Ausschuss besichtigt saniertes Schlichthaus

"Eine schöne Visitenkarte für Füssen"

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Die Mitglieder des Finanzausschusses und der Stadtverwaltung schauen sich das sanierte Schlichthaus an.

Füssen – Gänge voller Müll, verrußte Zimmer und eine verdreckte Badewanne für 22 Zimmer: Bis vor wenigen Jahren war das Schlichthaus, die Obdachlosenunterkunft der Stadt Füssen, in einem traurigen Zustand.

Dann aber machten die Pfadfinder 2013 den ersten Schritt in Sachen Renovierung, die Stadt Füssen übernahm und nun präsentiert sich die Unterkunft wieder in einem menschenwürdigen Zustand: „Sanitär, Elektrik, Heizung – alles neu. Das war auch notwendig“, erklärte Bürgermeister Paul Iacob (SPD) am Dienstag, als sich die Mitglieder des Finanzausschusses vor Ort ein Bild der Lage machten. 

Doch das alles hat seinen Preis. Nicht nur für die Stadt, sondern auch für die Bewohner. Wer nicht mehr weiß, wo er hin kann, der findet im Schlichthaus eine Unterkunft. „Wir haben die Aufgabe die eigenen Leute, die obdachlos werden, unterzubringen“, erklärte Iacob. „Wir weisen Menschen nur dann ein, wenn eine Zwangsräumung vorliegt“ und der Betroffene keine andere adäquate Unterkunft findet, erklärte Markus Gmeiner von der Stadtverwaltung. 

Das Schlichthaus mit neuen Fenstern aber noch vor der grundlegenden Sanierung.

Für Betroffene stehen im Schlichthaus 20 Zimmer zur Verfügung, von denen derzeit zwölf belegt seien. Zwei weitere seien für durchreisende Obdachlose vorgesehen. Doch davon kommen nur noch „ganz wenige“ in die Lechstadt, weiß Gmeiner. 1962 hat die Stadt das Gebäude errichtet. Und bis 2013 hat sich an dem Haus „gar nicht so viel verändert“, erklärte Bauamtsleiter Armin Angeringer. 

Die Elektroverteilung lag frei zugänglich im Hausgang, so Angeringer. Und auch an die Deckenleitungen kamen die Bewohner heran, so dass sich mancher Strom für andere Dinge abgezwackt habe. Die ganze Situation war gefährlich. „Zum Glück ist nie ernsthaft was passiert“, so Angeringer.

Mit Öfen heizen

Prekär war auch die Beheizung der Räume. Eine Zentralheizung gab es nicht. Stattdessen versuchten die Bewohner mit Öl- und Holzöfen ihre Zimmer warm zu bekommen. „Sie haben alles verbrannt, was sie zur Verfügung hatten“, erklärte Hermann Härtl, der mit seinen Kollegen für die städtischen Liegenschaften zuständig ist. 

Das Ergebnis: Die Zimmer waren schwarz vor Ruß. Deshalb bekamen sie einen neuen Anstrich, neue Bodenbeläge und Heizkörper. Thermostate regeln hier die Temperatur, so Angeringer. Daneben wurde ein Gastank aufgestellt. Renovierungsbedarf herrschte zudem bei den Sanitäranlagen. Zum Duschen stand den Bewohnern nur eine Badewanne im Keller zur Verfügung. Und diese war „weit von dem entfernt, was heute als tragbar angesehen wird“, so der Bauamtsleiter.

Deshalb richteten die Firmen Doser und Hauke im Erdgeschoss und Obergeschoss Gemeinschaftsbäder ein und stellten dafür auch das Material zur Verfügung. So entstanden zwei Bäder, „ohne dass die Stadt Füssen von den Kosten belastet worden wäre“, sagte der Bauamtsleiter.

Insgesamt musste die Stadt aber trotzdem rund 105.000 Euro in das Haus investieren. 50.000 Euro kostete Heizung und Sanitär, 25.000 Euro die Elektronik. Damit habe die Stadt aber sichergestellt, dass die Bewohner „menschenwürdig untergebracht werden“, so der Rathauschef.

Die Herausforderung bestehe jetzt darin, dass das auch so bleibt. „Der Mensch ist ein Jäger und Sammler. Hier sind aber mehr Sammler“, hatte Iacob bei der Ortsbesichtigung erklärt. Soll heißen: Vor der Renovierung war das Haus voller Müll, 30 Kubikmeter davon mussten erst einmal entsorgt werden. „Wir müssen schauen, dass die Sauberkeit gewahrt wird“, so Iacob. 

Deshalb versuchen Härtl und seine zwei Kollegen die Bewohner nach und nach an den höheren Standard zu gewöhnen. Das klappe derzeit gut, sagte Gmeiner. Dabei helfen auch zwei Bewohnerinnen, die die anderen an die Hand nehmen. Als erzieherische Maßnahme schlug Wolfgang Bader (SPD) deshalb vor, diesen beiden einen „kleinen Obulus“ zukommen zu lassen. 

Doch das hielt Härtl für schwierig. Die anderen Bewohner kämen dann schnell zu der Auffassung: „Das geht uns nichts mehr an.“ 

Erhöhung zu abrupt?

Insgesamt begrüßten die Räte die Renovierung. „Ich finde das ganz großartig. Das ist eine Wertschätzung der Menschen gegenüber, die meist unverschuldet in Not geraten sind“, sagte Winfried Gößler (Grüne). 

Daneben werde auch noch etwas für den Umweltschutz getan. „Das ist eine schöne Visitenkarte für Füssen.“ Das hat aber seinen Preis: Neben den Renovierungskosten fallen für die Stadt Betriebskosten von 14.300 Euro pro Jahr an. Zudem muss sie den Reinigungsdienst bezahlen, der hier einmal pro Woche vorbeischaut.

Deshalb schlug die Stadtverwaltung vor den Mietpreis, der bisher monatlich bei 1,90 Euro pro Quadratmeter lag auf 3,90 Euro zu erhöhen. Wegen des bisherigen Zustands habe man diesen „schon lange nicht mehr erhöht“, erklärte Gmeiner. „Die Mehrbelastung hält sich in Grenzen.“ Und wer sich den Mietpreis wirklich nicht leisten kann, könne immer noch einen entsprechenden Antrag beim Landratsamt Ostallgäu stellen. „Es ist nicht so, dass wir unsozial wären“, sagte Gmeiner.

Alternativ schlug er eine Erhöhung in Staffeln vor. Dafür sprach sich Lothar Schaffrath (SPD) aus. „Natürlich ist das nicht unsozial. Aber gleich 100 Prozent erhöhen finde ich ein bisserl abrupt.“ Gleicher Meinung war seine Fraktionskollegin Ilona Deckwerth. Eine Mieterhöhung um 50 Prozent „ist für solche Leute schon viel“, meinte sie. Ihre Kollegen sahen das jedoch anders. Sie empfahlen mit 10:1-Stimmen dem Stadtrat den Mietpreis ab 1. August auf 3,90 Euro pro Quadratmeter zu erhöhen.

kk

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