Gentest bestätigt Luchs in Weißenbach – Experten schätzen Chancen für dauerhafte Ansiedlung ein

Kehrt der Luchs zurück ins Allgäu?

Luchs im Schnee
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Der letzte frei lebende Luchs wurde 1850 in Bayern getötet. Doch von der Schweiz aus wandern einzelne Tiere immer wieder in Richtung Allgäu.

Tirol/Landkreis – Fotobeweise gab es schon öfters, doch nun hat es erstmals auch ein Gentest bestätigt: Luchse sind nach Tirol eingewandert. In Weißenbach, nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, hat die Raubkatze ein Reh gerissen (der Kreisbote berichtete). Entsprechende Pfotenabdrücke will ein Kreisbote-Leser allerdings schon vor zwei Jahren entdeckt haben. Besteht also die Chance, dass sich der Luchs dauerhaft in der Region ansiedelt? Der Kreisbote hat bei Experten nachgefragt.

In vergangenen Jahrhunderten streiften tausende Luchse durch Bayerns Wälder. Doch um 1850 wurde die letzte frei lebende Raubkatze in Bayern getötet, weiß Uwe Friedel, Referent für Arten- und Biotopschutz beim BUND Naturschutz. Damals wollte der Adel seine Jagdkonkurrenten ausschalten. Und auch die einfache Bevölkerung dürfte froh gewesen sein, wenn es wenig Luchse gab. Gelegentlich hätten sie wohl auch Weidetiere, Schafe und Ziegen, gerissen, so Friedel.

Im 19. Jahrhundert hatten die Menschen weder Elektrozäune, mit denen sie ihre Nutztiere schützen konnten, noch Ausgleichszahlungen. Ein gerissenes Tier wurde damit schnell zur wirtschaftlichen Herausforderung oder gar existenziellen Bedrohung für Bauern.

170 Jahre später scheint sich die Raubkatze nun ihren ursprünglichen Lebensraum zurückzuerobern. In Weißenbach im Bezirk Reutte und damit nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, wurde vor einigen Wochen ein gerissenes Reh gefunden. Gentests bestätigten nun, dass ein Luchs das Tier erbeutete.

Dieser dürfte nach Angaben der Tiroler Landesregierung aus der Luchspopulation in der Nordostschweiz stammen, genau wie andere Luchse, die bisher in Tirol gesichtet wurden. Das bedeutet, dass das Tier von Westen über Vorarlberg bzw. über das Kanton Graubünden, das an den Bezirk Landeck grenzt, nach Tirol gewandert ist.

Wanderungen von über 200 Kilometer

„Von dort aus wird der Luchs sicher nach und nach ins Allgäu kommen, wahrscheinlich zunächst ins Oberallgäu, aber auch das Ostallgäu ist in Reichweite, vor allem junger männlicher Luchse“, meint Isabel Koch, 1. Vorsitzende der BJV Kreisgruppe Füssen. Wenn sich die sogenannten Kuder im Frühjahr von der Mutter trennen, können sie in Einzelfällen bis zu 200 Kilometer und mehr wandern. Weibliche Jungtiere siedeln sich dagegen meist im näheren Umfeld an.

Hohe Ansprüche an Lebensraum

„Luchse gehören zu den Tierarten, die sehr hohe Ansprüche an ihren Lebensraum stellen“, weiß Thomas Hennemann, Gebietsbetreuer am Ostallgäuer Alpenrand. Neben einem sicheren Areal braucht die Raubkatze auch ausreichend Nahrung, um in einer Region sesshaft zu werden. Da diese etwa so groß und schwer wie ein Labrador-Retriever ist, sind ihr bei ihrer Beute Grenzen gesetzt. Dazu zählen neben Rehe auch Hasen, Vögel, Insekten, junges Rotwild und Gämse.

„In zahlreichen Untersuchungen zum Luchs hat sich herausgestellt, dass ein Luchspaar in etwa 200 Quadratkilometer zu einer dauerhaften Ansiedlung benötigt“, so Hennemann. „Bevorzugt werden dabei großräumige, zusammenhängende Waldgebiete, die nicht isoliert in einer ansonsten waldarmen Landschaft liegen, um einen Austausch der Luchse untereinander zu ermöglichen.“

Und im Ostallgäu gibt es eine Region, wo das möglich wäre. „Insbesondere das Ammergebirge als eines der größten zusammenhängenden Bergmischwaldregionen Bayerns stellt einen potentiell geeigneten Lebensraum für Luchse dar. Auch andere, daran angrenzende Gebiete im Allgäu wären für eine Besiedlung durch den Luchs durchaus geeignet.“

Niedrige Reproduktionsrate

Verglichen mit anderen Wildtieren braucht die Raubkatze allerdings lange bis sie einen neuen Lebensraum erobert. Neben einer niedrigen Reproduktionsrate ist auch die Wanderleidenschaft beim Luchs nur wenig ausgeprägt. „Doch mittelfristig kann ich mir gut vorstellen, dass sich Luchse im Ammergebirge etablieren werden“, meint Hennemann.

