Dr. Alexander Jordan spricht über den Ersten Weltkrieg

"Eine kaum vorstellbare Hölle"

Der Roßhauptener Dr. Alexander Jordan ist Leiter des Wehrgeschichtlichen Museums in Raststatt. Foto: privat

Roßhaupten – Bei der Gedenkveranstaltung im Elsass anlässlich des Kriegsausbruchs 1914 gehörte der Roßhauptener Dr. Alexander Jordan zur „Delegation Allemand“. Der Kreisbote hat mit dem Historiker über die Worte Gaucks und Parallelen zwischen 1914 und der aktuellen politischen Lage gesprochen.

Herr Dr. Jordan, Sie haben Anfang August auf dem Hartmannsweilerkopf im Elsass an einer Gedenkveranstaltung anlässlich der deutschen Kriegserklärung an Frankreich vor 100 Jahren mit den beiden Präsidenten Francois Holland und Joachim Gauck teilgenommen. Wie sind Sie dazu gekommen? 

Jordan: „Seit 2008 bin ich Direktor des Wehrgeschichtlichen Museums Rastatt. Das war für mich ein wunderbarer Glücksfall, eines der führenden militärhistorischen Museen Deutschlands leiten zu dürfen. Seit 2012 bereiten wir uns im Museum auf das ‚Centenarium‘ vor, also auf die Gedenkveranstaltungen zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Ganz konkret wurde ich vom Honorarkonsul der französischen Republik in Mannheim, Folker R. Zöller, eingeladen, der zentralen deutsch-französischen Veranstaltung am Hartmannsweilerkopf beizuwohnen. Das ist schon eindrucksvoll, wenn Sie eine Einladung aus dem Elysée Palast erhalten. Als Mitglied einer ‘Delegation Allemand’ konnte ich dieses denkwürdige Ereignis dann quasi in der ersten Reihe erleben.“ 

Am Hartmannsweilerkopf starben um die 30 000 deutsche und französische Soldaten. Die Landschaft auf dem Gipfel des rund 1000 Meter hohen Berges ist noch heute gezeichnet von Schützengräben und Bunkerresten. Was haben Sie dort oben empfunden? 

Jordan: „Es ist neben Verdun wahrscheinlich einer der beklemmendsten Kriegsschauplätze, die man besuchen kann. Ein Ort, der wie wenige andere die Sinnlosigkeit und den Schrecken dieser Jahre 1914-1918 symbolisiert. Auf der anderen Seite befindet man sich in einer herrlichen Natur mit einem atemberaubenden Blick in die Rheinebene. Es ist kaum vorstellbar, welche Hölle vor 100 Jahren hier getobt hat.“ 

Hat Bundespräsident Gauck Ihrer Meinung nach die richtigen Worte gefunden? 

Jordan: „Sowohl Präsident Gauck als auch Präsident Hollande haben mit Ihren Gesten der Versöhnung und des gegenseitigen Verständnisses die Freundschaft unserer beiden Länder bekräftigt und vertieft. Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre solch eine Zeremonie unvorstellbar gewesen. Besonders eine Passage der Rede unseres Bundespräsidenten Joachim Gauck ist mir im Gedächtnis geblieben: ‘Der Hartmannsweilerkopf war ein Schlachthaus. Man nennt ihn bis heute den Menschenfresserberg, den mangeur d’hommes. Doch nicht der Berg hat die Menschen vernichtet und gefressen. Menschen selber waren es, die buchstäblich alle Mittel probiert und eingesetzt haben, um sich gegenseitig zu vernichten. Es ist eben allein der Mensch, der unmenschlich handeln kann.’ Sowohl bei meiner Museumsarbeit als auch bei Exkursionen mit Besuchergruppen zu den Orten des Krieges wird mir immer wieder bewusst, welch unmenschliche Strapazen und Entbehrungen die Soldaten aller Nationen erdulden mussten. Kaum vorstellbares Leid, überall Verwundung und Tod. Das muss unendlich grausam gewesen sein und das ist auch der Grund, warum Kriege mit allen Mitteln vermieden werden müssen. So problematisch die aktuelle finanzielle Lage in der Europäischen Union ist – so dürfen wir nicht vergessen, dass uns dieser Zusammenschluss für viele Jahrzehnte Frieden und Eintracht beschert hat. Daran müssen wir alle mitwirken. Ein Baustein ist auch die Arbeit der Museen.“ 

Beide Präsidenten legten anlässlich der Gedenkveranstaltung den Grundstein für das erste gemeinsame deutsch-französische Museum. Wie stehen Sie zu dieser Idee? 

Jordan: „Es ist nur konsequent, nun am Hartmannsweilerkopf – der als ein Ort des nationalen Gedenkens Frankreichs gilt – auch eine dauerhafte Ausstellung zu zeigen, die dem Besucher die Einordnung dieser lange vergangenen Ereignisse in den Zusammenhang ermöglicht. Deutsch-französische Zusammenarbeit gab es durchaus schon zuvor, beispielsweise beim Museum zum Ersten Weltkrieg an der Marne, dem Historial de la Grande Guerre in Peronne. Neu und ungewöhnlich spät ist die transnationale Kooperation hier im Elsass. Ich war sehr erfreut, dass das Wehrgeschichtliche Museum Rastatt schon früh zur Mitarbeit an diesem Projekt eingeladen worden ist.“ 

Warum haben sich Historiker beider Seiten so lange so schwer damit getan? 

