Verheerende Bilanz

Ostallgäuer Wirtschaft in der Corona-Krise: "Ein brutaler Absturz"

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Für die IHK-Regionalversammlung Kaufbeuren und Ostallgäu erstatten Vorsitzender Peter Leo Dobler (links) und der Vizepräsident Gerhard Schlichtherle Bericht.

Kempten/Landkreis – Die Corona-Krise trifft die Wirtschaft auch im Allgäu hart und bremst die Konjunktur bundesweit aus. Vergangenen Donnerstag berichteten der IHK-Geschäftsführer Markus Anselment und die Vorsitzenden der Allgäuer Regionalversammlungen über die Auswirkungen der Krise. Das Ergebnis ist verheerend.

Dreimal jährlich findet die Konjunkturumfrage der IHK Schwaben statt. Von Anfang bis Mitte Mai haben über 1000 schwäbische Unternehmen verschiedener Branchen die Fragen der aktuellen Konjunkturumfrage beantwortet. „Corona ist dementsprechend mit dabei“, sagte Anselment über die repräsentativ angelegte Studie. Das Ergebnis ist deutlich: Der Index stürzte auf einen Wert von 84 von 150 möglichen Punkten und damit fast auf den Tiefstand der Finanzkrise 2009. 

„Das ist ein brutaler Absturz,“ sagte Peter Leo Dobler, Vorsitzender der Regionalversammlung Kaufbeuren-Ostallgäu. Die aktuelle Geschäftslage werde im Landkreis von 38 Prozent der Unternehmen mit schlecht bewertet. Der Ausbruch des Virus und der damit verbundene Shutdown habe weite Teile der Wertschöpfung lahmgelegt. Unternehmen aus der Gastronomie, der Tourismus und viele Einzelhändler seien durch Betriebsschließungen am härtesten getroffen. Einzig die Bauwirtschaft habe eine gute Geschäftslage. Insgesamt, so Anselment, rechnen 70 Prozent mit Verlusten. 

Auch wenn sich der Binnenmarkt schnell erhole und eine Chance darin bestünde, dass viele Deutsche nun Urlaub im Allgäu machen werden, haben rund 30 Prozent der regionalen Unternehmen Zahlungsschwierigkeiten und „einige sprechen von Insolvenz“, sagte der IHK-Geschäftsführer. Das decke sich mit den Zahlen in der Region. „Der Konjunkturindex in Kaufbeuren und dem Ostallgäu ist zwar etwas besser als in ganz Schwaben (93 Punkte). Wir dürfen uns hiervon aber nicht täuschen lassen“, sagte Dobler. Denn bedenklich seien auch die schlechten Geschäftserwartungen der Unternehmen. „Von einer schnellen Erholung ist daher momentan eher nicht auszugehen.“ 

Auswirkungen bis 2022? 

Corona habe fast alles auf den Kopf gestellt, so Markus Brehm, Regionalvorsitzender im Oberallgäu. „Keiner kann sich an solche Auswirkungen seit dem II. Weltkrieg erinnern.“ Ein Beispiel dafür seien laut Brehm die Arbeitslosenzahlen, die in Schwaben von 2,6 Prozent im März auf 3,5 im Mai stiegen und, dass 70 Prozent der Allgäuer Unternehmen Kurzarbeit anmeldeten. Das sind etwa 7000 Betriebe mit gut 100.000 Beschäftigten. 

Insbesondere die Gastronomie und Freizeitwirtschaft könne die Einbußen durch den Lockdown nicht einfach aufholen. Er ist überzeugt: „Das wird uns noch, wenn wir optimistisch sind und nichts weiteres passiert, mindestens bis in den Herbst 2022 beschäftigen.“ 

Die Bundesregierung mit ihrer Corona-Politik lobten die Anwesenden. „So etwas war noch nie da, dafür hat die Politik das gut gemeistert und einen guten Job gemacht“, sagte Gerhard Schlichtherle, Vizepräsident der Regionalversammlung Kaufbeuren-Ostallgäu. Dennoch sei damit nicht genüge getan. „Die Hilfsmaßnahmen sind richtig und wichtig gewesen. Sie ersetzen aber nicht das Wirtschaften,“ sagte Anselment. Die Kurzarbeit ist laut Dobler ein wichtiges Hilfselement. 

