Bewegende Erinnerungen

Zeitzeugen aus Füssen berichten über ihr Leben in der ehemaligen DDR

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In der Orangerie halten sie am vergangenen Samstagabend die Erinnerung an die Vergangenheit wach: Michael Kuhl (v. l.), Anja Thärigen, Doris Thiele, Uta Risse, Jörg Michelbach und Hans-Joachim Stein.

Füssen – Es dürfte wohl niemand der sechs Zeitzeugen, die den Fall der Berliner Mauer und den damit eingeleiteten Untergang der DDR in den Tagen um den 9. November 1989 noch als ehemaliger Bürger des SED-Staates miterlebt und darüber am Samstag im Rahmen des Vortrags „Stimmen aus der Diktatur“ in der Orangerie berichtet hat, der DDR nachtrauern.

Im Gegenteil: Während die aus dem Harz stammende und nun in Roßhaupten lebende Physiotherapeutin Anja Thärigen gestand, „sehr, sehr gerne hier“ zu leben, betonte der frühere Soldat der Nationalen Volksarmee, Hans-Joachim Stein, der jetzt in Schwangau wohnt, dass er und seine Familie damals zwar „völlig unbedarft“, aber immerhin „ins Paradies gestolpert“ seien. 

Ähnlich froh darüber, dem deutschen Arbeiter- und Bauernstaat vor 30 Jahren den Rücken gekehrt zu haben, äußerten sich denn auch Doris Thiele und Uta Risse, die beide mittlerweile seit langem in Füssen leben. Sie hatten es dabei im Vergleich zu manch anderem Referenten des rund drei Stunden langen Abends, zu dem etwa 60 Besucher gekommen waren, erheblich schwerer, sich in den Westen abzusetzen. So berichtete Thiele unter anderem über ihren Bruder, der ein Jahr im Gefängnis gewesen war, sowie davon, dass ihr wenige Monate vor dem Mauerfall noch die DDR-Staatsbürgerschaft aberkannt wurde. 

Richtiggehend flüchten musste sogar Risse, die zuvor einen Ausreiseantrag gestellt hatte, von dem sie jedoch ausgehen konnte, dass er nicht genehmigt werden würde. Über die Botschaft der Bundesrepublik in Prag setzte sie sich mit ihrem damals neunjährigen Sohn gen Westen ab. Still gebannt lauschend nahm das Publikum, das der Leiter des Füssener Museums, Dr. Anton Englert, zu diesem „denkwürdigen Jahrestag“ in der Orangerie begrüßt hatte, schließlich auch Risses Worte darüber auf, dass deren eigene Mutter sie als Stasi-Mitarbeiterin bespitzelt habe. 

Mit dem Trabbi nach Deutschland 

„Bei uns ging es fast problemlos im Vergleich dazu“, erklärte indes Jörg Michelbach, der als Pastor in der DDR tätig war. Er teilte mit, dass er bereits am 20. Oktober 1989 mit seiner Frau von Dresden aus mit seinem Trabbi zuerst nach Ungarn, dann nach Österreich und schließlich nach Bayern gefahren sei, „da dort die Lebenshaltungskosten so niedrig sind“, wie ihm damals jemand bei der Ankunft im Westen erzählt habe. 

Relativ wenig dramatisch waren auch die Schilderungen von Michael Kuhl, der schon zu DDR-Zeiten als Physiker arbeitete, was er nach seinem Umzug in die Füssener Region auch tat. Er kam mit seiner Frau einige Wochen nach dem Fall der Mauer in die Bundesrepublik Deutschland und konnte sich „die Wiedervereinigung zuerst gar nicht vorstellen“, wie er zugab. 

Wie seine Vorredner berichtete auch Kuhl weitaus länger und, wie die meisten anderen emotional ziemlich bewegt wirkend, über seine damalige Situation sowie seine Empfindungen zu jener Zeit, als Englert den Referenten ursprünglich zugestanden hatte. Infolgedessen hatte der aufmerksame Zuhörer das Gefühl, dass alle sechs ein großes Bedürfnis hatten, über die geschichtsträchtigen Geschehnisse von damals zu reden, auch wenn es dem ein oder anderen so ähnlich zu gehen schien wie Kuhl, der offen gestand, „ein bisschen nervös“ zu sein. 

Trotz teilweise unterschiedlicher Umstände, die sie dazu getrieben hatten, vor ungefähr 30 Jahren von Ost nach West zu siedeln, brachten Thiele, Risse, Michelbach, Stein, Thärigen und Kuhl an diesem Abend allesamt in etwa gleichem Maße ihre Freude darüber zum Ausdruck, wie gut sie in damals ihrer neuen Nachbarschaft angenommen worden seien.

ed

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