Jordan: „Die Grenzregion Elsass war über Jahrhunderte Spielball zwischen Deutschland und Frankreich. Besonders die jüngere Vergangenheit seit 1870 war geprägt von Kriegen und damit wechselnden Besitzverhältnissen der Regionen Elsass und Lothringen. Die Landschaft trägt bis heute die Narben von Schlachten, Grabenkämpfen und gegenseitigem Misstrauen. Das französische Bollwerk der Maginotlinie war solch ein Symbol des Misstrauens. Die Elsässer und Lothringer selbst fühlten sich als Verhandlungsmasse der historischen Wechselfälle. Das Leid, das gerade ihnen widerfahren ist, ernst zu nehmen, das gehört zum Erinnern dazu. Dieses tiefsitzende Leid hat aber an vielen Stellen eine konstruktive Zusammenarbeit verzögert.“ 

Liegt es möglicherweise auch daran, dass Deutschland in Frankreich lange als Alleinschuldiger für den Ausbruch des I Weltkrieges galt? Neuere Forschungen kommen zu dem Schluss, dass das Deutsche Reich keineswegs die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg trägt. Wer ist denn nun Schuld an der „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts? 

Jordan: „Da werden Sie auch von mir keine simple Antwort erhalten. Die Umstände sind zu komplex, als dass einem einzelnen Land die alleinige Schuld gegeben werden könnte. Der Historiker Christopher Clark hat das in seinem Buch der Schlafwandler sehr deutlich gemacht. Jeder hat seinen Anteil am Weltkrieg zu tragen. Die Erkenntnis ist so neu nicht, scheint nun aber endlich auch stärker Konsens in der Wissenschaft zu werden.“ 

Wenn Sie sich die aktuelle Lage mit kriegerischen Konflikten fast überall im Nahen Osten und vor allem in der Ukraine anschauen – wird Ihnen da nicht angst und bange, dass sich die Geschichte nach ziemlich genau 100 Jahren doch wiederholt? 

Jordan: „Wenn Sie die Weltgeschichte der vergangenen 3000 Jahre anschauen, könnte einem angst und bange werden. Sehen Sie sich im gleichen Atemzug aber auch die Entwicklungen an, die die Menschheit vollbracht hat und wie rasant sich der zivilisatorische Fortschritt entwickelt. Kunst und Kultur haben sich zu ungeahnter Blüte aufgeschwungen und in ehemals kriegerischen Regionen wie in Mitteleuropa ist für einen langen Zeitraum Frieden eingekehrt. Was ich damit meine ist: sicher könnte man manchmal verzweifeln an der Welt, aber meist hat es der Mensch geschafft die Lage zum Guten zu wenden. Auch wenn er dabei viel Lehrgeld bezahlen musste. Nach den furchtbaren Erfahrungen, die Deutschland und Europa mit zwei Weltkriegen gemacht haben, müssen wir bei den aktuellen Konflikten, die vor unserer Haustür – beispielsweise im nahen Osten – toben, humanitär, diplomatisch und in Flüchtlingsfragen helfen so gut es geht.“ 

Gibt es – vor allem bezogen auf die Ukraine – Parallelen zum Sommer 1914? 

Jordan

: „Sicher würde man auf den ersten Blick sagen, es gibt Parallelen. Ich bin da aber skeptisch, ob das einer tieferen Prüfung standhält. Die Bündnissysteme, in die die europäischen Staaten 1914 eingebettet waren, als auch das nationale Selbstverständnis und die mangelnden Möglichkeiten internationaler ‚Dachorganisationen‘ (wie der UNO) waren 1914 anders als heute."

Was können die heutigen Politiker aus der Juli-Krise von 1914 und dem daraus resultierenden Kriegsausbruch lernen? 

Jordan: „Wie es so schön heißt im Allgäu: ‘Ma‘ muaß halt reda mit dar Leut’. Eine stete Kommunikation aller Konfliktparteien ist unerlässlich, dabei müssen alle nur möglichen Kommunikationskanäle genutzt werden. Europäische Zusammenarbeit auch in Richtung Osten darf nicht nur in Worten beschworen werden, sondern muss auch umgesetzt werden. Inzwischen haben wir einen zusehends kritischeren Punkt erreicht. Wenn ein Partner sich nach – wenn auch unter Umständen nur gefühlten – Niederlagen zurückzieht und einigelt, wird es immer schwieriger eine Lösung zu finden. Die Situation ist angespannt und ich hoffe, dass die lange Zeit des Friedens in Mitteleuropa noch ebenso lange andauert. Militärische ‚Blankoschecks‘ waren und sind keine Lösungen der Konfliktbewältigung. Klar sein muss aber auch, dass aggressive Expansionspolitik, die die Souveränität von Staaten verletzt, von der Völkergemeinschaft nicht hingenommen werden kann.“ 

Herr Dr. Jordan, wir danken Ihnen für das Gespräch.  mm


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