„Wie aus einem Katastrophenfilm“

Landrätin Zinnecker blickt im Kreistag auf ein Jahr Corona zurück

Oberfeldwebel J. (v.l.), der Gruppenführer vor Ort mit Oberstleutnant Michael Bertram, Ostallgäus Landrätin Maria Rita Zinnecker (CSU) sowie Oberstleutnant Edmund Weiß, Leiter des Kreisverbindungskommandos Ostallgäu und Michaela Hoffmann, Leiterin des Gesundheitsamtes Ostallgäu.
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Die Bundeswehr sprang mit 23 Soldaten ein, um das Team im Landratsamt zu unterstützen. Oberfeldwebel J. (v.l.), der Gruppenführer vor Ort mit Oberstleutnant Michael Bertram, Ostallgäus Landrätin Maria Rita Zinnecker (CSU) sowie Oberstleutnant Edmund Weiß, Leiter des Kreisverbindungskommandos Ostallgäu und Michaela Hoffmann, Leiterin des Gesundheitsamtes Ostallgäu.
  • vonSelma Höfer
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Landkreis/Marktoberdorf – Da die Sitzung des Kreistags aufgrund der Infektionsschutzmaßnahmen erst jetzt stattfinden konnte, kam das Gremium nun nahezu zeitgleich mit dem wenig schönen Jubiläum zusammen: Ein Jahr Corona-Pandemie im Landkreis Ostallgäu und der Stadt Kaufbeuren. „Wenn uns damals jemand gesagt hätte, was auf uns zukommt, hätte jeder gedacht: ‚Das klingt eher wie eine Szene aus einem Katastrophenfilm‘“, begann Landrätin Maria Rita Zinnecker (CSU) ihren Bericht darüber, was sich im Landkreis und in Kaufbeuren seitdem getan hat, wie auf die Krise reagiert wurde und welche Institutionen ins Leben gerufen werden mussten.

„Informationen zur Corona-Lage“ stand auf dem Programm. „Wir haben es heute einmal aufgrund der Bedeutung, zum anderen auch, weil wir Sie regelmäßig informieren wollen, wieder auf der Tagesordnung.“ Und es gab noch einen besonderen Grund: Am 29. Februar vor einem Jahr wurde der erste Covid-19-Fall im Ostallgäu diagnostiziert (der Kreisbote berichtete). In Kaufbeuren – für die kreisfreie Stadt ist das Gesundheitsamt in Marktoberdorf im Landratsamt ebenfalls zuständig – gab es nur kurz darauf den ersten gemeldeten Corona-Fall. Das war am 11. März 2020. Seitdem das Coronavirus im Ostallgäu ankam, berichtete die Landrätin, beschäftigt uns das Virus in allen Bereichen: „Im Landratsamt, der Gesellschaft und weltweit“. Um die Flut an zusätzlichen Aufgaben und Herausforderungen bewältigen zu können, sei die Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) ins Leben gerufen worden. Dazu gehöre unter anderem die Koordination der Krankenhausbelegungen, das Betten- und Behandlungskapazitätenmanagement und Kontakt zum Schulamt. Parallel dazu arbeite das Gesundheitsamt mit aktuell 110 Mitarbeitern. Zinnecker erläuterte, dass diese Zahl sich aus mehreren Instanzen zusammen setze. „21 Personen waren bereits im Gesundheitsamt beschäftigt, 32 wurden neu eingestellt und 13 Kollegen aus dem Landratsamt sprangen ein.“ Ebenso wie 23 Soldaten der Bundeswehr, sieben Polizisten und acht Personen anderer Behörden wie auch vier Ärzte aus den Kliniken Ostallgäu-Kaufbeuren und zwei aus der Stadt Kaufbeuren.

Hotspots waren die Seniorenheime

Die Seniorenheime seien die Hotspots gewesen, die den Landkreis im vergangenen Jahr beginnend mit dem Haus in Waal auf Trab hielten. Dort erkrankten im März/April 59 Bewohner (BW) und 24 Mitarbeiter (MA). 18 Menschen verloren an dem Virus ihr Leben. Gefolgt vom Senioren- und Pflegeheim Hospitalstiftung Kaufbeuren im September/Oktober, wo sich 44 BW und 16 MA infizierten; acht dieser Menschen starben. Im November/Dezember wurde das Espachstift in Kaufbeu­ren von der Pandemie heimgesucht. Hier starben 19 der Infizierten an dem Virus. 95 BW uns 47 MA wurden positiv darauf getestet. Im selben Zeitraum traf es auch das Gulielminetti Seniorenwohn- und Pflegeheim in Marktoberdorf. 42 BW erkrankten, zwölf starben und auch 30 MA waren an Covid-19 erkrankt. Schließlich, jetzt im Januar/Februar wurde das Senioren- und Pflegeheim St. Martin in Füssen zum Hotspot. Auch hier starben zwölf Menschen an dem Virus, 32 BW und 23 MA wurden positiv darauf getestet.

