Sanierung "mit einem Hauch Wehmut"

Kein Witz, sondern (bitterer) Ernst: Übernehmen Sie eine "Pfeifen-Patenschaft" über eine Orgelpfeife der Wieskirche...! Ja, Sie haben schon richtig gelesen – ein außergewöhnliches Vorhaben rechtfertigt dieses zweifellos außergewöhnliche Angebot. Zunächst aber die ganze Geschichte der Reihe nach:

Zusammenklang von Kunst, Theologie, Licht und Musik Prälat Georg Kichmeir, Wallfahrtspfarrer und Custos der Wieskirche: „In ihrer künstlerischen Aussage und in ihrer theologischen Mitte birgt die Wieskirche die große Kraft, den nach Lebenssinn suchenden und nach Orientierung fragenden Menschen unserer Tage im Erleben der „Frohen Botschaft der Wies“ eine ganzheitliche, alle Sinne, Geist, Leib und Seele ansprechende Antwort zu geben im Vierklang von Kunst, Theologie, Licht und Musik. Kunst: In der Zusammenführung von Chor und Kirchenschiff formte Dominikus Zimmermann einen vollendet stimmigen Raum im Goldenen Schnitt, der jeden Besucher wohltuend umarmt und in seiner prunkvollen Ausstattung durch feinstes Rokoko beglückt. Theologie: Im Mittelpunkt der Gegeißelte Heiland, das Gnadenbild, zu dem durch die Jahrhunderte hindurch die Pilger wallfahren mit ihren Bitten um Heil, um Ganz- und Gesundwerden an Leib und Seele. Die theologische Summe der Christuswallfahrtskirche Wies findet sich im Gebet:. ,,Deinen Tod, o Herr verkünden wir (der sich bis in den Tod hingebende Gegeißelte Heiland) und deine Auferstehung preisen wir (der auf dem Regenbogen thronende auferstandene Christus), bis du kommst in Herrlichkeit“ (Thron und Tor zur Ewigkeit). Licht: Das kreisende Sonnenlicht in der Wies - wie am Morgen die ganze Kirche in der einfallenden Sonne ,,schwimmt“ und am Abend in den Strahlen der untergehenden Sonne die Engel an der Kanzel anfangen zu tanzen — man spricht vom ,,Wunder des Lichts“ in der Wies. Musik: Zur Wies gehört Musik, vor allem der Klang der Orgel. Es führt zu tiefen Erfahrungen und zu beglückendsten Stunden, in der Wieskirche einen von schöner Musik getragenen Gottesdienst oder ein klassisches“ Konzert zu erleben, eine Mozartmesse, eine Bachkantate usw., wenn Musik und Raum und Zeit und Gebet miteinander ,,verschmilzt“. Jeder Wieswallfahrer und Wiesbesucher ist beglückt von der Köstlichkeit und Harmonie des wunderbaren Liedes, das Zimmermann mit dem Bau der Wieskirche angestimmt hat. Und wenn der Besucher im großen Vierklang von Kunst und Theologie, von Licht und Musik die ganze Schönheit der Wies erlebt, kann er das gleiche erfahren, was der Bauherr der Kirche, Abt Marianus II Mayer, so ausgedrückt hat: ,,Hoc loco habitat fortuna, hic quiescit cor“ (hier wohnt das Glück, hier findet das Herz seine Ruh‘). Den vielen Menschen, die unsere "Schöne Wies" besuchen, wünschen wir von Herzen die Erfahrung dieses Glücks und des inneren Friedens“. Die Notwendigkeit der Orgelrenovierung (Aus dem Gutachten des Amtes fur Kirchenmusik der Diözöse Augsburg vom 27.11.2006): "Um die Orgel in einen technischen und klanglichen Zustand zu versetzen, der der geistlichen, liturgischen und künstlerischen Bedeutung des Gotteshauses gerecht wird, bedarf das Instrument nun nicht nur unbedingt einer gründlichen Reinigung und Überholung, sondern auch einer umfassenden technischen Sanierung und klanglichen Neukonzeption. Im Einzelnen sollten dazu folgende Arbeiten ausgeführt werden: 1. Zerlegen der ganzen Orgel und Reinigen sämtlicher Teile, vorbeugende Wurmschutz-Behandlung sämtlicher Holzteile; 2. Durchsicht und so weit notwendig Reparatur der Holz- und Metallpfeifen; Aufarbeiten der Prospektpfeifen; 3. Neubau der Windladen sowie der Spiel- und Registertraktur; 4. Bau eines neuen, Schwellwerkes; 5. Ersatz des völlig verbrauchten, unförmigen Spieltisches mit Einarbeitung des "Hörterich-Spieltisches" von 1757; 6. Neue Windanlage inkl. Motor und Magazinbalg; 7. Einbau neuer Register bzw. Umarbeitung und Umstellung bisheriger Register, um das z. T. deutlich unausgewogene Klangbild des Instruments nachhaltig zu verbessern und auf den Raum abzustimmen. Gleichzeitig sind alle verbleibenden Register sorgfältig und gründlich nachzuintonieren. Terminierung: Die Vorarbeiten der Renovierung (einschl. Ausschreibung, Auftragsvergabe usw.) werden das Jahr 2007 und 2008 beanspruchen, die Durchführung der Renovierung soll in der ,,Sommersaison“ 2009 erfolgen." Zur Geschichte der Wiesorgel Von Anton Guggemos: „Dominikus Zimmermann hat den Klangkörper der Orgel in der Wies mit einem Einfühlungsvermogen ohnegleichen in die Gesamtarchitektur eingefügt, indem der Rokokoprospekt das Oval des Raumes im Westen schließt. In der farblichen Gestaltung beschränkt er sich auf Weiß und Gold und unterstreicht somit die Festlichkeit des Raumes. Das erste Orgelwerk wurde von dem aus Dirlewang bei Mindelheim stammenden Orgelbauer Johann Georg Hörterich im Jahre 1757 als zweimanualige Schleifladenorgel gebaut. 