Geringe Bezahlung, Stress und fehlender Nachwuchs belasten Ostallgäuer Notfallmediziner

Notärzte werden zum Notfall

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Bei einem schweren Unfall wie hier im April ist es wichtig, dass schnell ein Notarzt vor Ort ist. Doch die Notärzte stehen an der Belastungsgrenze.

Landkreis – Ein Auto gerät ins Schleudern, kracht gegen einen Baum, der Fahrer liegt schwer verletzt im Auto: Jetzt zählt jede Minute. Nach zehn sollte der Rettungswagen da sein. Nach spätestens 20 der Notarzt. 

Doch wenn sich die Situation der Notärzte weiter so entwickelt, wie in den vergangenen zehn Jahren, ist das nicht mehr möglich, sagt Dr. Martin Metzger. 

Es gebe zu wenig Notärzte. Und die stehen vor dem Kollaps. Nicht nur in Füssen. „Wenn sich nicht gravierend was ändert, werden wir ein massives Problem bekommen“, meint Metzger. Als Obmann der Notärzte in Füssen ist er für den Dienstplan zuständig. Von 31 Diensten im Oktober waren Anfang des Monats nur 21 besetzt. Zwar haben die ca. zehn Notärzte im Raum Füssen ein großes Interesse daran, alle Dienste zu besetzen. Aber die Situation „wird von Monat zu Monat schlimmer“, so Metzger. 

Netto bleibt wenig übrig 

2001 haben die Krankenhäuser noch alle Notarztdienste übernommen, erklärt Metzger dem Kreisboten. Damals war es eine Ehre, wenn sich ein niedergelassener Arzt hier engagieren durfte. Doch heute müssten die Krankenhäuser sparen. Und der Notarztdienst sei da ein „Draufzahlgeschäft“, so Metzger. Deshalb übernehme das Kranken-haus Füssen nur noch montags bis freitags von acht bis 16 Uhr den Dienst, für den zwei Internisten zuständig sind. Am Wochenenden, Feiertagen und unter der Woche ab 16 Uhr sind zehn Notärzte in ihrer Freizeit in Bereitschaft. Das werde allerdings nicht besonders gut bezahlt. 

Denn netto bleibe nach Abzug unter anderem von Kranken- und Rentenversicherung nur rund fünf Euro pro Stunde übrig, wenn kein Einsatz ansteht, wie sich Metzger ausgerechnet hat. Das sei zwar „wunderbar, wenn ich durchschlafen kann“, so der Anästhesist. Aber nach einem Einsatz um 24 Uhr, der eine Stunde dauert, brauche jeder Arzt noch einmal eine Stunde „um runterzukommen“. Dann bleiben ihm noch rund vier Stunden Schlaf, bevor der Praxisalltag anfängt und er „100 Prozent für seine Patienten da sein muss.“ „Das fängt irgendwann an, weh zu tun“, so Metzger. 

Und dafür sei ein Stundenlohn von rund sechs Euro netto (bei einem Einsatz) einfach zu wenig. Dass die Ärzte bei Wochenenddiensten ständig angebunden sind, führe auch irgendwann „zu Spannungen innerhalb der Familie“. Das müsse er beim Aufstellen des Dienstplans auch beachten. 

Ärztemangel auch im Allgäu 

Mit dem gleichen Problem hat auch Dr. Christoph Nowak, Obmann der Notärzte in Marktoberdorf, zu kämpfen. Der Notarztdienst rund um Marktoberdorf „kann nur aufrechterhalten werden durch das Riesenengagement“ der rund zehn Notärzte, die „den Dienst in ihrer Freizeit zusätzlich machen“, so Nowak. Um eine entspannte Situation zu erreichen, bräuchte er jedoch zwölf bis vierzehn Ärzte. Schließlich machen Ärzte auch mal Urlaub oder werden krank. 

Dass die Lage der Notärzte so prekär ist, liegt seiner Meinung nach aber nicht nur an der schlechten Bezahlung. „Es herrscht ein absoluter Ärztemangel, auch im Allgäu“, so der Allgemeinarzt. Zudem ist die Ausbildung zum Notarzt zeit- und kostenintensiv. Nach dem Studium muss ein Arzt erst einmal zwei Jahre Erfahrung in der Patientenversorgung sammeln, bevor er sich zum Notarzt weiterbilden kann. Dabei arbeitet er zunächst sechs Monate lang in der Intensivmedizin, in der Anästhesiologie oder in der Notfallaufnahme, bevor er 80 Stunden lang Notfallmedizin in der Theorie paukt. 

Danach stehen 50 Einsätze im Notarztwagen oder Rettungshubschrauber auf dem Programm, bevor er sich für die Prüfung vor der Landesärztekammer anmelden kann. Für die Ausbildung muss der angehende Notarzt 600 bis 800 Euro zahlen. Für das Genehmigungsverfahren, also die Prüfung vor der Ärztekammer und die Zulassung bei der Kassenärztlichen Vereinigung, muss er noch einmal 600 bis 700 Euro auf den Tisch legen. 

Viel Stress, wenig Anerkennung 

Zusammen mit der geringen Bezahlung, dem Stress und auch der fehlenden Anerkennung bei der Bevölkerung, ist der Notarztdienst wenig attraktiv. „Es herrscht zum Teil hohe Frustration“, weiß Metzger. Aber „das Interesse der Krankenkassen und der Politik ist äußerst gering sich der Sache anzunehmen“. Deshalb wünscht sich der Anästhesist, dass Politik und auch die Bevölkerung den Job mehr honorieren. „Wir müssen die Leute bei der Stange halten“. Ein erster Schritt soll im Januar gemacht werden. Gerüchten zufolge wird dann das Honorar erhöht, wie der Füssener hofft. Wenn sich jedoch nichts tut, könne es sein, dass irgendwann kein Notarzt mehr da ist, so Metzger. „Keiner soll nachher sagen, ich wusste das nicht.“

Katharina Knoll

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