»Wir stehen in den Startlöchern«

Künstler fordern differenzierte Öffnungskonzepte

Die Podium-Teilnehmer: Daniel Pflügl (oben v. l.), Adi Hoesle, Dr. Axel Lapp und Horst Wendland (Mitte v. l.), Dr. Katrin Mädler, Jürgen Brennich sowie Anja Odendahl (unten v. l.) und Johanna Langer
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Die Podium-Teilnehmer: Daniel Pflügl (oben v. l.), Adi Hoesle, Dr. Axel Lapp und Horst Wendland (Mitte v. l.), Dr. Katrin Mädler, Jürgen Brennich sowie Anja Odendahl (unten v. l.) und Johanna Langer.

Landkreis/Allgäu – Theater, Konzertsäle und Ausstellungsräume sind nun rund ein Jahr fast dauerhaft geschlossen. Vertreter von Kunst- und Kulturinstitutionen beklagen bei einem Online-Podium der Grünen Ostallgäu-Kaufbeuren fehlende Perspektiven und fordern differenzierte Öffnungsstrategien. Grünen-Bundestagskandidaten Daniel Pflügl moderierte die Podiumsdiskussion. Die Debatte kreiste dabei um das Thema, welchen Stellenwert die Gesellschaft der Kunst und der Kultur beimisst.

„Nach einem Jahr Corona-Pandemie stelle sich ein Vergeblichkeitsgefühl ein“, berichtete Dr. Kathrin Mädler. Als Intendantin des Landestheaters Schwaben in Memmingen haben sie und ihr Team unentwegt weitergearbeitet, geprobt, Produktionen fertig gestellt und auf Öffnungen hingearbeitet. Die künstlerische Arbeit werde allerdings oft vom Krisenmanagement verdrängt, dabei könne die Kunst wertvolle Beiträge zur Krisen- und Traumabewältigung leisten.

Auch für die Musikerin Johanna Langer und den Chorleiter Jürgen Brennich stellt die Absage von Auftrittsmöglichkeiten eine große Herausforderung dar. Sie erzählen von den Schwierigkeiten, ein musikalisches Niveau zu halten, wenn Proben nur unter erschwerten Bedingungen möglich sind und die Perspektive fehlt, auf Auftritte hinzuarbeiten. Gerade für Berufsmusiker ist die Pandemie auch ein finanzielles Desaster.

Johanna Langer ist in ihrer Veranstaltungsagentur Moonlight vor allem mit Absagen beschäftigt. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Veranstaltungen seien derzeit nicht kalkulierbar. Mit klaren Regeln und aufwendigen Auflagen könne man umgehen und sichere Veranstaltungen organisieren, aber das Hin und Her der Regelungen zerstöre jegliche Planungssicherheit.

Viele Betroffene satteln um

Für Solo-Selbstständige, die finanziell auf Auftritte angewiesen sind, ist die Situation ohne verlässliche Perspektive in vielen Fällen nicht mehr tragbar, berichtete Brennich. Staatliche Leistungen seien viel zu spät gekommen und teilweise gar nicht, viele Betroffene hätten bereits umgesattelt.

In der freien Kunst- und Kulturszene werde es einen Verlust an Vielfalt durch die Pandemie geben, befürchtete Dr. Kathrin Mädler, aber auch öffentlich geförderte Institutionen seien darauf angewiesen, dass der hohe gesellschaftliche Wert von Kunst und Kultur auch bei pandemiebedingt klammen Haushalten in den kommenden Jahren noch gewürdigt wird.

Im Vergleich zur darstellenden Kunst habe die bildende Kunst immer schon stärker in Rückzugsräumen wie dem Atelier stattgefunden und sei nicht so direkt auf Publikumspräsenz angewiesen, erklärte der freie Künstler Adi Hoesle. Für seine Arbeit habe der Lockdown keine direkte negativen Auswirkungen gehabt: „Ich habe das zunächst sogar als sehr entspannend empfunden. Ich war unheimlich produktiv und kreativ mit Dingen, an denen ich immer schon arbeiten wollte, für die ich sonst aber keine Zeit hatte“. Ein Nebenprojekt mit täglichem Versand von Fotos stieß auf große Resonanz und entwickelte sich zu einem ganzen Buch.

Nicht beeinträchtigt hat die Corona-Pandemie auch Horst Wendlands Arbeit an seinen Skulpturen. In seiner Rolle als Karikaturist hingegen sei Covid-19 Dauerthema, die Nachfrage nach Corona-Karikaturen sehr hoch: „Da habe ich bei den Skulpturen keine Lust, das Thema auch noch zu verarbeiten. Wer würde sich auch eine Covid-Skulptur ins Wohnzimmer stellen?“

Ausstellungen werden verlängert

Das weitere Ausbleiben neuer Ausstellungen könnte allerdings auch für Wendland zum Problem werden. In der MEWO Kunsthalle Memmingen seien bislang die Ausstellungen so lange verlängert worden, dass sie trotz der zwischenzeitlichen Schließungen besucht werden konnten, sagte deren Leiter Dr. Axel Lapp. Durch Beschränkungen auf Einzelpersonen und Terminvergaben erreiche man aber nur ein bereits vertrautes Stammpublikum.

Alle Beschäftigten der Kulturbranche eint derzeit wohl die Hoffnung, mit Hygienekonzepten und Modellprojekten wie in Tübingen bald wieder Veranstaltungen über die Bühne bringen zu können. Mehrfach wurde auf dem Podium auf Studien verwiesen, die für Kulturveranstaltungen nur ein geringes Infektionsrisiko festgestellt haben – und dass entsprechende Konzepte längst erarbeitet seien und umgesetzt werden könnten. Johanna Langer fasste zusammen: „Wir stehen alle in den Startlöchern und wollen zurück auf die Bühne!“

Mehr als nur schmückendes Beiwerk

Mädler verwies auch auf den Verfassungsrang von Kunst und Kultur, demzufolge Kulturinstitutionen ebenso wie Kirchen von pauschalen Schließungen ausgenommen sein sollten. Sie forderte differenzierte Öffnungskonzepte und dass die Kunst in der Systemrelevanz-Debatte weiterhin wieder verstärkt im Fokus bleiben solle.

Die Verhältnismäßigkeit der Schließungen müsse geprüft werden, erklärte Brennich im Hinblick auf Initiativen wie „Aufstehen für die Kunst“, die auch juristisch gegen Schließungen vorgehen: „Es bleibt fast kein anderer Weg mehr, als diesen Weg zu beschreiten“. Allerdings solle die erste Priorität auf den Schulen liegen. Bislang gebe es für die geplanten Testkonzepte nicht ausreichend Tests.

Zur Vorsicht mahnte Dr. Axel Lapp. Bei einer sich derzeit anbahnenden Katastrophe sei es wichtig, dass nicht nur die Kunsthalle, sondern auch andere Bereiche geschlossen werden.

„Wir müssen uns gemeinsam dagegen sträuben, dass Kunst als schmückendes Beiwerk gilt, das einfach abgesagt werden kann!“, forderte Brennich abschließend.

kb

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