"Wir wollen uns kümmern"

Pfrontens Bürgermeisterin Michaela Waldmann im Interview über Ziele und Perspektiven

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Pfrontens Bürgermeisterin Michaela Waldmann.

Pfronten – Die Gemeinde Pfronten mit ihren 13 Dörfern ist einer der großen Tourismusmagneten der Region. Unsere Reporterin Christine Eberl hat mit Bürgermeisterin Michaela Waldmann deshalb über geplante Vorhaben und Projekte, aber auch über die Probleme in der Gemeinde gesprochen.

Welche neuen und wichtigen Projekte sind in naher Zukunft in Pfronten geplant? 

Waldmann: „Wir stecken ständig in Daueraufgaben, die immer wieder Priorität und Schwerpunkte haben. Stark beschäftigt uns jetzt und auch in den folgenden Monaten das Thema Städtebauförderung im Ortsteil Ried. Da sind wir seit einem guten Jahr mit einem sehr intensiven Bürgerbeteiligungsprozess und einer Planungswerkstatt dran. Wir möchten herausfinden, welche Ideen und Impulse unsere Bürgerinnen und Bürger haben. Dazu haben wir Jugendliche, Gewerbetreibende, natürlich die Anlieger und alle Pfronter befragt, auch die Kulturschaffenden, welche Nutzungsmöglichkeiten sie sich vorstellen. Kürzlich hatten wir eine große Planungswerkstatt und es wurden die Zwischenergebnisse vorgestellt. Die Ergebnisse werden jetzt geordnet und bewertet. Erschwerend kommt noch das Thema Verkehr dazu. Wir warten jetzt auf die Empfehlungen eines Verkehrsplaners bezüglich einer Entlastung für das Zentrum. Dies ist auch in Sachen Aufenthaltsqualität ein großes Thema. Diese fehlt momentan. Ebenfalls zu den vordringlichsten Aufgaben gehört die Ausweisung von Bauland für Wohnbebauung und auch für Gewerbeflächen. Hier herrscht aufgrund großer Nachfrage ein immenser Druck. Deshalb bemühen wir uns drum Grünland oder bebaubares Land anzukaufen. Ein gewichtiges Thema ist noch das Touristische Leitbild – es wurde letztes Jahr beschlossen, wo wir uns touristisch hinentwickeln wollen. Es geht darum, dass Hoteliers, Gastgeber und Outdooranbieter diesen Impuls aufnehmen und damit arbeiten. Dies sind nur ein paar kleine, aber den ganzen Ort umfassende Themen, wie auch punktuell der Kanalbau- und Straßenbau, die Dorferneuerung in Kappl, die bereits im zehnten Jahr mit hohem finanziellen Aufwand betrieben wird, und natürlich wie in jedem Ortsteil auch geplante Investitionsmaßnahmen.“ 

Was sind die „Sorgenkinder“ der Gemeinde Pfronten?

Waldmann: „Die Sorgenkinder sind ganz klar die Woh raumbeschaffung, die Baulandbeschaffung und die Flächenbeschaffung für die Entwicklung von Gewerbe.“ Was ist in Sachen Förderung Tourismus oder Ausbau der Attraktivitäten geplant? Waldmann: „Die Philosophie ist wirklich: Wir wollen uns um die Stammgäste, aber auch um neue Gäste kümmern. Unser Profil geht hin zum Slogan 'Wir sind outdoor'. So verstehen wir uns auch. Wir leben in einem hochwertigen Naturraum, der sowohl zur Bewegung wie auch zur Entschleunigung einlädt. Dieser Naturraum bietet mit den Wiesen, den Bächen und der alpinen Lage sowohl im flachen wie auch auf unseren Hausbergen für Erholungssuchende und Familien oder gerade Menschen, die man 'Outdoorbegeistern' kann, die richtige Plattform. Wir möchten vermitteln, dass wir der richtige Ort dafür sind. Unsere Aufgabe besteht jetzt darin, dass wir diesen Impuls so weitertragen und unsere Hoteliers, unsere Gastgeber und Outdooranbieter wie die Bergbahn dann auf diesen Zug mit aufspringen.“ 

Wie sieht Ihrer Meinung nach das Angebot für Freizeitattraktivitäten wie beispielsweise Mountainbiken oder Wandern in Pfronten und im Umland aus? 

Waldmann: „Wir haben sowohl in Pfronten wie auch in der Region ganz hervorragende Angebote für jede Leistungsklasse und für jeden Leistungsgrad den jeder einzelne Sportler und Erholungssuchende mitbringt. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass wir seit vielen Jahren schon nach örtlichen Lösungen gesucht haben. Ich setze da ganz stark auf das Thema 'Allgäu'. Wir sind bekennende Allgäuer und sehen dass mit den MTB-Netzen, Radwegenetzen auch die im Schlosspark hochzertifizierten Radrunden passiert. Sie sind gut ausgeschildert und bieten somit eine hervorragende Infrastruktur. Der Genussradfahrer möchte einen Naturraum erleben, den er besonders findet, dem er leistungsmäßig gewachsen ist und indem er sich sicher orientieren kann. Ich bin sicher, dass das Angebot diesbezüglich bei uns ganz ausgezeichnet ist."

Der „Mythos Berge und Wandern“ spielt in Pfronten eine tragende Rolle. Wie wird dieser dargestellt und in welcher Form? 

