Ein Schreiner sorgt für Rodelglück

Der Pfrontener Christian Osterried baut in seiner Freizeit handgefertigte Rennrodel

Die Pfrontener Rodelbauer Rita und Christian Osterried
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Die Pfrontener Rodelbauer Rita und Christian Osterried mit den Rennrodel-Modellen Schönkahler (rechts) und Breitenberg (links).

Pfronten – Wenn man nach einer anstrengenden Winterwanderung den Rückweg auf einem Rodel hinuntersausen kann, sind laute „Hui“ und Lachen unüberhörbar. Vor allem dann, wenn beste Verhältnisse herrschen und die Piste nicht nur frisch gewalzt, sondern auch leicht angefroren ist, weiß Rodelbauer Christian Osterried aus Pfronten. Zusammen mit seiner Ehefrau Rita baut der Schreinermeister seit 15 Jahren in seiner freien Zeit Schlitten. „Einige hundert Schlitten waren das bestimmt schon“, schätzt er. 

Doch Schlitten ist nicht gleich Schlitten. Osterrieds handgefertigte Rennrodel sind allesamt Unikate. Von der Bauweise sind sie für schnelles, wendiges Fahren ausgelegt. Und mit fahrerischem Können gelingt auch die Kurvenfahrt. Doch dafür ist ein bisschen Übung nötig: Denn erst durch gezieltes Drücken auf die Kufen, durch Ziehen an den Zügeln und einer entsprechenden Gewichtsverlagerung schafft es der Pilot um die Kurve. Herrschen optimale Bedingungen, kann dieser mit bis zu 50 km/h den Berg hinuntersausen. „Wer einmal mit so einem Schlitten gefahren ist, will mit keinem anderen mehr fahren“, sagt Osterried.

Größtenteils Holz aus den heimischen Wäldern

Angefangen hatte alles, als der Schreinermeister für sich selbst einen Schlitten bauen wollte. Für die spezielle Kufenform seines zukünftigen Rennrodels fertigte er sich Schablonen aus Holz. Schicht um Schicht verleimte er darin sorgfältig dünne Leisten aus robustem Eschenholz. Bis auf eine Ausnahme stammt das Holz für den Schlittenbau aus heimischen Wäldern. „Damit es optisch noch was hermacht, haben wir in der Mitte zwei Mahagonistreifen verleimt“, erklärt Osterried.

Einen halben Tag lang bleiben die Kufen in der Schablonenform eingespannt, danach hobelt der Schreiner sie und bringt sie an der Tischfräse in Form. Denn beim Rennrodel kommt es auf die Stellung und Neigung der Kufen an. „Unsere Rodel haben 24 Grad, ein normaler Schlitten hat vielleicht zehn Grad und steht gegenüber unserem ziemlich gerade.“

Auch die oberen Holme, die zum Lenken des Rodels dienen, werden formverleimt und anschließend bearbeitet. Dann bohrt Osterried die Löcher für die Böcke und schraubt den Rodel zusammen. Zum Schluss wird die Sitzbespannung mithilfe von Ösen an den oberen Holmen fixiert. Für ihren ersten Schlitten haben die Osterrieds einen Polsterer beauftragt, heute näht Ehefrau Rita die Sitzbespannungen aus Nylongurten und aus Planenmaterial selbst.

Drei Modelle

Inzwischen bauen die Osterrieds etliche Schlitten im Jahr. „Je nach Winter und Schneelage, mal mehr, mal weniger“, erklärt Rita Osterried. Dabei können die Kunden zwischen drei Modellen wählen, die sie sich in Sitzbespannung und Lackierung unterscheiden. Und natürlich gibt es die Einsitzermodelle auch als Zweisitzvariante. Je nach Ausführung kostet ein solches Unikat zwischen 198 und 239 Euro.

Gegen einen Aufpreis kann die Sitzbespannung mit eigenem Aufdruck oder Logo entsprechend individualisiert werden. „Da haben wir schon ganz tolle Sachen machen lassen“, schwärmt Rita Osterried und erinnert sich an einen gelblackierten Schlitten mit dem Aufdruck des Füssener Wappens. Ein solch besonderes Modell biete zudem einen gewissen Diebstahlschutz, schließlich könnte es doch den einen oder anderen doch am Rodelklau hindern. Die Osterrieds haben deswegen bei ihren Rodeltouren immer ein Fahrradschloss mit im Gepäck. „Damit hängen wir den Schlitten an einen Zaun. Denn es ist ziemlich ärgerlich, wenn man zu Fuß runtergehen muss.“

Denn sofern es die Auftragslage im Schlittenbau zulässt, nutzen die Osterrieds ihre Freizeit im Winter auch manchmal zum Rodeln. Als „tollste“ Rodelbahn im Allgäu kürt der Ostallgäuer die sechs Kilometer lange Naturrodelbahn vom Breitenberg. Doch gerade bei der Abfahrt sollte man mit Bedacht fahren und sein Gefährt unter Kontrolle haben.

