Serie: Füssen und seine Historie - Die Herkunft des Füssener Stadtwappens

Drei "Fieß" für "Fiesse"

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Das älteste Siegel der Stadt Füssen.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Füssener Altstadt zu einem historischen Kleinod. Unter „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte und Ereignisse vor. Magnus Peresson berichtet in dieser Ausgabe über das Wappen der Stadt Füssen und den Ortsnamen „Fiesse“.

Kein Fremder und auch nur die Einheimischen, die aus dem lebendigen Fluss der Füssener Mundart schöpfen, sind in der Lage, den Unterschied zwischen „Fieß“ und „Fiesse“ zu erkennen. Die Worte, die fast gleich klingen, entstammen zweier gegensätzlicher Sprachen und haben deshalb unterschiedliche Bedeutungen. Der Ortsname „Fiesse“ hat nichts mit den Gehwerkzeugen des Menschen zu tun, die man in Füssen „Fieß“ nennt und die für den Füssener von der großen Zehe bis hinauf zur „Grattl“, dem Schritt, reicht. „Fiesse“ gehört einer anderen, sehr viel älteren Sprache an als die „Fieß“. 

Der feine Unterschied zwischen Fieß (Füße) und Fiesse (Ortsname) war auch jenem Schreiber der kaiserlichen Kanzlei fremd, der vielleicht wie sein König, Rudolf von Habsburg, aus dem Bodenseegebiet stammte, vielleicht auch aus der Kaiserstadt Frankfurt oder aber dem Ort der Kaiserkrönung, Aachen. Dieser Unbekannte musste dem kleinen, am oberen Lech gelegenen Ort, der vermutlich beim Augsburger Reichstag 1286 zur Stadt erhoben worden war und dessen Bewohner ihn „Fiesse“ nannten, ein Stadtwappen verleihen. Da er die beiden Begriffe aber nicht unterscheiden konnte, bestimmte er ein auf dem ganzen Kontinent bekanntes, uraltes Symbol zum Wappen der neuen Stadt: Drei auf eigenartige Weise zusammengefügte Beine. 

Den Ortsnamen „Fiesse“ zu deuten, hat es in der langen Geschichte Füssens an vielen Versuchen nicht gemangelt, mitunter waren darunter auch schlichtweg unsinnige. Die erste Auslegung ging auf die Mönche des Klosters St. Mang im ausgehenden 9. Jahrhundert zurück, die eine Lebensbeschreibung des heiligen Magnus zu verfassen hatten. Was sie, die meist von weit herkamen und deshalb die Sprache der Einheimischen nicht oder nur schwer verstanden, hörten, „Fiesse“, versuchten sie mit den besten Absichten in eine ihnen sinnvoll erscheinende Form zu übertragen. Und da sie sich der Sprache der Gelehrten, des klassischen Latein bedienten, wurde aus dem für sie seltsam klingenden „Fiesse“ in der schriftlichen Form der Magnusvita ein „fauces“, der lateinische Begriff für Schlucht. 

Unterschiedliche Sprachen 

Unter den Auslegungsversuchen der jüngsten Zeit konnten auch die der renommierten Etymologen Thaddäus Steiner und Alexander von Reitzenstein, nicht überzeugen. Die stimmigste Deutung, die bisher aber von keiner Koryphäe der Zunft zur Kenntnis genommen wurde, gelang dem Füssener Philologen Christoph Böhm. 2001 hatte der Historische Verein Alt Füssen Böhms Interpretation publiziert. Böhm, der aus Füssen stammt, hat die heimische Mundart mit der Muttermilch aufgenommen und sich später Latein angeeignet. Damit erfüllte allein er die Voraussetzungen für eine nachvollziehbare Bewertung des Begriffs „Fiesse“ und seine bis dato rätselhafte Herkunft. 

Nachvollziehbar auch für den Laien beleuchtete Böhm, welcher Sprache sich die Elite Roms zur Zeit Christi Geburt bediente, also in jener Zeit als die Römer das Füssener Land besetzten, und welcher das einfache Volk. Auch, wie sich die Sprache im Laufe der 500-jährigen Besatzung veränderte, wie die klassischen Schriftsteller schrieben und wie Sklaven und Legionäre redeten.

Lager an der Schlucht

Dabei muss man berücksichtigen, was die ersten römischen Soldaten nach der Durchquerung der damals als schrecklich geltenden Alpen wohl empfanden, als die Berge abrupt endeten und der Blick nach langen Märschen endlich wieder über flaches Land ging? Wie waren ihre Eindrücke beim Anblick des ungewöhnlich wilden Flusses, dem sie folgten? Ein Fluss, der zuerst in einem ungewöhnlich breiten Bett mäanderte, dann über einen Wasserfall stürzte, in einer engen Klamm zwischen senkrechten Wänden hin und her geworfen wurde, um endlich ins Weite zu strömen. Das, was die Menschen am Ende eines langen und mühseligen Weges durch die Berge am meisten beeindruckt hatte – und daran sollte sich viele Jahrhunderte nichts ändern – war die Schlucht. Gegenüber dieser Schlucht erhob sich ein Bergsporn, den man vermutlich schon in der ersten Phase der Besetzung angemessen befestigte.