Skeptischer ist da Koch: „Ob und wann es im Allgäu zu Luchsreproduktion kommen kann, ist schwer abzuschätzen. Es kann aber durchaus sein, dass sich ein männlicher Luchs nach Abflachen des Wandertriebs dauerhaft ansiedelt.“ Daraus müsse sich aber nicht zwingend eine ganze Population entwickeln. Ob die Raubkatzen dafür alle nötigen Bedingungen in der Region vorfinden, hält Koch allein wegen des hohen Besucherdrucks für mehr als fraglich.

Wenig Vorurteile

Sollte jedoch trotzdem eine Luchspopulation entstehen, dann dürften die Tiere auf weniger Vorbehalte in der Bevölkerung stoßen als beispielsweise der Wolf. „Beim Luchs müssen wir ziemlich wenig Bildungsarbeit leisten, weil es wenig Vorurteile gibt“, so Friedel. „Der Luchs ist für Menschen absolut harmlos.“ Weder sucht er die Nähe des Menschen noch profitiert er von dessen Aktivitäten, ergänzt Hennemann. „Konflikte mit landwirtschaftlicher Tierhaltung stellen eine absolute Ausnahme dar.“

Allerdings gibt es eine Gruppe, mit der er in Konflikt geraten könnte: Den Jägern. Denn Luchse sind absolute Rehwildspezialisten. Ihre Taktik ist der Überraschungsangriff aus dem Hinterhalt. Aus kurzer Entfernung springen sie ihre Beute an und töten sie mit einem Kehlbiss. Entsprechend vorsichtig verhalten sich Rehe, wenn eine Raubkatze in ihrer Region auftaucht. Sie sind deshalb auch für Jäger schwerer aufzuspüren.

Keine negativen Erfahrungen

Die BJV Kreisgruppe Füssen steht dem Luchs aber völlig unvoreingenommen gegenüber, wie Koch erklärt. Schließlich hatte sie bisher keinen direkten und schon gar keinen negativen Kontakt zu diesem Beutegreifer. „Sollte sich eine Luchspopulation etablieren, ist dieses faszinierende Wildtier natürlich bei uns Bergjägern herzlich willkommen.“

Sollte sich ihre Anwesenheit nachweisbar auf die Populationsdichte des Wildes und dessen Bejagbarkeit auswirken, wird die Kreisgruppe der Unteren Jagdbehörde vorschlagen, das im Abschussplan fürs Rehwild zu berücksichtigen. Denn dann müsse die Höhe des Abschussplanes zugunsten der Verfügbarkeit der Beute für den Luchs nach unten angepasst werden – ähnlich wie das in Luchsgebieten im Bayerischen Wald gängige Praxis sei.

Der normale Wanderer wird von all dem aber vermutlich nichts mitbekommen. „Luchse sind vorwiegend nacht- und dämmerungsaktiv“, informiert Hennemann. Den Tag verbringen die Raubkatzen gerne ruhend auf Bäumen in Astgabeln. „Daher ist die Chance, einen Luchs in freier Wildbahn beobachten zu können, sehr gering.“ Das weiß der Gebietsbetreuer auch aus eigener Erfahrung. „In über 30 Jahren beruflicher Tätigkeit in Bergwäldern war es mir noch nie vergönnt, einen Luchs zu erblicken.“

Katharina Knoll

Der Luchs

Der Eurasische Luchs ist die größte Katzenart und nach Bär und Wolf der drittgrößte Beutegreifer Europas. Auf die Jagd geht der Einzelgänger vor allem in der Dämmerung und nachts. Seine Augen sind sechsmal lichtempfindlicher als die eines Menschen.

Verbreitung: Früher flächendeckend in allen Waldgebieten Europas; Anfang des 20. Jahrhunderts in West- und Südeuropa weitgehend ausgerottet. In Bayern gibt es heute schätzungsweise zehn bis zwanzig Tiere im Bayerischen Wald, im Oberpfälzer Wald und im Fichtelgebirge.

Lebensraum: Große, waldreiche Gebiete mit ausreichend Rückzugsmöglichkeiten

Körperbau und Merkmale: Geflecktes Fell, Pinselohren, rundlicher Kopf, ausgeprägter Backenbart, Stummelschwanz.

Größe: Etwa wie ein Schäferhund; Schulterhöhe liegt bei 50 bis 70 Zentimetern.

Gewicht: Um die 20 Kilo

Nahrung: Vorwiegend Rehe. Jährlich etwa 50 bis 60 Stück pro erwachsenem Tier

Fortpflanzung: Geburt von Mai bis Juni; pro Wurf bekommt eine Luchsin ein bis vier Junge

Reviergröße: Kuder 200 bis 400 Quadratkilometer. Kätzin 50 bis 150 Quadratkilometer

Lebenserwartung: Etwa fünf bis zehn Jahre; in Gefangenschaft werden Luchse über 15 Jahre.

Gefährdungsstatus: Rote Liste Deutschland: stark gefährdet; Rote Liste Bayern: vom Aussterben bedroht.

Schutzstatus: Europa: streng geschützte Art

BUND Naturschutz

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