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Politik und Fachleute diskutieren über angespannten Wohnungsmarkt in Reutte

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Gemeinde Reutte
Reutte ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Dadurch stiegen nicht nur die Immobilienpreise, auch Kindergarten- und Krippenplätze werden knapp. © Bildagentur PantherMedia/DaLiu

Wie soll Reutte mit dem angespannten Wohnungsmarkt und seinen Folgen umgehen? Darüber haben jetzt Politiker und Fachleute beim „Wohnbaugipfel“ diskutiert.

Der Wohnungsbau in Reutte ist nicht erst seit dem Wahlkampf ein intensiv diskutiertes Thema. Zum einen sind auch im Bezirkshauptort die Immobilienpreise deutlich gestiegen. Zum anderen kam es in den vergangenen Jahren zu einem starken Bevölkerungswachstum. Dieses Wachstum bedingt einen Ausbau der öffentlichen Infrastruktur, der die Gemeinde finanziell in eine schwierige Situation bringt. Wie mit diesen Problem umgegangen werden soll, war jetzt Thema eines „Wohnbaugipfels“ im Lina-Thyll-Saal.

Alle in Reutte engagierten Siedlungsgesellschaften sowie Architekten, Makler und Vertreter von Baufirmen waren der Einladung von Bürgermeister Günter Salchner gefolgt. Insgesamt kamen über 40 Teilnehmer. Der Bürgermeister präsentierte umfangreiche Analysen zu demografischer Entwicklung, Gebäude- und Siedlungsstruktur sowie Wohnungsansuchen. Der Rathauschef machte klar, dass die Gemeinde alle fünf Jahre eine zusätzliche Kindergartengruppe einrichten müsse, falls das Wachstum so weitergeht wie bisher. Knapp werde es in Zukunft auch in den Kinderkrippen und Volksschulen.

Dass der Trend sich umkehrt, sei nicht zu erwarten. Im Gegenteil: die heimischen Siedlungsgesellschaften besitzen aufgrund von Privatverkäufen insgesamt rund 77.000 Quadratmeter gewidmete Flächen, auf denen derzeit gebaut oder projektiert wird bzw. die als Reserve dienen. Übersetze man diese Flächen in Wohnungen, ergebe sich ein potenzielles Bevölkerungswachstum von rund 1200 Menschen, rechnete Salchner vor.

Aufgrund einer sehr großzügigen Widmungspolitik in den 1980er Jahren hat Reutte landesweit betrachtet einen sehr hohen Baulandüberhang von 113 Quadratmetern pro Einwohner. Hinzu kommen Grundstücke mit Ein- und Zweifamilienhäuser im Ausmaß von rund 145.000 Quadratmetern, die aufgrund des hohen Alters der Bewohner in den kommenden Jahren auf den Markt kommen könnten – mit enormen Folgen für die Kommune. „Hier schlummert in Summe Potenzial für ein Wachstum, das für Reutte nicht gesund ist. Es braucht neue Spielregeln für eine gedeihliche Entwicklung,“ betonte der Bürgermeister.

Stärkeres Mitspracherecht

Schon jetzt sind aktuell etwa 250 bis 300 Wohnungssuchen anhängig, berichtete Salchner ferner. Davon entfallen rund zwei Drittel auf Menschen, die schon in Reutte wohnen. Die einen suchen eine kleinere, die anderen eine größere Bleibe. Zukünftig sind vermehrt Tauschmöglichkeiten ins Visier zu nehmen. Die Zahl der Ansuchen lasse sich jedenfalls nicht 1:1 auf den Bedarf an zusätzlichen Wohnungen übertragen.

Um leistbares Wohnen sicherzustellen, will die Gemeinde künftig die Instrumente der Vertragsraumordnung vermehrt nutzen. Die Verwaltung erhalte dadurch eine stärkere Mitsprache bei Vergabe und Kosten von Wohnungen. Bei der Fortschreibung des örtlichen Raumordnungskonzeptes standen diese Instrumente noch nicht zur Verfügung. Bereits im September lud Salchner die Gemeinderäte zu einer entsprechenden Arbeitssitzung mit Ortsplaner Herbert Reinstadler.

Der Giftmüll von morgen?

Beim Wohnbaugipfel kritisierte Margit Dablander, Vertreterin der Grünen-Fraktion, Architekturdefizite beim Wohnbau. Zudem bezeichnete sie die herkömmlichen Isoliermaterialien als Giftmüll von morgen. Der Vertreter einer Siedlungsgesellschaft führte dies auf die Tiroler Bauordnung und die Vorgaben der Wohnbauförderung zurück. Manfred Saurer hielt ein Plädoyer für den Holzbau, nicht zuletzt mit Blick auf den Klimaschutz. Zudem berichtete er über ein Projekt zum Mehrgenerationenwohnen, das Holzbau Saurer in Südnorwegen umsetze. Dies könnte auch für Reutte interessant sein.

Einigkeit herrschte hingegen beim Thema angemessene Baukosten gemäß Wohnbauförderung. Diese seien absolut realitätsfern. Michael Kugler, Vertreter der Immobilien- und Vermögenstreuhänder in der Wirtschaftskammer Tirol (WK), zeigte sich beeindruckt von derart gut aufbereiteten Daten und dem klaren Bekenntnis zur engen Abstimmung mit der Bau- und Immobilienwirtschaft.

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