Das Corona-Virus ist auch für Kinder gefährlich

Corona-Folgeerscheinungen bei Kindern: Chefarzt spricht über PIMS-Fälle in Kaufbeurer Klinik

Dr. Markus Rauchenzauner, Chefarzt der Kinderklinik Kaufbeuren, mit einer Patientin.
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Auch auf Kinderstation von Dr. Markus Rauchenzauner (links) am Klinikum Kaufbeuren wurden bereits Fälle von schweren Entzündungsreaktionen namens PIMS stationär behandelt. Die Krankheit folgt bei Kindern und Jugendlichen auf eine Infektion mit Sars-CoV-2.
  • vonSelma Höfer
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Landkreis – „Kinder erkranken ja gar nicht so schwer an Covid“, habe es bis vor kurzem noch geheißen, sagte Dr. med. Markus Rauchenzauner, Chefarzt der Kinderklinik Kaufbeuren. Doch immer häufiger führen Infektionen mit Sars-CoV-2 bei Kindern und Jugendlichen zu teilweise schweren Folgeerscheinungen. Mit dem Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome, genannt PIMS, wurden auch in der Kaufbeurer Kinderklinik bereits sechs junge Patienten behandelt. Und, davon ist der Mediziner überzeugt, je mehr Kinder an Covid-19 erkranken, umso häufiger wird es PIMS geben. 

Aus vielen von der Corona-Pandemie betroffenen Ländern gibt es seit Ende April 2020 Berichte von Kindern mit schweren inflammatorischen Krankheitsbildern. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (­DGPI) erfasst die in der Bundesrepublik gemeldeten Fälle des PIMS genannten Syndroms seit dem 27. Mai des vergangenen Jahres. Bis heute (Stand 11. April) wurden 265 Kinder und Jugendliche gemeldet, die die Falldefinition erfüllen. Und die Mehrheit der PIMS-Fälle wurde laut DGPI intensivmedizinisch behandelt.

Todesfälle gab es, in Deutschland zumindest, glücklicherweise nicht. Allerdings haben rund sieben Prozent der erkrankten Kinder Folgeschäden durch die Erkrankung, hauptsächlich bezogen auf das Herz-Kreislauf-System. Vier PIMS-Fälle wurden der DGPI aus Österreich gemeldet. Die meisten Kinder, die PIMS bekommen, sind schon etwas älter und eher männlichen Geschlechts. Außerdem sind die Fälle seltener mit Grunderkrankungen assoziiert als Corona-Fälle (www.dgpi.de/pims-survey-update).

Das ist eine nicht zu unterschätzende Erkrankung

Markus Rauchenzauner,  Chefarzt der Kinderklinik Kaufbeuren

„Das ist eine nicht zu unterschätzende Erkrankung“, sagte Dr. Rauchenzauner im Gespräch mit dem Kreisbote. Es handle sich dabei um eine Gefäßentzündung, die an eine bekannte Erkrankung namens Kawasaki-Syndrom erinnere. Eine Vaskulitis, wie Ärzte es nennen, welche als Komplikation eine Herzbeteiligung habe.

„PIMS ist dem sehr ähnlich. Die Patienten haben rote Augen und Rippenfellentzündungen. Die meisten Kinder haben auch Bauchschmerzen und einen Erguss im Herzbeutel“, erklärte der Fachmann. Jedoch trete die Erkrankung eher bei Teenagern auf – im Gegensatz zum Kawasaki-Syndrom. Zwar sind seine Patienten im Alter von sechs bis 17 Jahren nicht beatmungspflichtig gewesen, jedoch „waren sie hoch fiebernd und schlecht beisammen“, erklärte Rauchenzauner. Alle PIMS-Patienten in der Kaufbeurer Klinik hatten eine Herzbeteiligung.

Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Probleme

Wie die DGPI angibt, war in den meisten PIMS-Fällen die Erstdiagnose eine andere als das Hyper­inflammationssyndrom. Häufig handelt es sich um Haut- beziehungsweise Schleimhautauffälligkeiten, Herz-Kreislauf und Magen-Darm-Probleme, die mit Fieber einhergehen. Die Behandlung ist noch ebenso wenig erforscht wie das Syndrom selbst.

Bislang erhielten in Deutschland fast alle Patienten immunmodulatorische Therapien, ein hoher Prozentsatz auch eine systemische Antibiotikatherapie. Als Immunmodulation wird die Veränderung des körpereigenen Abwehrsystems (des Immunsystems) durch pharmakologisch wirksame Stoffe bezeichnet.

So auch in der Kinderklinik. Auf die Einnahme der sogenannten Immungloboline hin habe sich der Zustand fast aller PIMS-Patienten rasch verbessert, sagte Dr. Rauchenzauner. Nur bei einem Erkrankten war eine Anschlussbehandlung mit hochdosiertem Kortison nötig. „Wenn das dann nicht reicht, müssen sich die behandelnden Ärzte um eine Alternative bemühen“, ist der Mediziner froh, dass dies auf seiner Station noch nicht der Fall war. Denn was dann am besten verwendet werden sollte, dazu gäbe es noch keine Daten.

Mehr Kinder erkranken an Covid-19

„Ein ganz klares Ja“, war Rauchenzauners Antwort auf die Frage, ob es seit der zweiten Welle und dem Auftreten der Corona-Mutationen mehr Kinder gibt, die mit einer Covid-19-Infektion stationär behandelt werden müssen. Seit wenigen Wochen habe die Kinderklinik eine deutliche Zunahme an Corona-Patienten, was im vergangenen Jahr noch ganz anders ausgesehen habe. „Wir haben jetzt tatsächlich einen eigenen Bereich für Covid-Kinder.“

Alle PIMS-Patienten hatten vorher eine bestätigte Corona-Erkrankung, weshalb seiner Meinung nach auch für Kinder Impfungen gegen das Virus wichtig sind, um sie vor den Auswirkungen und den Folgeerkrankungen zu schützen – insbesondere in Hinblick auf die Mutationen, deren Auswirkungen noch nicht absehbar seien. Doch bislang sei das noch kein Thema bei den Ärzten der Kinderklinik gewesen. „Je mehr Covid-Fälle, desto mehr PIMS, desto mehr Post-Covid-Komplikationen – was das auch immer ist“, gab der Chefarzt allerdings zu bedenken.

Alle PIMS-Patienten, die in Kaufbeuren behandelt wurden, haben die Erkrankung sehr wahrscheinlich ohne Folgeschäden überstanden. Sicher sei das allerdings nicht. Die Forschung rund um das Hyperinflammationssyndrom und andere Post-Covid-Komplikationen steckt noch in den Kinderschuhen.

Kinderärzte sind sensibilisiert

Einen Beitrag dazu leisteten Dr. Rauchenzauner und sein Kollege Dr. Götz Wehl mit einem Bericht über drei PIMS-Fälle, welcher kurz vor der Veröffentlichung in einem renommierten wissenschaftlichen Magazin steht (Stand Donnerstag). Damit sollen Ärzte für das Thema sensibilisiert werden.

Auch habe es bereits ein Online-Meeting mit den niedergelassenen Kinderärzten gegeben, wobei Rauchenzauner die Erkrankung benannte und erläuterte. Denn Früherkennung sei wichtig. „Wir sehen, je weniger lang die Kinder krank sind, desto weniger schwer krank sind sie“, betonte der Mediziner. Und bei einem Teil der PIMS-Fälle war es auch der behandelnde Kinderarzt, der das Hyperinflammationssyndrom bereits erkannte und seine jungen Patienten in die Klinik überwies.

Selma Höfer

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