Suche nach Freiheit

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Seine Freunde feuern Claude (Mitte) an, seinen Einberufungsbefehl zu verbrennen.

Füssen – Lange Haare, zerissene Blue-Jeans und Stirnbänder: „Hair- The American Tribal Love Rock-Musical“ hat am Freitag die Zeit der Hippies zurück ins Festspielhaus gebracht. Mit Spielfreude und Stimmgewalt begeisterte die „Broadway Musical Company New York“ die Zuschauer.

In den 1960er Jahren begann die Zeit der Hippies in den USA: Unter dem Motto: „Make love not war“ protestierten viele Studenten, Schüler und Arbeiter gegen den Vietnamkrieg und die Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung. Dieses Lebensgefühl brachten die Autoren James Rado und Gerome Bernard Ragni im Musical „Hair“ auf die Bühne.

Provozierende Aktionen

In dessen Mittelpunkt steht Claude Hooper Bukowski. Der junge Mann vom Land gerät in New York in eine Dreiecksbeziehung mit den Hippies Sheila und Berger. Sie und andere Gleichgesinnte wollen den Beschränkungen der Gesellschaft entkommen. Um sich Gehör zu verschaffen, schockieren sie mit provokativen Aktionen. Der Fokus liegt dabei vor allem auf der sexuellen Freizügigkeit.

Als sich Berger dem Publikum vorstellt, erklärt er, dass man ihn auch „Bananaburger“ nennen könne. Zum Beweis knöpft er seine Jeans auf und steht plötzlich nur noch im Lendenschurz vor den Zuschauern. Obwohl er lachend inne hält, weil ja seine Mutter im Publikum sitze, präsentiert er später trotzdem seinen nackten Hintern. Auch die anderen Mitglieder seiner Clique stehen ihm in nichts nach: Sie fassen sich in den Schritt und wackeln mit den Hüften. Kurz vor der Pause, ziehen sich dann alle komplett aus. Doch dank der Lichttechnik sind nur ihre Umrisse zu erkennen.

Bergers Clique sucht Liebe und Freiheit in der Esoterik. Sie hofft auf ein neues Zeitalter des Wassermannes, in denen diese Werte die höchste Bedeutung haben. Währenddessen schaut die Realität ganz anders aus: Mitglieder aus Bergers Clique setzen sich Brillen und Kopftücher auf, um fast kabarettistisch in die Rollen der Eltern und Lehrer – dem Establishment – zu schlüpfen. Und das bringt nur Unverständnis für die jungen Leute auf. Sie kritisieren deren langen Haare und ihr Nichtstun. Bergers Professoren verweisen den Hippie sogar der Universität.

Um das alles erträglicher zu gestalten, flüchten sich die Hippies in den Drogenrausch. Doch sie werden unangenehm in die Wirklichkeit zurückgeholt, als sie ihren Einberufungsbefehl erhalten. Sie sollen in einem Krieg kämpfen, in den „Weiße Schwarze und Weiße gegen Gelbe schicken, um ein Land zu verteidigen, das sie den Roten gestohlen haben.“ „That´s crazy“ (das ist verrückt), meint nicht nur Hippie Jeanie. In einem „Be-In“ im Central Park wollen sie ihren Einberufungsbefehl verbrennen. Während Berger seine „Draft Card“ unter großem Jubel in die Flammen wirft, kann Claude nur seinen Bibliotheksausweis verbrennen. Hin und her gerissen zwischen seiner bürgerlich-konservativen Erziehung und seinen neuen pazifistischen Idealen kann er nicht den letzten Schritt tun.

Aufrüttelnde Szenen

Dank der Widersprüchlichkeit zwischen liebevollen, provozierenden und erschreckenden Szenen entsteht in „Hair“ ein Musical, das nicht nur unterhält, sondern auch aufrüttelt und zum Nachdenken anregt. Doch seine Botschaften dürften nicht bei jedem im Publikum angekommen sein. Die Texte waren auf Englisch. Nur einzelne Sätze wurden ins Deutsche übersetzt. Trotzdem kam die Unterhaltung nicht zu kurz. Dafür sorgten bunte Kostüme und die Lebendigkeit der Darsteller, die energiegeladen über die Bühne wirbelten. Dabei bezogen sie auch das Publikum in ihr Spiel ein. Das wurde mit Flyern zum „Be-In“ eingeladen. Am Ende holten sie einzelne Zuschauer sogar auf die Bühne, um mit ihnen zur Zugabe „Let The Sunshine In“ zu tanzen. Das Highlight des Musicals war aber die sängerische Leistung der Darsteller. Egal ob beim Protestsong „I Believe In Love“, „Aquarius“, „Hair“ oder „White Boys“ – die Sänger nutzen die volle Bandbreite der Tonleiter und sorgten damit bei manchem Zuschauer für Gänsehaut.

Katharina Knoll

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