»Nicht mein Demokratieverständnis«

Michelle Derbach tritt aus der SPD aus und übt heftige Kritik an den Genossen im Ostallgäu

Michelle Derbach
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Michelle Derbach verlässt die SPD und übt scharfe Kritik an der Kreisvorsitzender Ilona Deckwerth und der Partei.

Füssen – Sie wollte hoch hinaus in der SPD und im Alter von 16 Jahren Vorsitzende des Unterbezirks Ostallgäu werden. Einen Monat nach ihrer krachenden Niederlage bei den Vorstandswahlen ist Michelle Derbach jetzt aus der SPD ausgetreten. Ihr Offener Brief dazu ist aber weitaus mehr als eine bloße Austritts-Erklärung – er ist eine knallharte Abrechnung mit den Ostallgäuer Genossen und der Partei an sich. SPD-Kreisvorsitzende Ilona Deckwerth weist die Vorwürfe jedoch zurück. 

Einen guten Monat nach ihrer Niederlage bei den Vorstandswahlen im SPD-Unterbezirk Ostallgäu hat Michelle Derbach ihren Austritt aus der Sozialdemokratischen Partei Deutschland erklärt. Ende September hatte sie gegen Amtsinhaberin Ilona Deckwerth deutlich den Kürzeren gezogen. Lediglich fünf Stimmen entfielen seinerzeit auf die 16 Jahre alte Schülerin (der Kreisbote berichtete). Das Verhältnis zwischen Derbach und Deckwerth, gleichzeitig Vorsitzende des Ortsvereins Füssen und Stadträtin, gilt seit längerem als zerrüttet. So hatte die Teenagerin unter anderem nach Deckwerths Wahldebakel bei der Landrats-Wahl im März offen deren Rücktritt gefordert. Schon zuvor waren die beiden Frauen im öffentlichen Streit um Füssens Ex-Bürgermeister Paul Iacob (SPD) öffentlich aneinander geraten.

Die Ostallgäuer SPD-Kreisvorsitzende Ilona Deckwerth weist die Vorwürfe Derbachs energisch zurück.

In ihrem Offenen Brief erklärt Derbach nun, dass es ihr nach reiflicher Überlegung in den Wochen nach der Wahl klar geworden sei, dass ein Austritt „zwingend notwendig“ sei. „Ich bin unbequem, ich bin kein Parteisoldat und ich bin sicher schon jemand mächtig auf die Füße getreten“, schreibt sie. Das sei bei den Ostallgäuer Genossen nicht gut angekommen. „Es scheint so, dass ich mit meiner Wehrhaftigkeit in ein Bienennest getreten bin und fast alle nun die Bienenkönigin verteidigen müssten“, schreibt sie weiter. Wer so sei wie sie, sollte nicht in den Verband eintreten, warnt sie ihre Altersgenossen. „Ich verstehe jetzt die Jugendlichen, dass sie sich keiner Partei anschließen wollen.“

Für sie persönlich habe es vor allem drei Gründe gegeben, gegen Deckwerth anzutreten. Zum einen habe sie gestört, dass erneut niemand gegen die Vorsitzende antreten wollte. „Dies entsprach nicht meinem Demokratieverständnis.“ Zum anderen habe sie Gleichaltrigen beweisen wollen, dass auch Jugendliche in einer Partei etwas bewegen können. Darüber hinaus habe sie den Bürgern zeigen wollen, dass die Ostallgäuer SPD aus den desaströsen Wahlergebnissen der jüngeren Vergangenheit gelernt habe.

Deckwerth dementiert

SPD-Kreisvorsitzende Deckwerth weist die Kritik Derbachs im Gespräch mit dem Kreisboten energisch zurück. Sowohl im Füssener Orts- als auch im Ostallgäuer Kreisverband könne jedes Mitglied eine Diskussion anstoßen und führen. „Ich lege Wert auf eine faktenbasierte Diskussion“, betonte sie. Derbach allerdings habe sich zuletzt an den internen Debatten beteiligt. „Sie ist in letzter Zeit nicht mehr zu unseren Runden gekommen und hat sich der Diskussion mit der Partei entzogen.“

Die Behauptung Derbachs, dass junge Menschen keine Möglichkeit hätten, im Kreisverband aufzusteigen, treffe ebenfalls nicht zu. „Wir haben Jung und Alt, Frauen und Männer, eine Mischung aller gesellschaftlicher Schichten“, sagt sie. Dazu komme eine auf Kreisebene sehr aktive Nachwuchsorganisation Jusos.

Inhaltliche Arbeit

Dass keine Lehren aus den jüngsten Wahlergebnissen gezogen worden seien, sei gleichfalls nicht richtig, weist sie die Vorwürfe ihrer einstigen Herausforderin zurück. Die Reaktion auf das Abschneiden bei den jüngsten Kommunalwahlen sei das Entwickeln von Themen, erläuterte die Füssener Stadt. „Wir machen inhaltliche Arbeit!“ So setzte sich die SPD in Füssen und auf Kreisebene vehement für den Einbau von Luftreinigungsgeräten in die Schulen einsetzen, erklärte sie. Bereits in der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses des Füssener Stadtrates (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) wolle sie das Thema öffentlich ansprechen, kündigte sie an.

Aber nicht nur der Ostallgäuer Kreisverband, auch die Bundes-SPD insgesamt kommt bei Michelle Derbach mittlerweile schlecht weg. So habe sie festgestellt, dass die einstmals bürgernahe Volkspartei, der ihre Familie seit drei Generationen angehöre, so nicht mehr existiere. „Heute sind den Genossen ihre eigenen Posten und ihre weiteren Mitgliedschaften und Pöstchen in Vereinen wichtiger als die Förderung von jungen Nachwuchskräften, Bürgernähe und Modernität“, kritisiert sie. Wohin sie ihr weiterer politischer Weg nach ihrem Austritt aus der SPD führen werde, ließ Derbach zunächst offen.

Matthias Matz

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