Pfrontener Schleierfahnder greifen 2014 so viel Illegale auf wie noch nie

Fahnder im Dauereinsatz

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Die Schleierfahnder aus Pfronten kontrollieren bei jedem Wetter auf der A7 bei Füssen. So erwischten sie 2014 fast 600 illegal Eingereiste.

Pfronten – Die Flut an Flüchtlingen, die illegal nach Deutschland einreisen wollen, reißt derzeit nicht ab. „In neun Jahren bei der Schleierfahndung hab ich noch nie so einen Anstieg erlebt“, blickte Erster Polizeihauptkommissar Siegmund Gast jetzt auf das Jahr 2014 zurück.

Insgesamt 563 illegal Reisende, von denen 457 geschleuste Flüchtlinge waren, erwischten die Pfrontener Schleierfahnder im vergangenen Jahr auf der A7 bei Füssen. Im Jahr davor verzeichneten sie lediglich 167 illegale Einreisen. 

Verfolgung, Unterdrückung, Bürgerkrieg, Hunger: Die weltweiten Krisenherde veranlassen viele Flüchtlinge, ihre Heimat zu verlassen und sich von Schleusern Richtung Europa bringen zu lassen. In Afrika oder Syrien steigen die meisten von ihnen in wacklige Boote und lassen sich über das Mittelmeer nach Italien bringen. Von dort geht es oft Richtung Norden. 

Die momentanen Brennpunkte liegen bei den Grenzübergängen nahe Traunstein, Rosenheim oder Passau. Die Polizisten werden dort täglich mit 200 bis 300 illegal Einreisen konfrontiert, erklärt Gast. Im Vergleich dazu sei bei der Grenze in Füssen „verhältnismäßig wenig“ los. Der Ansturm hier begann erst im Herbst 2013. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bei den Schleusern anscheinend die Route über die A7 in Richtung Norden herumgesprochen. 

Allein während einer dreiwöchigen Kontrolle im vergangenen Jahr haben die Beamten nach eigenen Angaben fünf Schleusungstransporte gestoppt. Insgesamt waren es 2014 73 Schleusungen mit 457 Flüchtlingen. Diese kommen hauptsächlich aus Syrien (341) und Eritrea (81). Während des Jahreswechsels haben die Fahnder aber auch „überraschend viele Kosovaren“ aufgegriffen, so Gast. Das war damals eine „richtige Landflucht“, sagte der Polizeihauptkommissar. 

Aus wirtschaftlichen Gründen hätten sie ihre Heimat verlassen. Viele hätten ihren Grundbesitz zu einem „Spottpreis“ an Schleuserorganisationen verkauft, um sich den Transport leisten zu können. Da aber viele wieder zurückgeschickt wurden, stehen die Familien heute vor einer noch größeren Krise als vor der Flucht. 

Horrende Preise 

3000 bis 8000 Euro kostet ein Schleusungstransport insgesamt. 400 bis 500 Euro muss ein Flüchtling allein für die Fahrt von Mailand nach Deutschland bezahlen, so Gast. Nach einer Anzahlung wird eine zweite Rate am Zielort fällig – ein lukratives Geschäft für die Schleuser. Der Dreh- und Angelpunkt hierfür ist Mailand. Die Schlepper agieren dort teilweise wie Reiseunternehmen. Da „muss auch ein große Organisationen dahinterstecken“, meinte Gast. Dafür spreche, dass das gleiche Autos von unterschiedlichen Fahrern benutzt werden. In zwei Großverfahren wurden bereits Hintermänner ermittelt, sagt Gast. Doch das ist „ein Massenproblem.“ 

Damit sich der Transport auch lohnt, werden Kinder teilweise im Kofferraum untergebracht. Auch hatten die Schleierfahnder einen Fall, bei dem neben den fünf Sitzen auch noch jeder Fußraum mit Flüchtlingen besetzt wurde. Doch auch die Autos sind oft im schlechten Zustand. In einem Fall fuhr ein Schleuser, der außerdem noch unter Drogen stand, so rabiat, dass die Flüchtlinge Angst um ihr Leben hatten, berichtet Gast. 

