Historiker Magnus Peresson erzählt von der Krippe der Franziskaner

Ein Zeugnis religiöser Volkskunst

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Die Krippenfiguren von St. Stephan haben sowohl Künstler als auch Laien geschaffen. Die Figuren sind beweglich. Ihre Köpfe wurden entweder aus Holz geschnitzt oder aus Wachs geformt.

Füssen - Heute berichtet der Füssener Architekt und Historiker Magnus Peresson über die Krippe der Franziskaner.

Die Zeiten, als an Weihnachten die Schneehaufen so hoch waren, dass ein Erstklässler nicht darüber hinwegschauen konnte, als Menschen weder Fernseh- noch Radiogräte kannten und als man sich am Abend in den Stuben unter einer Petroleumlampe zusammen drängte, sind so lange noch nicht her. Für die Kleinen war das auch eine Zeit der Geheimnisse. Gebannt lauschten sie, was die Großen redeten. Sie waren begierig darauf, von der Oma Geschichten zu hören, die manchmal so gruselig waren, dass keines sich später mehr allein in seine Kammer traute. 

Da erfuhr man auch, dass es bei den „Franzgalar z’ Fiesse“ eine riesige Weihnachtskrippe gebe, nicht nur mit Maria und Joseph und dem Jesukindlein, mit Engeln mit silbernen Flügeln und goldenen Haaren, und mit vielen großen und kleinen Hirten sowie ihren Ziegen und Schafen, sondern auch mit prächtig gekleideten Königen, mit Elefanten, Kamelen und feurigen Rössern, mit Häusern, die aussahen wie in Nazareth oder Bethlehem. 

In diesen Zeiten galt die große Krippe der Franziskaner noch als ein kleines Wunder. Und so kamen vor allem kurz nach dem Dreikönigstag Scharen von kleinen und großen Besuchern zur Füssener Stephanskirche. Sie pilgerten über verschneite Wege bis von Seeg oder Halblech her, von Rieden und Roßhaupten. Manchmal brauchten sie über zwei Stunden, um ans Ziel zu gelangen. Auf dem Heimweg mussten sie oft durch tiefe Dunkelheit und klirrende Kälte. Aber zwischen den beschwerlichen Wegen lag das Wunder der großen Krippe von St. Stephan.

Eine heimische Landschaft

Zeitig vor dem Heiligen Abend hatte es vieler Hände und starker Arme bedurft, um unter der Anleitung des Paters aus dem Kloster, der für die Krippe zuständigen war, zuerst die Kulissen aus dem Stadtmauerturm zu holen, die Bühne mit schweren Brettern für den festen Boden herzurichten und leichte Lattengerüste außen aufzubauen, um daran den Himmel aus blauen Tüchern zu spannen. Dazu kamen die Wurzeln knorriger Bäume, Schachteln voll mit Moos und Kisten voller Tuffsteine. Jemand hatte auch respektable Wacholderbäumchen in den Lechauen unterhalb von Horn geschnitten. Das Ganze musste zu einer phantastischen Landschaft zusammen gebaut werden. 

Am Ende war eine Szenerie zu sehen, die zwar wie das Land vor den heimischen Bergen aussah, doch die Architektur des Stalles und der gemalte Hintergrund verrieten, dass man sich im Morgenland befand. Ganz zum Schluss wurde auf der rechten Seite eine kleine Kirche aufgestellt und zuletzt ein großes Gitter eingesetzt. So wollte man verhindern, dass eine unbefugte Hand die überkommene Ordnung durcheinander bringt. Die Reihe der Darstellungen begann üblicherweise zeitig vor Weihnachten mit der Herbergssuche, sie setzte sich fort mit der Heiligen Nacht, der Anbetung der Hirten und als prachtvollste Inszenierung überhaupt, der Aufmarsch der heiligen drei Könige. 

Viele Szenen

Es folgten die Flucht nach Ägypten bestückt mit allerlei exotischen Tieren, der grausame Kindermord, das stimmungsvolle Haus Nazareth und der zwölfjährige Jesus im Tempel. Mit der Hochzeit zu Kanaan endete das Krippenjahr noch vor dem Beginn der österlichen Zeit. Die vielen Szenen lockten somit mehr als ein Vierteljahr Besucher auch außerhalb der Gottesdienste an. Als zwischen 1932 und 1937 die Witwe des Füssener Kunstmalers Oskar Freiwirth – Lützow den 127 Figuren umfassenden Bestand restaurierte, befasste sich erstmals eine kunstsinnige Person mit der Provenienz der Figuren, die aus verschiedenen Zeiten und aus unterschiedlichen Händen stammen. 

