersucht und falsche Entscheidungen, so Frey. Dabei stehen vor allem Frauen im Mittelpunkt ihrer Geschichten, die realitätsnah, abgründig und unsentimental sind und meist einen offenen Schluss haben. Im Dezember wird Alice Munro der Nobelpreis in Stockholm verliehen. Doch aus gesundheitlichen Gründen wird sie ihn laut Frey nicht selbst entgegennehmen können. kk

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