Bohemian Rhapsody auf Bayerisch

„Out of Rimmerding“ entführt die Gäste des Eiskellers musikalisch in das bayerische Dorfleben

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Im Eiskeller in Pfronten hat nicht nur das Publikum viel Spaß beim Auftritt des Trios „Out of Rimmerding”, bestehend aus Martin Seiler (links), Michael Lutz und Katharina Weber.

Pfronten – Der Eiskeller in Pfronten, das ist tatsächlich ein Keller. Heuer ist der alte Bau zur gemeindeeigenen Kulturbühne avanciert, hat jedoch nichts von seinem urigen Charme eingebüßt. Am vergangenen Sonntag war das Trio „Out of Rimmerding“ zu Gast.

Und mit dieser Bühnenshow entsprach die gebotene Kunst erneut den hohen Ansprüchen von Projektleiterin und Organisatorin Ulrike Rottenburger, die bei der Programmgestaltung und Wahl der Künstler unter anderem auf Überraschendes setzt.

80 Personen finden auf den Holzbänken im Eiskeller Platz. Ja, das ist tatsächlich ein Keller. Und er wurde einst auch wirklich zu dem Zweck erbaut, Eis zu lagern und Verderbliches zu kühlen. Das Platzkontingent war gänzlich ausgeschöpft. „Es läuft gut“, war das bescheidene Fazit von Rottenburger. Denn, so berichtete sie, 2019 gab es keine Vorstellung die nicht ausverkauft war. Es habe sich ein Stammpublikum aus Pfronten gebildet, dass sich auf ihre Auswahl gänzlich verlassen würde. Tatsächlich begrüßten sich viele, die schon saßen und noch kamen über die Bänke hinweg oder führten private Gespräche über dieses und jenes. Jedoch kämen Gäste auch aus Kempten oder Reutte angefahren, um die auch weit über die Region bekannten Künstler zu sehen, so Rottenburger. Bürgermeisterin Michaela Waldmann stand von Beginn an hinter der Kulturbühne und der Arbeit der Projektleiterin. Sie war ebenfalls zum Auftritt von „Out of Rimmerding“ erschienen und begrüßte die Künstler und die Gäste persönlich.

Michael Lutz und Katharina Weber.

Das Trio, bestehend aus Katharina (Kathi) Weber, Michael (Michi) Lutz und Martin (einfach nur Martin) Seiler, versprach mit der Ankündigung ihrer Show nicht zu viel. Es war Kleinkunst, Realsatire, Dreigesang und mehr. Sie waren zum ersten Mal im Ostallgäu auf einer Bühne. „Die vom Eiskeller haben einfach gesagt ‚Ja, das machen wir‘“, sagte Michi. „Zwölf auf acht Meter brauchen wir“, sagte Kathi in tiefem Oberbayerisch. Die Bühne des Eiskellers ist nicht sehr groß, doch damit kommen die geladenen Künstler laut Rottenburger immer irgendwie zurecht. So auch die Rimmerdinger. Kathi hofft, dass das Publikum sie verstehen kann. Jedenfalls würden ihre Allgäuer Freunde immer so tun als ob. Trompete und Flügelhorn, Akkordeon, Gitarre, Ukulele Schlagzeug und ein Hackbrett, Martins Melodika, dazu Kathis sogenannte Auto-Harp (eine elektrische Harfe) und von irgendwo holte Michi ein Xylophon her – wenn etwas deutlich war, dann dass man es hier mit Profis zu tun hatte. Mit einer Selbstverständlichkeit spielen die Rimmerdinger mehrere Instrumente, auch zwei gleichzeitig und singen dazu noch dreistimmig. Und all das sehr gut, charmant und eine Form von Moderation nebenbei führend, die den Gästen im Eiskeller tatsächlich das Gefühl eines „Kulturwohnzimmers“ gab. Denn das solle die Kulturbühne idealerweise sein, so Rottenburger.

Frech-provokant und fesselnd-melancholisch

Auf das frech-provokante Lied über die Rimmerdinger Resi, die gleich drei Männer fürs Bett hat, folgte ein Song über die Sommerhitze. Verarbeitet wird in den Texten unter anderem katholisch geprägter Glaube und so manches Brauchtum wie die schwarze Wetterkerze, die „vor der heiligen Maria“ angezündet wird, um zu beten. Dann ist da der „alte Franz“. Das melancholische Lied über den einsamen alten Mann, der in einer „Beiz“ sitzt, während das Leben um ihn herum und draußen passiert war ebenso fesselnd und berührend wie jenes über „Sie“, eine alte Frau, die an Alzheimer erkrankt sich an nicht anderes mehr erinnern kann als eine Melodie.

Martin Seiler (links) mit Michael Lutz.

Der absolute Höhepunkt des Abends, da bekam das Publikum im Eiskeller absolut nie Gesehenes und Gehörtes präsentiert, war die Bohemian Rhapdsody-Version des Trios. Mit der Melodie von Freddy Mercuries Nummer-Eins-Hit haben „Out of Rimmerding“ das Epos des berühmt-berüchtigten Räuber Kneißl (Ein bayerischer Räuber, der eine gewisse Berühmtheit erlangte und 1902 hingerichtet wurde) vertont. Eigentlich müsste dazu gesagt werden, sie haben den Hit mit neuem Text kopiert. Denn was die Drei mit den vielen verschiedenen Instrumenten Hilfsmitteln auf der Bühne aus diesem Song zauberten, kann kaum beschrieben werden. Das Intro war unverwechselbar, die Ballade mitreißend und das Gitarrensolo großartig gespielt. Genau wie im Original folgte der Opern-Parodie Teil und das Outro, welches in Begeisterungsrufen und besonders lautem Applaus in seinen letzten Tönen fast unterging.

"Teufelsmaschine" kommt zum Einsatz

Die Stücke sind zum Teil aus eigener Feder, vor allem von Kathi, wechseln sich jedoch mit Coverversionen mit neuen urbayerischem Text. Stille herrschte, als die Drei das von Kathi geschriebene Liebeslied anstimmten. Gefolgt von einem „riesen Hit“ den Kathi übersetzte, pries Martin das Werk an. Das Cover von Meghan Trainors Song „All about that bass“ sei sogar von der Band „chaingang“ geklaut worden.

Zum ersten Mal kam dafür die „Teufelsmaschine“ zum Einsatz. Damit war die sogenannte Loop-Station gemeint, mit der wird vorneweg der mehrstimmige Gesang für einen Chor aufgenommen und begleitend zum Spiel wiederholend abgespielt. „Geh‘ schau doch net so beys“ hat definitiv Hitcharakter. Das Motto des Originals wurde übernommen. „Die grantige Dürre“ solle sich „schleichen mit ihrer fettreduzierten Nudelsuppen“. Aus Namikas Hit „Lieblingsmensch“ wurde eine Ode an den  „Leberkaas“.

Musikalisch entführen die Rimmerdinger das Publikum von Jazz über Pop, lassen Volksmusik einfließen und singen elegische Balladen. Ein Programm das verblüfft, aber auch verzaubert. Standing Ovations gab es deshalb nach einer geforderten Zugabe für die drei Kleinkünstler und Musiker.

Selma Höfer

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