1928/29 erfuhr die Orgel durch die Firma Siemann, München einen entscheidenden Eingriff durch die Umgestaltung nach dem Geschmack der damaligen Zeit. Dabei wurde auch die mechanische Spieltraktur durch eine pneumatische ersetzt. Außerdem wurden einige Register gewechselt bzw. ersetzt, um dem romantischen Klangideal gerecht zu werden. Im Jahre 1959 musste die Orgel vermutlich wegen ihres schlechten technischen Zustandes in der Innenanlage neu gebaut werden. Der Auftrag wurde an die Fa. Gerhard Schmid aus Kaufbeuren vergeben. In das historische Rokokogehäuse wurde erneut eine Anlage mit Schleifladen, mechanischer Spieltraktur und pneumatischer Registertraktur eingebaut. Dabei wurden ca. 600 Pfeifen aus der Rokokoorgel und einige Register aus der Siemannorgel von 1929 übernommen. Gleichzeitig erweiterte die Firma Schmid das ursprünglich zweimanualige Werk mit einem Schwellwerk auf drei Manuale. Diese derzeitige Orgelanlage, an der fast 50 Jahre keine nennenswert größeren Eingriffe erfolgten, ist wegen technischer Unzuverlässigkeiten und Verschleißerscheinungen dringend renovierungsbedürftig geworden, obwohl der frische und auch majestätische Klang der derzeitigen Orgel die Zuhörer immer wieder beeindruckt und nicht zuletzt durch die vielseitigen Farben der Register erfreut. Möge die künftige Orgel mit zusätzlichen Stimmen das Weltkulturerbe des Rokokos verschönern, das Lob Gottes vermehren und den Hörenden ebenso wie den Spielenden noch mehr Freude schenken“. Neue Perspektiven Für Anton Guggemos werden sich mit der Orgelrenovierung, die durch die renommierte Werkstätte Claudius Winterhalter aus dem Schwarzwald durchgeführt wird, im wahrsten Sinn des Wortes neue Perspektiven ergeben: Der Orgeltisch wird um 180 Grad gedreht. Künftig sitzt hier jeder Organist mit dem Rücken zur Orgel – mit direktem Blick auf den Altarraum. Und was den Klang dieser weltberühmten Orgel nach der Renovierung betrifft, so wird aufgrund verschiedener Änderungen bei Haupt-, Schwellwerk und bei den Pedalen gemäß der geplanten Disposition ein Register weniger zur Verfügung stehen – ein Umstand, den die Fachwelt ohnehin mit Wehmut zur Kenntnis nehmen wird, denn gemäß einer Auflage des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege wird der Tonumfang sowohl in den Bäassen als auch in der Klangkrone reduziert werden. Die "neue" Wiesorgel im Stil einer oberschwäbischen Barockorgel (vgl. Weingarten) verzichtet auf das gesamte Pfeifenwerk des 19. und 20. Jahrhunderts. Das barocke Pfeifenwerk aus der Werkstatt von J.G. Hörterich aus dem Jahr 1757 wird mit zirka 700 Pfeifen in den Neubau mit 42 Registern voll integriert werden. Stilgerecht wird damit die Toncharakteristik der Wies-Orgel zwar ihrem barocken Ursprung angepasst – aber wer jemals in der Wieskirche ein Orgelkonzert (oft in Verbindung mit Chor und anderen Instrumenten) erlebt hat, wird das bisher gewohnte Volumen vermissen. Vor allem die fulminanten Bässe, die dank der unvergleichbaren Akustik in diesem Kirchenschiff voll zum Tragen kamen, sind dann einfach nur noch Historie. Ist es schon ungewöhnlich, dass sich das Landesamt für Denkmalpflege auch mit dem Innenleben eines Projektes befasst, so hat es jetzt auch noch den bereits zugesagten Zuschuss für die Renovierung der Wies-Orgel um 88 Prozent gekürzt. Damit wird die nahezu gänzlich gesicherte Finanzierung dieses Vorhabens in einer kritischen Phase in Frage gestellt. Denn bei Baubeginn (und der steht jetzt an) sind vertragsgemäß 50 Prozent der gesamten Renovierungskosten fällig – ein Schock, nicht nur für das eigens einberufene Orgelkomitee unter der Schirmherrschaft von Dr. Theo Waigel. Schließlich ist es ja das Ziel aller für die Renovierung Verantwortlichen, das gesamte Vorhaben bis zum Beginn des Passionsjahres 2010 abgeschlossen zu haben. Der KREISBOTE hat für diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung des "Orgelkomitees Wieskirche" Auszüge in Text und Bild aus einer speziell für diese Orgelrenovierung erstellten Informationsbroschüre verwendet. Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser, selbst finanziell etwas zur Renovierung dieser Orgel beitragen möchten, können Sie dies per Überweisung auf das Konto 5381538 bei der Kreissparkasse Schongau (BLZ 73451450) tun. Weiterführende Informationen zur Übernahme einer Pfeifenpatenschaft, die von 100 Euro bis 3000 Euro reicht, erhalten Sie auch beim Katholischen Pfarramt der Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland auf der Wies unter der Nummer 08862-93293-0 oder auch unter www.Wieskirche.de.

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