Dieses Lager nannten die Legionäre aller Wahrscheinlichkeit nach „castellum faucibus situm“ (an der Schlucht gelegen) oder militärisch kurz „fauces“ (gesprochen: faukes). Bald änderte sich der Name zu „foces“ und weiter zu „foetes“, das wie „fotses“ gesprochen wurde. Später, als die einstigen Besatzer das Land den Alamannen überlassen mussten, da benutzten diese zwar den für sie unverständlichen Ortsnamen weiter, aber ihre Zunge verschliff ihn bald zu „Fiesse“. 

Überall, wo die Römer einst Namen gebend aufgetreten waren, erschien für eine ähnlich unverwechselbare Landschaftsform wie in Füssen der Begriff „fauces“ und überall veränderte sich der Name im Laufe der folgenden Jahrhunderte in ähnlicher Weise. Der Klang aber blieb und er schimmert in den Sprachen und Dialekten noch heute durch. So überrascht im obersten Friaul auf dem Weg von Sappada nach Tolmezzo ein Weiler mit dem Namen „Vuezzis“, unterhalb des Plöckenpasses bei Cedarcis eine Flur „Fuessis“, in Südtirol ein Vezzan, ein Vezzano westlich Trient und zwischen Padua und Venedig die Fraktion „Fiesso d’ Artico“. Allen Lokalitäten gemeinsam ist, dass sie hoch über einem tief in die Landschaft eingeschnittenen Fluss- oder Bachlauf liegen, an einer Schlucht oder an einem hier in ungewöhnlicher Richtung (artico = Norden) verlaufenden Graben bzw. Kanal. 

Falsch interpretiert 

Das Füssener Wappen wurde auf Grund einer Fehlinterpretation des Ortsnamens verliehen. Die drei Beine oder „Fieß“ gehen auf ein uraltes Sonnensymbol zurück, auf die schon von den Kelten geschätzte, zuerst rein ornamental verwendete Triskele. Mit keltischen Volksgruppen oder keltischen Söldnern wanderte die Triskele durch ganz Europa und gelangte bis in die heutige Westtürkei. Hier wurden aus den Kelten die Galater, die später durch die Briefe des heiligen Paulus bekannt wurden. Wachsender Landmangel im Mutterland zwang die Griechen der klassischen Antike dazu, die Küsten von Kleinasien zu besiedeln, wo Kontakte zu Galatern und Triskele zustande kamen. Die auch hier rasch anwachsende Bevölkerung führte bald zur Kolonisation von Süditalien und Sizilien. Im Gepäck der Auswanderer erreichte das Dreibein den zentralen Mittelmeerraum. 

Der Warenaustausch zwischen den griechischen Siedlern und den in Mittelitalien ansässigen Etruskern brachte letzteren edle Töpferwaren, feinste Schalen und große, oft mit mythischen Szenen bemalten Krüge, Gerätschaften, die in den etruskischen Totenstädten die Jahrhunderte überdauerten. Mitunter erschien auf großen, primär der Repräsentation dienenden Gefäßen, sogenannten Kratern, auch die Triskele. Zu den Schätzen der berühmten Villa Giulia in Rom zählt ein Krater aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, der einen behelmten, Speer tragenden Krieger zeigt. Auf dessen Schild drehen sich, in schwarzer Engobe aufgetragen, drei auffallend schlanke Beine. 

Stießen diese in der Antike einfach zusammen oder wurden sie durch ein Dreieck getrennt, so gehen sie in der späteren sizilianischen Variante von einem Frauengesicht mit zwei Schlangen im Haar – der Medusa – aus, ein Motiv der griechischen Mythologie. 

Rückkehr der Triskele 

Mit den römischen Legionen kehrte das Dreibein nach Mitteleuropa zurück, bis zur Isle of Man in der britischen See. Außerhalb des lateinischen Kulturkreises erscheint es am Altartisch der Michaelskirche von Krummin auf der Insel Usedom. Es war wohl die Lage im Meer, die hier die Beine in drei Fische mit nur einem Kopf verwandelt hat. Die kraftvollste aller Spielarten der Triskele, des Dreibeins, aber tritt uns im ältesten Siegel der Stadt Füssen entgegen: Die gut geformten Beine besitzen so mächtige Oberschenkel, dass sich ein Mittelstück erübrigt.

Magnus Peresson

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