Testfahrt auf gerader Strecke

Explizit bauen die Osterrieds die Rennrodel nicht für Kinder unter 12 Jahren. Denn es sei wichtig, nicht nur vernünftig zu fahren, sondern auch über eine gewisse Statur und Körperspannung zu verfügen. Aber auch Erwachsenen raten sie den Rennrodel erstmal auf einer geraden Strecke zu testen. „Die Gesundheit geht vor“, erklärt Rita Osterried. Außerdem könne ein Holzschlitten auch kaputtgehen, wenn man mit hoher Geschwindigkeit irgendwo dagegen donnert oder durch ein Schlagloch brettert.

Doch mit Fahrgeschick und einer guten Technik steht einer tollen Rodelabfahrt nichts im Weg. Nach dem Rodeln, rät Rita Osterried, den Schlitten zu trocknen und hochkant aufzustellen. „Am besten in einem Raum, der keinen Temperaturschwankungen unterliegt, denn so bleibt der Holzschlitten in Form und verzieht sich nicht.“ Damit er immer gut läuft, behandelt Osterried die Edelstahlkanten hin und wieder mit normalem Skiwachs.

Wer an einem Rennrodel interessiert ist oder Lust hat ihn mal selbst auszuprobieren, kann verschiedene Modelle gegen Gebühr ausleihen. Entscheidet man sich hinterher für den Kauf eines Rennrodels, wird die bezahlte Gebühr mit dem Kaufpreis verrechnet. Coronabedingt ist das Ausleihen derzeit aber nicht möglich und auch bei Schlitten-Bestellungen sollte man sich auf eine längere Wartezeit einrichten.

 Schöne Rodelstrecken in der Region

Aufgrund der aktuellen Corona-Lage sind die Pisten in der Region nicht präpariert und auch die Alp-Hütten haben geschlossen. Wer dennoch ein bisschen Rodelvergnügen haben möchte, sollte also unbedingt seine Brotzeit selbst einpacken und vor dem Losgehen einen Blick auf den aktuellen Lawinen- und Rodelbericht werfen.

Rodelspaß für die ganze Familie:

• 3,4 Kilometer lange Rodelstrecke von der Stubentalalpe in Jungholz; Schwierigkeit: einfach; Wanderung zur Alpe in ca. 40 Minuten, gut geeignet mit kleineren Kindern.

• Naturrodelbahn von der Buchelalpe nach Unterjoch, Wanderung von Unterjoch zur Alpe ca. 1 Stunde; Familientauglich; Schwierigkeit: leicht bis mittel.

• 2,5 Kilometer lange Rodelstrecke von der Oberen Socher-Alp: In einer Stunde Fußmarsch erreicht man von der Ortsmitte in Balderschwang Alp; Schwierigkeit: mittel.

• 2,5 Kilometer lange Rodelstrecke von der Alpe Rappengschwend in Gunzesried, ca. 1-stündige Wanderung von der Gunzesrieder Säge; Schwierigkeit: mittel.

• Rodelstrecke vom Sonthofer Hof, Aufstieg von Hofen (3 Kilometer) oder Altstätten (4 Kilometer) in ca. 1 bzw. 1,5 Stunden möglich; Schwierigkeit: leicht-mittel

Rodelspaß für geübte Fahrer:

• Rodeln von der Drehhütte/Rohrkopfhütte am Tegelberg: Vom Parkplatz am Adlerhorst (Outward Bound) benötigt man 1,5-2 Stunden für die Wanderung zur Drehhütte/Rohrkopfhütte, Schwierigkeit: mittel.

• Rodeln vom Breitenberg: Hochfahrt mit der Breitenbergbahn in Pfronten-Steinach oder ca. 2- stündige Winterwanderung hoch zur Ostlerhütte. 6,5 Kilometer lange Naturrodelbahn; Schwierigkeit: mittel.

• Naturrodelbahn vom Edelsberg startet an der Hündleskopfhütte (2 Kilometer) und kann bis zur Kappeler Alp (5 Kilometer) verlängert werden. Schwierigkeit: mittel.

Tamara Lehmann

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