Das Besondere an den rund 30 Zentimeter hohen Figuren ist, dass sie beweglich sind. Sie können deshalb unterschiedlich aufgestellt werden. Exotische Tiere Der Korpus der Figuren besteht dabei meist aus einem Stück Holz. Geschnitzte Hände und Füße wurden mit Draht am Rumpf befestigt und das Ganze geschickt mit Stoffen bekleidet. Die Köpfe sind entweder gefasstes Schnitzwerk oder geformtes Wachs, das mit echtem Haar versehen ist. Der Augenschein verrät, dass an einigen der Köpfe Künstlerhände tätig waren. Ebenso lassen sich die Produkte begabter Laien erkennen. Der Frater Castus Scheiffholz etwa formte in der Zeit des ersten Weltkrieges eine Reihe meisterhafter Wachsköpfe. Dabei fügte er der Kindermordgruppe zwei Frauen mit schmerzverzerrten Gesichtern und fließenden Tränen hinzu. 

Für Kinder war es vor allem die Menagerie, die sie neugierig machte. Dies betraf weniger Schafe oder Pferde, Ochs und Esel, die man ja schon kannte. Das Interesse galt den Kamelen und Dromedaren, die man nur vom Hörensagen kannte und die man sich nur schwer vorstellen konnte, vor allem aber gefielen ihnen die Elefanten. Es gab sie in verschiedenen Größen. Einige trugen allein das üppige Gepäck des Mohrenkönigs. Auf einem anderen war der König sitzend aus der Wüste gekommen. Kaum ein Mensch hatte damals einen lebenden Elefanten oder gar ein echtes Dromedar gesehen. 

So war es aber auch dem einen oder anderen Bildschnitzer ergangen. Ohne konkrete Vorlage musste er allein nach stümperhaften Beschreibungen solch ein Tier aus einem Klotz Lindenholz schneiden. Interessant waren auch die wilden Tiere, die die Flucht der heiligen Familie nach Ägypten bedrohten: Affen und furchterregende Löwen. Die waren mitunter aus Pappmaschee geformt und einst von einem Pater in Oberammergau oder auf dem Christkindlmarkt in München erworben und mitgebracht worden. 

Spende des Königs 

Laut mündlicher Überlieferungen kannte die bayerische Königin Marie die Krippe der Franziskaner. Sie wünschte sich an die üblichen Darstellungen der Krippentradition die ungewöhnliche Darstellung einer Fronleichnamsprozession anzufügen. Es wurde mitunter auch behauptet, dass ein Teil der Figuren eine Schenkung der Königin sei. Nun ist bekannt, dass in den 1850er Jahren der tiefgläubige König Maximilian mit seiner Frau Marie und den beiden Söhnen in München in Kirchen und Bürgerhäusern zum „Krippenschauen“ ging. So verwundert es nicht, wenn König Ludwig II. 1872 nach Oberammergau fuhr, um die dortige Kirchenkrippe zu besichtigen. Die mit 200 beweglichen Figuren bestückte, prachtvolle Krippe bildet das Hauptstück der Ammergauer Krippensammlung des Heimatmuseums. 

Es ist sicher, dass auf Grund der engen Bindung zum Kloster der König auch die Krippe der Füssener Franziskaner kannte. Das Gerücht um die geschenkten Figuren der Königinmutter lässt sich unschwer mit wenigstens zwei bekannten Spenden Ludwig II. an das Kloster in Verbindung bringen. So schenkte der König den Franziskaner an Weihnachten 1878 und 1879 jeweils 1000 Mark, was einem Wert von derzeit 20.000 Euro entspricht. 

Unbeliebte Darstellung

Man wird nicht fehl gehen, dass die Patres einen Teil dieser Summe zur Bereicherung ihrer Krippe verwendeten und damit den Wunsch der Königin nach einer Fronleichnamsprozession erfüllen konnten. Diese Figuren zeichneten sich durch ihre besondere, meist städtische Bekleidung aus. Sie gefielen jedoch so wenig, dass man bald auf ihre Aufstellung verzichtete. Freiwirth – Lützow fand im Bestand Männer in altspanischer Tracht und Halskrausen und sie erkannte in den Kleidern der Frauen die Mode der Zeit um 1870 – der Zeit der Königinmutter. 

Viele Jahre lang empfanden es Füssener als Ehre dem Pater, der für die Aufstellung der Krippe zuständig war, dabei zu helfen, ob dies der Orgelbauer Franz Sales Müller war, der Schreinermeister Xaver Filser, Malermeister Hans Fendt oder der Bleicher Matthias Seelos. In jüngerer Zeit bemühten sich der Sattlermeister Martin Huber und anschließend wohl fünfzehn Jahre lang Annelies und Fredl Hofmann um dieses einmalige Erbe. Franz Nagel und eine fleißige Schar Freiwilliger haben zuletzt die Sorge um die Krippe übernommen und jüngst für eine dauerhafte und schonende Aufstellung gesorgt. Damit ist dieses einmalige Zeugnis religiöser Volkskunst für Jahrzehnte gesichert.

Magnus Peresson

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