Serie "Füssen und seine Historie"

Die Schöne und der Fürst

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Crescentia von Oettingen-Wallerstein wurde im Kloster St. Mang in Füssen geboren. Weil der bayerische König Ludwig I. ihre Schönheit schätzte, ließ er sie 1833 malen.

Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Deshalb stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Heute erzählt Architekt und Historiker Magnus Peresson über die schöne Crescentia von St. Mang in der Schönheitsgalerie König Ludwig I..

Mit der Säkularisation, der Aufhebung aller geistlichen Fürstentümer und Besitzungen in Bayern 1802/03, war auch das Ende des fast tausend Jahre lang bestehenden Klosters des heiligen Magnus in Füssen gekommen. Was die bayerische Regierung unter dem maßgebenden Minister Montgelas seinerzeit als Fortschritt feierte, erwies sich in der Rückschau fast immer als katastrophaler Einschnitt in bewährte, in Jahrhunderten gewachsene Herrschafts- und Lebensformen. 

Für Füssen bedeutete die Säkularisation der Wegfall des bedeutendsten Arbeitgebers der Stadt und der Verlust der großen Getreidehöfe im schwäbischen Unterland, der Weingüter in Südtirol, sowie der Schweighöfe Eschach und Niederried. Eine wirtschaftliche Verarmung folgte, von der sich Füssen viele Jahrzehnte nicht mehr erholen konnte. Der kulturelle Kahlschlag dauert bis zum heutigen Tag an. 

In die verlassenen Klosteräume zog nun das Geschlecht der Oettingen-Wallerstein ein, das im Ries beheimatet war. Das hatte neben St. Mang noch weitere vier Klöster erhalten. Damit verbunden waren fünf üppig bestückte Klosterbibliotheken, war kostbares, kirchliches Gerät und waren Kunstwerke von unschätzbarem Wert. Die Familie konnte in einem Überfluss schwelgen, der jegliche Vorstellung von Bürger- und Bauerntum übertraf. 

Schönheit früh entdeckt 

Das Adelsgeschlecht hatte einem vor der französischen Revolution geflohenen Royalisten und Weingutsbesitzer, Nicolas Bourgin, zur Sicherung seiner Existenz die Stelle eines Hofgärtners übertragen. So hatte Bourgin auch in Füssen zu tun. Zeitweilig wohnte er in den Räumen des ehemaligen Klosters. Am 3. Mai 1806 wurde hier Nicolas Tochter geboren, das den Namen Crescentia erhielt. 

Als Elfjährige lernte sie, vermutlich in Füssen, ihren späteren Ehemann kennen, den zu diesem Zeitpunkt 26-jährigen Fürsten Ludwig. Der erkannte die noch schlummernde Schönheit des Mädchens und empfand sofort eine tiefe Zuneigung zu der Kleinen. So fasste er einen für sie schicksalhaften Plan: Er ermöglichte ihr eine sechs-jährige, standesgemäße Ausbildung in einer Erziehungsanstalt in Paris. 

Verzicht auf Erbrecht 

Nach ihrer Rückkehr verlobte sich Ludwig mit Crescentia und noch im gleichen Jahr, am 7. Juli 1823 heirateten sie. Die Verbindung des Fürsten mit Crescentia Bourgin war „morganatisch“, also unter dem Stand des Ehemanns. Deshalb musste Ludwig von Oettingen-Wallerstein auf sein Erstgeburtsrecht verzichten, er verlor das ihm auf Lebensdauer verliehene Kronamt des Obersthofmeisters und darüber hinaus wurde seine Apanage (Abfindung der nichtregierenden Mitglieder eines Adelsgeschlechts mit Besitz) drastisch gekürzt. 

1825 bestieg König Ludwig I. den bayerischen Thron. Der liebte das schöne Geschlecht im Übermaß und er schätzte Männer, die der Liebe zu einer Frau wegen bereit waren, auf Stand, Ansehen und Vermögen zu verzichten. Die Folge für den Fürsten von Oettingen-Wallerstein war, dass der König ihn schon 1828 in das entzogene Amt des Oberhofmeisters wieder einsetzte und ihn zum Regierungspräsidenten des Oberdonaukreises (der in etwa dem heutige Regierungsbezirk Schwaben entsprach) machte. 