Ich kann jeden verstehen, der wieder ein normales Leben führen möchte.

Landrätin Maria Rita Zinnecker

„Insgesamt ist das Infektionsgeschehen diffus“, sagte die Landrätin. Wenn dabei jedoch die Werte des Robert Koch Instituts als Maßstab herangezogen werden, gab es am 15. Dezember im Landkreis den höchsten Inzidenz-Wert mit 242 und den niedrigsten Wert erst kürzlich mit 22. Kaufbeuren hatte am 23. November den höchsten Wert. Die Stadt war jedoch am Sitzungstag bei rund sechs. Was jedoch noch kein Grund sei um zu jubeln, mahnte Zinnecker. Denn im Landkreis stieg die Inzidenz wieder auf 43 und auch jene in Kaufbeuren sei nicht auf gleichbleibend niedrigem Niveau. „Die Sorgen, dass die Werte auch wieder steigen, ist begründet.“ Mitunter, da die Mutationen mittlerweile das Ostallgäu erreichten. 48 Fälle gab es bis zum Sitzungstag im Landkreis, 20 in Kaufbeuren. Im Zuständigkeitsbereich des hiesigen Gesundheitsamtes seien bislang 150 Menschen an Corona gestorben (Stand 26. Februar). Am Tag der Sitzung waren 130 Personen als erkrankt gemeldet und rund 3000 Personen befanden sich in Quarantäne. Insgesamt zählte der Landkreis bis dato 3816 Fälle, die Stadt Kaufbeuren 1528 mit dem Virus infizierte Personen, sagte Zinnecker.

Der Landkreis habe am 19. August 2020 den Auftrag erhalten, Testzentren einzurichten. Bis Ende August sollten diese aus dem Nichts entstanden sein. „Da wir den gleichen Betreiber haben, haben sich der Landkreis und die Stadt Kaufbeuren die Region aufgeteilt“, konnte die Landrätin von erfolgreicher Erfüllung der Anordnung berichten. Hinzu, fuhr die Landrätin fort, sei am 28. Januar in Füssen eine Außenstelle in Betrieb genommen worden, auch als „Drive-Through für die Grenzgänger“. Vorrangig, da seit einigen Wochen die Grenzgänger einen aktuellen Test vorlegen müssen. Mittlerweile habe sie an zwei Tagen pro Woche geöffnet. Denn auch alle anderen, die sich testen lassen möchten, dürfen dieses Angebot nutzen. Insgesamt seien bislang 10.715 Testungen in Marktoberdorf, 581 in Füssen und in Kaufbeuren 12.313 Testungen in den Testzentren erfolgt (Stand 26. Februar).

Nächste Herausforderung: Impfzentren. Dort und über mobile Impfteams wurden bislang 11.845 Dosen Biontech/Pfizer, 203 des Herstellers Moderna und 914 mal der Stoff von AstraZeneca verimpft. Wer nicht die Möglichkeit hat, zu den Impfzentren zu gelangen, wird von Mobilen Impfteams zu Hause geimpft.

»Das letzte Überraschungspaket«

All das einhergehend mit dem längsten Katastrophenfall der Bayerischen Geschichte und auf der Basis ständig wechselnder Rechtsgrundlagen. „Die Mitarbeiter leisteten Beratungen und Auskünfte meist ohne jeden Informationsvorsprung“, so Zinnecker. „Das letzte Überraschungspaket waren die Grenzschließungen.“ Um darauf zu reagieren und die Bescheinigungen über Systemrelevanz auszustellen, habe der Landkreis in weniger als zwei Tagen die nötigen Schritte auf den Weg gebracht, mit einem gänzlich neuartigen Verwaltungsverfahren, wie die Landrätin betonte. „Dafür wurden die Nächte durchgearbeitet!“ Wie es nun weiter geht, das sei die Frage. „Ich kann jeden verstehen, der nach so langer Zeit wieder auf ein normales Leben führen möchte“, doch auf der anderen Seite bedeuten die Lockerungen auch ein Risiko.

Dennoch, so das Fazit von Dr. Alois Kling (CSU), „wir bleiben positiv“. Nicht im Sinne einer Covid-19-Infektion, aber: „Zuversicht ist wichtig. Was im Landkreis getan werden konnte, wurde auf den Weg gebracht. Das war ein großartiger Einsatz aller Beteiligten“, schloss der Kreisrat.

Selma Höfer

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