„Grundsätzlich wurde viel Geld in die Hand genommen“, sagte Robert Frank, Vizepräsident Regionalversammlung der Kempten-Oberallgäu. Selbst Hotelier, sprach Frank davon, dass seine Branche bei der Umfrage „mit weitem Vorsprung als schlecht eingeschätzt“ wurde. Anfangs seien die Corona-Maßnahmen verstanden und auch für gut befunden worden. „Dann haben die Perspektiven gefehlt.“

Mit den Hygienevorschriften und Maßnahmen seien die Infos von Woche zu Woche gekommen, was einer „Hängepartie“ gleich kam und zu vielen kurzfristigen Stornierungen im Juni geführt hätte. Was helfe, sei, dass es sich hier um viele kleinstrukturierte, familiengeführte und private Unternehmen handelt und nun viele Deutsche zum ersten Mal im Allgäu Urlaub machen. „Diese Betriebe kommen wahrscheinlich glimpflich davon.“ 

Ruf nach Investitionen? 

Alle aber mit Schwerpunkten auf internationale Gäste, Kultur und Geschäftsreisende, Abendgeschäft und diejenigen mit kleinen Räumen werden „große Probleme haben. Und einige werden es nicht überleben.“ 

Zukünftig müsse in dieser Branche differenzierter darauf geschaut und Hilfe spezialisierter ausgearbeitet werden. Insbesondere bei Unternehmen mit kulturellen Rahmen, mit Wellness und Sport. „Die sollten in der zweiten Jahreshälfte nicht vergessen werden“, forderte Frank.

Schlichtherle gab sich überzeugt: „Deutschland wird aus der Krise noch relativ gut herauskommen.“ Es gelte nun die Wirtschaft in allen Branchen wieder hoch zu fahren. Außerdem fordere die IHK Investitionen in die Digitalisierung, die Senkung der Energiekosten um Versorgungssicherheit zu geben und eine Verkürzung der Abschreibezeit und -möglichkeit. Im Gespräch bleibe die IHK wegen einer Senkung der Gewerbesteuer. „Die ist in Deutschland zu hoch“, so Schlichtherle. 

Ein sehr wichtiger Punkt sei, dass Investitionen nun nicht zurückgefahren werden. „Ich finde es großartig, dass die erste Planungsetappe des B12-Ausbaus öffentlich ausliegt. Ich freue mich auf den Spatenstich. Das ist wichtig für die regionale Wirtschaft.“ Anselment appellierte: „Wir müssen in die Schulen investieren und dürfen dabei die Berufsschulen nicht vergessen.“ Diese nötigen Investitionen in der digitalen Infrastruktur gelte es nun von der Regierung zu leisten. Die Welt habe sich in der Corona-Krise verändert. „Sie war ein Katalysator für die Digitalisierung“, so der Geschäftsführer. „Die Politik muss in die bauliche Infrastruktur und Ausstattung investieren.“ 

Auch, da den Kommunen nun wichtige Einnahmen durch Gewerbesteuern fehlen werden. Neben einer Verlängerung der Kurzarbeit, womit in der Finanzkrise 2008 bis 2009 gute Erfahrungen gemacht wurden, müsse nun neuen Schwung durch branchenübergreifende Programme in die Wirtschaft gebracht werden, so Brehm. Für kleine und mittlere sowie spezielle große Einzelhändler sieht er zum Beispiel eine Chance in nicht zweckgebundenen verkaufsoffenen Sonntagen. Diese sollen zum Einkaufen anregen. Alles auf der Grundlage der Einhaltung der Hygienevorschriften. Und damit kein zweiter Lockdown komme, sonst würde es „ganz bitter“ werden.

sh

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