König beauftragt Maler 

Drei Jahre später, 1831, stieg der Fürst zum Innenminister auf, er war in den Jahren 1846/47 Gesandter in Paris und blieb bis zur Abdankung Ludwigs 1848 in höchsten königlichen Diensten. Dazu kam, dass der bayerische König unter anderem für die Bestückung der von ihm erbauten (Alten) Pinakothek die Kunstsammlung des Fürsten zum Gegenwert von 54.000 Gulden übernahm. 

Crescentia, die mit ihrem als „edel“ bezeichneten Gemahl ein schönes Bild abgab und zu den Spitzen der Gesellschaft gehörte, konnte in München nun ein Leben in Luxus führen. Wegen ihres glänzenden Aussehens fesselte sie schon bald den Kennerblick des Königs, der die 27-Jährige 1833 von Joseph Stieler malen ließ. Das Bild zeigt sie in einem dunkelroten Samtkleid mit gleichfarbigen Schleifen. Die üppigen, dunkelblonden Haare sind zu Locken gedreht, von der hochgesteckten Flechtenkrone fließt ein blumendurchwirkter Schleier über die nackte Schulter. Die Stirn schmückt eine kostbare Perlenkette. 

Voller Herzensgüte 

Von ihren Zeitgenossen wurde Crescentia von Oettingen-Wallerstein als stille, schüchterne Frau von großer Herzensgüte geschildert. Während der Cholera-Epidemie 1836 versuchte sie zusammen mit ihrem Mann soweit es in ihrer Macht stand, die Not der leidenden Bevölkerung zu lindern. Crescentia mit nur 47 Jahren am 22. Juni 1853 an einem Herzschlag. Ihr Mann überlebt sie um 17 Jahre. 

Wie sehr ihm seine Frau eine lebenskluge Stütze gewesen sein musste, zeigte sich anschließend. Nachdem er sich aufgrund ungeschickten politischen Verhaltens und durch Grundstücksspekulationen ruiniert hatte, musste er von materiellen Sorgen gebeutelt Unterschlupf im Haus des Schwiegersohns in Luzern suchen. 

Schlittenfahrt im Sommer 

Cescentia von Oettingen-Wallerstein hatte ihrem Mann zwei Töchter geboren. Die jüngere starb mit nur acht Jahren. 

Die Ältere, die am 19. Dezember 1824 auf die Welt kam, wurde auf den Namen Caroline getauft. Sie heiratete 1843 Hugo Philipp, den regierenden Grafen von Waldbott-Bassenheim zu Buxheim und Heggbach, Erbritter des Deutschordens. Das Paar lebte im oberbayerischen Hohenaschau in Saus und Braus. Der Fürst machte unter anderem von sich reden, als er mit seinem prunkvollen neuen Schlitten gleich eine Probefahrt unternehmen wollte. Das Problem: Er wurde mitten im Sommer aus Russland geliefert. Deshalb ließ er von der Reichenhaller Saline hundert Fuhren, geschätzte zweitausend oder mehr Zentner, feinstes Salz in den Gutshof schaffen und damit eine Schlittenbahn aufschütten. Gemahlin Caroline schrieb anschließend an ihre Mutter: „Wir haben gestern zwischen Margariten und Glockenblumen, auf denen die Schmetterlinge sich wiegten, die bezauberndste Schlittenfahrt unseres Lebens gemacht. Ich hielt meinen Sonnenschirm dabei aufgespannt…“ 

In Galerie verewigt 

Wen wundert es, wenn angesichts solcher Extravaganzen und solch sinnloser Verschwendung, wenn nach den unseligen Kriegen von 1866 und 1870/71 und einem von dem bayerischen Hochadel begeistert mitgetragenen Weltkrieg, das bodenständige Bayern 1918 sich einer derartig dekadenten Gesellschaft entledigte? Wenn ein Füssener heute in Schloss Nymphenburg an den Portraits der „Schönen Münchnerinnen“ entlang flaniert und vielleicht vor dem Bild Crescentias von Oettingen-Wallerstein einen Moment länger verweilt, wird er wohl kaum einen Gedanken daran verschwenden, dass diese schöne Frau in den Mauern von St. Mang geboren wurde. In dessen weiten, stillen Gängen machte sie ihre ersten Schritte, hier sprach sie die ersten Worte in ihrer französischen Muttersprache und vielleicht blickte sie im Brunnenhof zum ersten Mal in die blitzenden Augen ihres späteren Gemahls. Crescentia von Oettingen-Wallerstein war eine Frau, die man in Füssen nicht vergessen sollte.

Magnus Peresson

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