Helikopter bringt  das Material auf den Tegelberg

Natur- und Lawinenschutz am Tegelberg: "Das ist Millimeterarbeit"

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Mit einem Helikopter werden die bis zu einer Tonne schweren Bauelemente zur Verbauung transportiert.

Schwangau – Für den Natur- und Lawinenschutz sind am vergangenen Donnerstag am Tegelberg hölzerne Bauelemente angebracht worden.

Mit Hilfe eines Hubschraubers verbauten Holzarbeiter und drei angehende Forstwirte oberhalb der Rohkopfhütte das Gebiet der ehemaligen Skiabfahrt lawinensicher. Forstdirektor Klaus Dinser vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten (AELF) hatte aus diesem Anlass  zu einer Exkursion eingeladen, um die Schutzwaldsanierungsmaßnahmen, mit erstmaliger Unterstützung der Auszubildenden des Forstbetriebs Sonthofen, vorzustellen. 

Der Alpenraum ist eines der sensibelsten Ökosysteme Bayerns. Ein intakter Bergwald bietet Schutz vor Lawinen aber auch anderen Naturgefahren wie Hochwasser oder Hangrutschungen, erklärte Dinser. Er sei maßgeblich für den Natur- und Klimaschutz. Diese vielfältigen Funktionen gilt es durch Bepflanzung und Pflege zu sanieren und dauerhaft zu erhalten. „Solange unsere leider sanierungsbedürftigen Bergwaldflächen diese Sicherheit nicht gewährleisten können, müssen Lawinenbebauungen repariert, erneuert und neu erbaut werden,“ erklärte der Forstdirektor. 

Denn junge Bäume müssen, genau wie Skitourengeher und Wanderer, vor dem Schnee geschützt werden. Die Bebauungen brachten die Holzarbeiter und die Azubis auf dem Gebiet namens Latschenkopf im Hang an, wo ältere Bauelemente entfernt werden mussten. Oberhalb der Drehhütte lagen die in der Werkstatt vorher gebaute Holzelemente, sogenannte Rechen bereit. In fließenden Abläufen flog der Hubschrauber heran und an einem Transportseil festgehakt transportierte er so pro Flug einen Rechen zum Latschenkopf. 

Präzise und schnell müssten alle Abläufe am Boden und in der Luft ablaufen, sagte Lothar Poltmann, Forstamtsrat, Fachstelle Schutzwaldmanagement (AELF). Denn Helikopterflüge sind teuer. Eine Minute Flugzeit koste umgerechnet 30 Euro, sagte der Fachmann. Vor allem der Kraftstoff, der dabei verbraucht wird, treibe die Kosten in die Höhe. Deshalb seien die Flugtage und jeder einzelne Flug auf die Sekunde getaktet. „Das ist Verquickung von Hochtechnisiertem und handwerklicher Arbeit,“ sagte Dinser. Ein Rechen dieser Form und Größe koste mit Material und Herstellung, einschließlich dem Transport und der Verbauung im Hang (häufig müsse dazu auch der Untergrund präpariert werden) ungefähr 4000 Euro. 

Fünf Elemente

An diesem Tag wurden fünf Elemente verbaut. Je nach Exposition dienen auch etwas günstigere Dreifüße dem Lawinenschutz. Auch diese Schutzelemente sind aus Holz. Der Helikopter brachte bei jeder Abholung eines Rechens Altholz vom Berg. Dieses imprägnierte Holz der schadhaften Lawinenschutzbebauungen könne nicht am Berg bleiben. Poltmann erklärte, dass diese Imprägnierung umweltschädlich ist und deshalb bei den neuen Bauteilen auch nicht mehr verwendet wird. 

Um die Behandlung des Holzes zu umgehen, verwendeten die Facharbeiter jetzt Edelkastanienholz aus der Pfalz. Die seien robuster und die Teile können ohne Imprägnierung zukünftig liegen bleiben und verrotten. „Für den Dreifuß wird direkt im Fels gebohrt und der Aufbau darin verankert. Das ist Millimeterarbeit. Wegen der Statik,“ sagte Poltmann. Er ist für diese statischen Berechnungen und die Materialbeschaffung zuständig. Auch bei der Herstellung und dem Verbau der Lawinenschutzbauteile gelte: Je mehr, desto günstiger. Dinser fügte hinzu: „Das sind Steuergelder, ja, aber die Alternativen sind viel teurer.“ 

Wald schützt vor Lawinen

Und diese seien zudem nicht im Sinne der Schutzwaldsanierung und zum Naturschutz geeignet. Permanente Stahlverbauungen oder Stahlnetze würden den Wald nicht fördern und wie der Name schon sagt dauerhaft im Berg verbleiben. Für diese permanente Verbauung müsse häufig sogar Wald gerodet werden. Die Kosten der Stahlverbauungen seien auch deutlich höher. Sie liegen bei ca. einer Million Euro pro Hektar. Das sei noch ein weiterer Grund, um die Holzelemente zu verwenden. „So sind es nur ca. 300 000 Euro pro Hektar,“ erläuterte Dinser. Die Waldbegründung, das betonte der Forstdirektor, stehe über der Lawinenschutzbebauung. 

Denn ein funktionierender Bergschutzwald übernehme den Lawinenschutz, wenn die jungen Bäume hochgewachsen sind. Es handelt sich bei der Arbeit im und mit dem Wald um einen dynamischen Prozess mit zyklischen Abläufen. Wer für die Schutzwaldsanierung arbeitet, brauche einen langen Atem. „Der Wald ist ein träges System,“ schmunzelt Östreicher. Das Wachstum brauche grundsätzlich Zeit. Da es sich um Bergwald handelt, benötige es nochmal mehr als im Flachland, sagte Östreicher. „Der Zuwachs im Gebirge ist zwei bis drei Zentimeter pro Jahr. Im Flachland sind es 20 Zentimeter!“ 

Langfristig rentabel

Den Fachmännern hier ist klar: Die Rechnung für ihre Arbeit heute geht frühestens in 30 Jahren auf. Leider sei die Phase der Vorbeugung verpasst worden. „Wir bewegen uns in einem Reparaturbetrieb,“ sagte Dinser dazu. Durch Überwachung und Beobachtungen der Waldlandschaft zeigte sich, dass klimatische Veränderungen, Überalterung, Sturmschäden und Borkenkäfer den Schutzwald schwächen und er in vielen Bereichen wichtige Funktionen nicht mehr erfüllen kann. Die Bayerische Forstverwaltung begann bereits 1986 mit der Schutzwaldsanierung. Dabei sei egal, wem der Wald gehöre, sagte Dinser.

 Da es um das Gemeinwohl geht, wird die Sanierung der Schutzwälder unmittelbar durch Haushaltsmittel des Freistaates Bayern finanziert. „Objektschutz Wald ist sozusagen Schutz für den öffentlichen Verkehr“, erläuterte Dinser. Touristen, Besucher und Einheimische genießen den Tegelberg und seine Almen. „Am Tegelberg ist Tag und Nacht Betrieb,“ stellte Poltmann nüchtern fest. Besonders beliebt sei gerade diese Fläche für Skitourengeher. Selbst bei Lawinengefahr Stufe 4 habe er noch einzelne Tourengeher im Hang beobachten können. Flächen mit privater Nutzung wie durch Gemeinden, Hoteliers zum Beispiel, oder Bergbahnen und Lifte müssen jedoch anteilig ungefähr zehn Prozent der Kosten übernehmen.

Selma Höfer

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