Expertin stellt in Füssen die Beratungsstelle für Opfer sexueller Gewalt vor

Signale ernst nehmen

+
Im Anschluss an ihr Referat stellt Christine Maschke (links) mit Nadine Kessler, Leiterin Familienforum Füssen, Literatur zum Thema Prävention vor sexuellen Übergriffen vor.

Füssen – Die Fälle, in denen sich Täter sexuell an Kindern vergehen, sind leicht rückläufig.

Wie Christine Maschke von der Beratungsstelle für Opfer sexueller Gewalt Kaufbeuren-Ostallgäu auf Einladung des Familienforums Füssen im kleinen Zuhörerkreis verdeutlichte, greifen „Prävention und eine andere Gesprächskultur“ und führen zu mehr Schutz für Mädchen und Buben. 

Damit ist aber keine Entwarnung verbunden. Im Gegenteil: Die Mitarbeiterinnen der 2002 eingerichteten Stelle setzen ihre Aufklärung fort – im kurzfristig vereinbarten Gespräch sowie an Schulen und Familientreffpunkten wie dem in Füssen. Der Diplom-Sozialpädagogin gelang es dabei, in einer guten Stunde Vorurteile anzusprechen, die mit diesem Thema, das lange erfolgreich unter den Tisch gekehrt worden sei, einhergehen.

Der Schlagzeilen machender Missbrauch von Schutzbefohlenen wie zum Beispiel der Fall „Odenwaldschule“ oder missbrauchte kleine britische Fußballspieler wirkten sich aktuell dergestalt aus, dass allgemein bewusst werde, wo die Gefahren tatsächlich lauern. Wie Maschke im Familien-Forum in der Spitalgasse ausführte, ist es „das vertraute Umfeld“, in dem die Täter – meist Männer – „erst mit großer Geduld Vertrauen zu einem Kind aufbauen, um nach ihren netten Gesten des Schenkens Macht auszuüben“. 

Kinder hofieren und erpressen – so könne die Vorgehensweise beschrieben werden. Dabei werde nicht spontan gehandelt, „sondern ein das Kind total verwirrender Plan in die Tat umgesetzt“. Täter könne ein Verwandter, der Trainer oder die Klavierlehrerin sein, erläuterte Maschke mit Beispielen. 

Dem gefährlichen „fremden Mann im Auto“ – vor dem Kinder zu Recht gewarnt werden – stehen laut der Referentin bis zu 90 Prozent Täter gegenüber, die ihre Opfer im privaten Bereich suchen und durch geschickte und langfristig angelegte Strategien auch finden. 

Macht wird ausgenutzt

Unter Missbrauch oder sexueller Gewalt an Kindern sei jede Handlung zu verstehen, die „an oder vor kleinen Mädchen und Buben gegen deren Willen vorgenommen wird“, erklärte Expertin Maschke. „Dies sind Handlungen, denen sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können.“ 

Der Täter oder die Täterin würden Macht- und Autoritätspositionen ausnutzen, „um ihre eigenen Bedürfnisse auf Kosten der minderjährigen Person zu befriedigen“. 

Bei unter 14-Jährigen sei grundsätzlich davon auszugehen, dass sie sexuellen Handlungen nicht zustimmen können. Solche Handlungen seien – wie Maschke unterstrich – immer als Gewalt zu werten. Die Täter gelten, wie die Referentin erklärte, als sexuell normal. Das bedeutet: diese sind – ob nun hetero- oder homosexuell – auf erwachsene Partner orientiert. Gegenüber Kindern wollen sie hauptsächlich ihre Machtgelüste ausleben. 

Signale ernst nehmen

„Nur selten sind Verletzungen erkennbar, die direkt auf sexuellen Missbrauch hinweisen“, weiß Maschke. „Auch eindeutige psychische Anzeichen gibt es nicht.“ Die Kinder und Jugendlichen könnten jedoch Symptome entwickeln, „die als Signale ernst genommen werden müssen.“ Auffälligkeiten könnten aber auch andere Ursachen haben – etwa Trauer über einen persönlichen Verlust. 

Die Referentin gab in diesem Zusammenhang den Tipp, sich hier „aufs eigene Bauchgefühl zu verlassen.“ Ein Kind entwickle Schuldgefühle und könne sich nicht selbst helfen, wie Maschke deutlich machte. „Kinder benötigen die Unterstützung einer ihnen zugewandten Bezugsperson.“ 

Es gelte, „Ruhe zu bewahren, auf keinen Fall eine verdächtige Person zur Rede zu stellen, sondern sich die passende Hilfe suchen. Wer bei uns anruft, bekommt schon innerhalb der nächsten Tage einen Termin“, teilte Maschke den Zuhörern mit. Die Beratung könne anonym erfolgen. „Wir haben auch keine Anzeigepflicht!“ Um das eigene Kind gut vor Übergriffen zu schützen, sei wichtig, die Täterstrategien zu kennen. 

Wichtig sei zudem, dass ein Kind im persönlichen Kontakt erfahre, dass es „Nein“ sagen darf, wenn es nicht kuscheln oder ein Küsschen geben will. Es sei zudem wichtig, vertrauensvoll über „gute“ und „schlechte Geheimnisse“ zu sprechen und darüber, dass „petzen und Hilfe holen nicht dasselbe sind.

 Zur Prävention ist es aus unserer Sicht sehr wichtig, sensibel über Gefühle zu sprechen und kindgerecht aufzuklären.“ Unbedarftheit sei schön und gut. „Doch ein Kind“, betonte Matsche, „sollte wissen, was im körperlichen Umgang normal ist. Wenn dies nicht klar ist, kann dies leicht böswillig ausgenutzt werden.“ Das Kind sollte zudem unbedingt wissen: niemand habe das Recht, ihm Angst zu machen. 

Die Beratungsstelle für Opfer sexueller Gewalt ist erreichbar unter der Telefonnummer 08341/90 803 13

Chris Friedrich

Auch interessant

Meistgelesen

"Feuer" im Museum
"Feuer" im Museum
Kompetent und informativ
Kompetent und informativ
Die Arbeiten beginnen
Die Arbeiten beginnen
Strafanzeige gegen Harald Vauk
Strafanzeige gegen Harald Vauk

Kommentare