„Müssen wieder mehr Klinken putzen“

Michelle Derbach erklärt im Interview, warum sie mit 16 Jahren Vorsitzende der SPD Ostallgäu werden will

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Voraussichtlich Ende September soll der SPD-Unterbezirk Ostallgäu einen neuen Vorstand wählen. Die 16 Jahre alte Michelle Derbach aus Vils will dann ihren Hut in den Ring werfen und Vorsitzende werden.

Landkreis/Füssen/Vils – Wie viele Hüte und Mützen Michelle Derbach genau besitzt, weiß sie nicht. Ohne Zweifel sind sie aber das Markenzeichen der 16-Jährigen. Und so kann man getrost davon sprechen, dass die Schülerin Ende September sprichwörtlich ihren Hut in den Ring wirft.

Und somit der Füssenerin Ilona Deckwerth den Vorsitz des SPD-Unterbezirks Ostallgäu streitig machen will (derKreisbote berichtete).

Was die gebürtige Berlinerin dazu treibt und wie ihr Verhältnis zur Amtsinhaberin ist, verrät sie im Interview mit dem Kreisbote.

Frau Derbach, Sie sind erst 16 Jahre alt, ein Teenager. In diesem Alter dürften sich die wenigsten für Politik interessieren. Bei Ihnen ist das anders. Warum?

Derbach: „Das hat eigentlich mit meiner Familie angefangen. Die war auch schon immer politisch sehr engagiert. Mein Ur-Großvater war schon in der SPD und kannte Willy Brandt. Die beiden haben oft zusammen ein Bier getrunken. Mein Opa war ebenfalls in der SPD. Dass ich mich politisch engagiere, liegt also in der Familie. Bei mir hat alles angefangen, als ich 14 geworden bin. Da hatten mein Vater und ich eine Diskussion über bestimmte politische Themen und er sagte: Wenn du dich wirklich dafür einsetzen möchtest, musst du in eine Partei eintreten. Und so stand ich vor der Wahl: Grüne oder die SPD.“

Was hat letztlich den Ausschlag für die SPD gegeben?

Derbach: „Ich habe mich sodann für die SPD entschieden, weil eine gerechte Umweltpolitik nur mit einer passenden Sozialpolitik funktionieren kann. Die Entscheidung für die SPD war sehr knapp. Ich habe meine damals getroffene Entscheidung bis heute nicht bereut.“

Was hat Sie jetzt bewogen, für den Vorsitz der SPD Ostallgäu zu kandidieren?

Derbach: „Erstens möchte ich der Jugend zeigen, dass – wenn sie sich engagiert und mit Tatendrang bei der Sache ist – in der Politik und in der Partei auch etwas bewegt werden kann. Zweitens möchte ich den Bürgern zeigen, dass ein Ruck durch die SPD Ostallgäu geht, besonders nach der enttäuschenden Kommunalwahl 2020.

Was sagen Ihre Eltern und Freunde zu Ihrem politischen Engagement?

Derbach: „Meine Eltern unterstützen mich vollkommen und fahren mich auch fast überall hin. Meine Freunde wissen es auch bereits und finden es sehr interessant. Die kennen mich und mein politisches Engagement schon von der Schule her.“

Sie kritisieren das schlechte Abschneiden der SPD Ostallgäu bei den jüngsten Kommunalwahlen. Was waren Ihrer Ansicht nach die Ursachen für das Debakel?

Derbach: „Einer der Gründe war, dass man immer so weiter gemacht hat wie nach den letzten Wahlen. Man hat selten Bürgernähe gezeigt. Das möchte ich ändern, wenn ich Vorsitzende werden sollte. Ich werde jede Woche fünf bis sechs Stunden auf den Straßen im Ostallgäu und Kaufbeuren zu finden sein, um damit Bürgernähe aufzuzeigen und somit das Vertrauen der Bürger zur SPD zu stärken. Auch in den sozialen Medien müssen wir viel aktiver werden und versuchen den Bürger durch Blogs oder Chats an einer Entscheidungsfindung teilhaben zu lassen. Ein virtueller Infostand reicht da allerdings nicht aus! Meiner Auffassung nach sind auch im Wahlkampf kaum junge Themen wie die Digitalisierung und grüne Politik eingeflossen. Stattdessen hat man auf Standardthemen wie Wohnungsbau, Verkehr und Ferienwohnungen gesetzt. Man konnte keine Veränderungen an der Wahlkampfstrategie der SPD Ostallgäu/Kaufbeuren zur Europawahl erkennen. Auch bei dieser Europawahl hatte die SPD leider schlecht abgeschnitten. Daraus hätte man lernen können.“