Waldmann: „Als europäisches Wanderdorf – das erste in Deutschland – haben wir natürlich mit unseren vier Gastgebern die qualifiziert und zertifiziert sind und sich ganz stark diesem Thema widmen, bezüglich unseres Leitbildes genau ins schwarze getroffen nämlich auf: Bewegung draußen. So können unsere Gästen nach bestimmten Themen und auf bestimmten Routen die Region erleben und genießen.´" 

Was wird im Ort getan, um die Tradition des Leitbildes „Pfronten“ darzustellen?

Waldmann: „Das Leitbild ist weniger der Anlass um Traditionen aufrecht zu erhalten. Ich sehe das etwas vielschichtiger. Tradition ist im weitesten Sinne Kulturarbeit. Die kulturelle Identität, die wir hier im Pfrontener Tal haben, ist relativ klar an vielen Traditionen fest gemacht. Eine ganz entscheidende Rolle spielen die über 85 Vereine im Ort von Musikkapelle bis Theaterverein. Ein sehr zentrales Thema in Pfronten sind natürlich die 'Mächler'. Die Mächlertradition ist zum Teil der Ursprung der Firmen wie Deckel Maho usw. Das Mächlertum und der Erfindungsgeist den seinerzeit die Landwirte hatten ist der Ursprung für diese Weltfirmen – das ist belegt.“

Wie sieht die Situation in Sachen Übernachtungen, Beherbergungsstätten und Hotels aus? Welche Unterkünfte sind bei den Touristen am beliebtesten und welche werden vorzugsweise gebucht? 

Waldmann: „Wir haben ein hohes Angebot an verschiedenen Beherbergungsarten. Großer Renner sind die Ferienwohnungen in einem beträchtlichen Umfang. Ferienwohnungsgäste kommen oft auf Empfehlung oder machen 'Urlaub auf dem Bauernhof'. Aber auch in den Hotels und den größeren Pensionen kommen die Touristen die mehr den Faktor auf Bequemlichkeit aufgrund der Unterbringungsart setzen. Ich glaube, die Mischung macht's. Unsere Gastgeber sind weitestgehend gut gebucht und optimistisch und den neuen Ideen bezüglich der Outdoorbegeisterung gegenüber den Gästen sehr aufgeschlossen."

Ist in Sachen kulturelles Angebot etwas neues geplant? Wie sieht es generell mit dem Kulturangebot aus? 

Waldmann: „Wir sind gut ausgestattet mit Gastronomen, die häufig aus eigenen strategischen Überlegungen heraus ein Rahmenprogramm, Konzerte oder Themenabende anbieten. Eine große Wertschätzung gilt der Kolpingfamilie Pfronten, die im Pfarrheim im Wechsel zwischen Mai und Oktober zwei Theaterstücke – Bauerntheater – aufführt. Auch im 'Eiskeller' sind wir seit einem halben Jahr ausgesprochen erfolgreich – hier ist die Gemeinde der Veranstalter für verschiedenste Konzertabende, Lesungen und Ausstellungen. Und natürlich die traditionellen Veranstaltungen, wie zum Beispiel das Feuerwehrfest in Steinach, das Dorfer Weiherfest und die ganzen Traditionsveranstaltungen, die über die verschiedenen Vereine angeboten werden. In diesem Jahr findet beispielsweise auch wieder das Dorf-und Bergwiesenfest statt. Es gibt auch einen besonderen Wunsch der Bürger im Zusammenhang der Städtebauförderung im Denkmalgeschützen Gebäude, dem 'Lokschuppen', einen Ausstellungsraum zu schaffen."

Welche Ziele verfolgt die Gemeinde Pfronten in naher Zukunft im Bezug auf die Bürger und den Tourismus? 

Waldmann: „Es geht darum, dass wir in ersten Linie unsere Pflichtaufgaben erfüllen wie zum Beispiel Straßenbau und Abwasserbeseitigung, was bei uns kostentechnisch sehr zu buche schlägt. Als einer der Tourismusorte im Allgäu müssen wir unser Profil so schärfen, dass wir nicht bei jedem Trend zwingend dabei sind und uns wirklich auf das besinnen was unsere Kompetenz ist. Die Infrastruktur muss stimmen. Ganz schwierig finde ich auch die Aufgabe der Bürgerbeteiligung und die Mitwirkung der Bürger. Hier gibt es einen hohen Anspruch, was die Kommune, was der Staat alles zu leisten hat. Auf der anderen Seite gibt es wenig Bereitschaft mitzuwirken und diese Gesellschaft und Bürgerkultur mit einem eigenen Engagement zu stärken – dies lässt mich hin und wieder schon ein wenig verzweifeln... Es gibt viele Dinge, die uns im Ort Pfronten und in der Gesellschaft bewegen – hier würde ich mir wünschen, dass mehr Menschen bereit sind die Verantwortung zu übernehmen und damit zu arbeiten.“ 

Was ist für Sie persönlich das Besondere an Pfronten?

 Waldmann: „Ich bin eine bekennende Allgäuerin, aber nicht aus Pfronten. Seit fünf Jahren sehe ich aus der 'Innensicht' den außergewöhnlichen Naturraum, das außergewöhnliche Verständnis der Pfrontner, die einfach stolz auf ihren Ort sind, alles gepaart mit einer Neugierde auf die Zukunft, die jeder einzelne in Pfronten hat, auch mit einem Traditionsbewusstsein, um die Wurzeln nicht zu vergessen. Diese Mischung finde ich im Ort selbst ganz bemerkenswert. Auch finde Ich den Gestaltungsspielraum und die Möglichkeit etwas zu bewahren, etwas zu verändern oder etwas zu begleiten sehr spannend."

Vielen Dank für das Gespräch.

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