Vor allem für Rumänen scheinen die Transporte lukrativ zu sein. 35 Schleuser, die die Fahnder 2014 aufgegriffen haben, kommen von dort. Doch auch Araber und Migranten mit Wohnsitz in europäischen Staaten hätten sich im Schleusungsgeschäft etabliert, so die Polizei. 2015 waren jedoch auch „überraschend viele Holländer“ darunter, erklärt Gast. Wenn sie erwischt werden, müssen sie ein halbes Jahr in Untersuchungshaft. 

Anschließend folgen normalerweise Strafen von bis zu einem Jahr, die teilweise auf Bewährung ausgesprochen werden. Dass einer von ihnen nicht ins Gefängnis muss, dass ist aber„die absolute Ausnahme“, so der Chef der Schleierfahnder. Das scheint aber kein allzu großes Abschreckungspotenzial zu haben. 

So hat die Polizei einen Schleuser aufgegriffen, der angab, innerhalb von 14 Tagen sechs Mal Flüchtlinge über die A7 nach Deutschland gebracht zu haben. Im Falle einer Entdeckung werden die Flüchtlinge zunächst durchsucht. Dabei musste sich eine syrische Familie im vergangenen Jahr von ihrem Haustier trennen, berichtet Gast. Die Kinder hatten während der Flucht eine Schildkröte gefunden und mitgenommen. Doch die stellte sich als artgeschützte Landschildkröte heraus.

Anschließend überprüfen die Beamten die Ausweise – falls die Flüchtlinge welche dabei haben – und vernehmen sie, um mehr über die Schleuser und ihre Routen herauszubekommen. Dabei erlebten die Fahnder 2014 auch eine kuriose Situation: Eine schwangere Frau bekam während der Vernehmung Wehen. Zwei Tage später kam sie mit einem Baby zur Befragung, sagt Gast. 

Lage beruhigt sich 

Anschließend bekommen die Flüchtlinge Fahrkarten, um mit dem Zug nach München zum zentralen Aufnahmelager zu fahren. Nach dem großen Andrang im vergangenen Jahr scheint sich die Lage momentan zu beruhigen. Zur Zeit entwickeln sich die illegalen Einreisen „gleichbleibend zu 2014“, so Gast. Fragt sich nur wie lange. Denn die Aufnahmelager in Italien seien voll. Außerdem sei das Reisemittel Zug gerade „ganz groß im Kommen“, so der Erste Hauptkommissar. Hier haben die Schleierfahnder in Lindau einen Anstieg verzeichnet. Allerdings „bei weitem nicht so wie in Füssen“. Doch auch der Hintergrund der Flüchtlinge ändert sich. 

Diese kommen mittlerweile auch aus Somalia, Afghanistan oder auch Pakistan. Während sich zunächst nur die Mittelschicht in Richtung Norden aufgemacht hat, kommen jetzt auch die weniger Vermögenden, erklärt Gast. „Ich weiß nicht, wie sie das finanzieren.“ Personell stößt die Schleierfahndung mittlerweile an ihre Grenzen. „Wir versuchen durch die Unterstützung anderer Dienststellen eine höhere Frequentierung an Kontrollen hinzubekommen“, erklärt der Hauptkommissar. 

Ob die Pfrontener Schleierfahnder bald auch von Bereitschaftspolizisten unterstützt werden, wie Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) angekündigt hat, ist aber fraglich. Denn die derzeitigen Brennpunkte werden wahrscheinlich zuerst verstärkt, so Gast. Die Pfrontener Schleierfahnder wären aber auf jeden Fall, „um jedes Personal froh, das wir bekommen.“

Katharina Knoll

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