Die SPD insgesamt schneidet bei Wahlen seit Jahren bundesweit schlecht ab. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Derbach: „Früher und auch heute fehlt mir die Beteiligung von mehr jungen Menschen in den Führungspositionen der SPD Deutschland. Ein weiterer Grund sehe ich auch, dass sich die SPD immer weiter von ihrer eigentlichen Wählerklientel wie Arbeiter und Angestellte entfernt hat. Die SPD von damals, und auch teilweise heute noch, bewegt sich immer weiter in Richtung Mitte. Die Mitte wurde aber traditionell immer von der CDU/CSU und FDP besetzt. Eine Unterscheidung, für welche Politik die SPD nunmehr steht, wurde aufgrund der neuen politischen Ausrichtung für den einfachen Bürger immer schwieriger. Die umstrittene Hartz-IV-Einführung trug ebenfalls dazu bei, dass die SPD Deutschland immer mehr Wähler aus dem linken Spektrum an anderen Parteien verlor. Junge Themen, die die jungen Wähler interessieren, wie unter anderem die immer weiter fortschreitende Digitalisierung und der Klimawandel, wurden zu spät von der SPD Deutschland aufgegriffen. Die neue junge Wählerschaft ist teilweise an die Grünen verloren gegangen.“

Was ist für Sie linke Politik?

Derbach: „Mit linker Politik verbinde ich Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Die linke Politik ist am einfachen Bürger ausgerichtet. Linke Politik ist Sozialpolitik. Dazu gehört die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, die Einführung einer Grundrente, die am 1. Januar 2021 in Kraft treten soll, und die Mietendeckelung in ganz Deutschland. Linke Politik bedeutet für mich auch Bildungsgerechtigkeit. Kinder aus sozial schwächeren Familien haben deutlich schlechtere Chancen, an der fortschreitenden Digitalisierung teilzunehmen. Pads und Laptops müssen jeden Schüler zur Verfügung gestellt werden. Das soll durch die Einführung eines Schulstartgeldes gewährleistet werden. Im Übrigen möchte ich noch anmerken, dass meine politische Ausrichtung Mitte-Links ist. Man darf die Unternehmen nicht vergessen, die in Deutschland die Arbeitsplätze schaffen. Die Förderung von zukunftsorientierten Startups werden immer wichtiger werden für das Gelingen einer guten Wirtschaft in Deutschland. Klar ist auch, dass man die Arbeiter und Arbeiterinnen entsprechend für ihre Leistung gut entlohnen muss. Deshalb bin ich für die Einführung eines Mindestlohns von mindestens zwölf Euro.“

Nach der jüngsten Kommunalwahl haben Sie die Ostallgäuer SPD-Vorsitzende Ilona Deckwerth in einem Offenen Brief zum Rücktritt aufgefordert. Was werfen Sie ihr konkret vor?

Derbach: „Dazu möchte ich nichts sagen. Ich finde, das sollte intern bleiben.“

Bereits in der Debatte um die beantragten Ferienwohnungen von Füssens Ex-Bürgermeister Paul Iacob haben Sie sich gegen Deckwerth und den Füssener SPD-Ortsvorstand gestellt und Deckwerth scharf angegriffen. Was hat Sie damals am Vorgehen des Ortsvorstandes gestört?

Derbach: „Das Problem für mich war, dass man das weitere Vorgehen mit dem Ex-Bürgermeister Paul Iacob nicht mit dem kompletten Vorstand abgesprochen hat. Man hätte hierzu, bevor man eine öffentliche Erklärung lanciert, den gesamten Ortsvorstand zu einer kurzfristigen Sitzung einberufen müssen. Leider wurde dieses versäumt und ohne eine Abstimmung des gesamten Vorstandes in die Öffentlichkeit getragen. Nach meinen Informationen wurden nur die beiden Stellvertreter darüber informiert.“

Wie ist Ihr Verhältnis zu Ilona Deckwerth heute?

Derbach: „Es gibt keins.“

Wie waren die Reaktionen auf die Ankündigung Ihrer Kandidatur innerhalb der Ostallgäuer SPD?

Derbach: „Durchweg positiv. Ortsvereine und selbst Vertreter von anderen demokratischen Parteien haben mir Respekt gezollt für meine Entscheidung für den Vorsitz der SPD Ostallgäu/Kaufbeuren zu kandidieren.“

Vorsitzende Deckwerth verfügt über ein gewachsenes Netzwerk in der SPD Ostallgäu und kann sich auf den Ortsverband Füssen stützen. Wie wollen Sie dagegen ankommen?

Derbach: „Ich weiß, dass sie über ein viel größeres Netzwerk verfügt als ich, aber das bringt ja auch die Zeit mit sich. Ich werde versuchen den Vorsprung von Ilona Deckwerth zu verkleinern, indem ich mich bei den Ortsvereinen, die mich noch nicht persönlich kennen, vorstelle. Hier werde ich mich den Fragen der Mitglieder des Ortsvereines stellen und meine Veränderungsideen für die SPD Ostallgäu/Kaufbeuren vortragen. Ich hoffe auch, dass ich mit meinem sozialen Engagement und mit meiner jugendlichen Power Punkte bei den Delegierten sammeln kann. Ich werde auch versuchen, durch das Zusammenstellen eines Teams aus jungen und erfahrenden Leuten zu punkten. Die zu vergebenen Ämter sollten gerecht an die verschiedenen Ortsvereine aufgeteilt werden. Des Weiteren möchte ich versuchen zu punkten, indem ich für das nächste Jahr eine Doppelspitze bestehend aus Frau und Mann versuchen werde zu installieren. Zurzeit ist es aufgrund der bestehenden Satzung nicht möglich. Diese muss hier hingehend geändert werden.“

Welche Ziele haben Sie im Falle einer erfolgreichen Kandidatur?

Derbach: „Sehr wichtig ist für mich, dass wir viel mehr Parteiaktivitäten auf die Straße bringen. Wir müssen wieder mehr Klinken putzen und den Bürgern zuhören. Wir müssen den Unternehmer, Angestellten und Arbeiter wieder häufiger die Frage stellen „Wo drückt euch der Schuh?“. Dazu gehört der Besuch in Ladengeschäften, der Besuch bei ansässigen Unternehmen und natürlich die alten Hausbesuche. Ich möchte schwächere Ortsvereine stärken durch Auftritte in ihren Regionen. Und somit versuchen, mehr Aufmerksamkeit für die SPD in den kleineren Orten zu entfachen. Hier greift auch mein Motto: ‚Wer sich nicht bewegt, hat schon verloren.‘ Hinzu kommt eine bessere Vernetzung der Ortsvereine für eine schnellere Kommunikation, eine bessere Pressearbeit auf allen Medienkanälen, die Einführung einer Doppelspitze, ein offensiverer Auftritt gegenüber den Konkurrenzparteien und die Einrichtung einer Ideenwerkstatt in der SPD Ostallgäu/Kaufbeuren. Dazu möchte ich drei weitere Arbeitsgruppen im Unterbezirk der SPD versuchen zu installieren: 1. AG für Migration und Vielfalt, 2. AG für LGBTIQ (steht für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, queere, intersexuelle und asexuelle Menschen, Anm. d. Red.) und 3. eine AG für Selbstständige.“

Wie wollen Sie das Amt der Ostallgäuer SPD-Vorsitzenden mit der Schule unter einen Hut bekommen?

Derbach: „Wie Sie ja wissen, bin ich derzeit Jusos Ostallgäu/Kaufbeuren-Vorsitzende und bin hier sehr engagiert. Der Arbeitsaufwand wird sicherlich höher werden, aber für die Politik und die SPD verzichte ich auch gerne auf ein paar Hobbys von mir. Ich mache das sehr gerne, denn ich möchte in meiner Zukunft etwas bewegen und Gutes für die Menschen tun.“

Wie sehen Sie Ihre politische Zukunft?

Derbach: „Mittelfristig sehe ich meine Zukunft im Ostallgäu und Kaufbeuren. Hier möchte ich mich für die SPD einsetzen. Ich werde in zwei Jahren mein Abitur absolvieren und, falls es funktioniert, Politikwissenschaft studieren. Falls es mit der Politik wider Erwarten nicht klappen sollte, möchte ich gerne Lehrerin werden. Ich werde ja sehen, was die Zukunft für mich noch an Überraschungen bereithält.“

Frau Derbach, danke für das Gespräch.


Vorsitzende Deckwerth bleibt vorerst gelassen

Kein Kommentar. So lässt sich die Reaktion der amtierenden Ostallgäuer SPD-Vorsitzenden Ilona Deckwerth auf die Ankündigung Michelle Derbachs, Ende September gegen sie anzutreten, zusammenfassen. „Als Vorsitzende, die erneut antreten wird, gebe ich keine Kommentierung dazu ab“, sagte Deckwerth gegenüber dem Kreisboten. Sich zur Wahl zu stellen, sei das gute Recht eines jeden Mitglieds. „Es kann ja sein, dass noch jemand dazu kommt“, so die Füssenerin weiter. Nach ihrem Verhältnis zu Michelle Derbach gefragt, antworte sie: „Das ist nicht relevant“. Ihr Hauptaugenmerk liege derzeit vielmehr auf der Organisation der Unterbezirks-Versammlung in Corona-Zeiten. Sie hoffe, dass diese planmäßig am 25. oder 26. September stattfinden kann.

Matthias Matz

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