Serie "Füssen und seine Historie": Das Hohe Schloss und der Storchenturm

Alles beginnt mit der "schrecklichen Zeit"

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Der Storchenturm mit dem Baugerüst von der Hinteren Gasse aus gesehen. Großflächig lose gewordener Verputz musste in den vergangenen Monaten saniert werden.

Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Der Kreisbote stellt deshalb in seiner Serie historische Orte vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute schildert er, wie das Hohe Schloss mitsamt seines Storchenturms entstanden ist.

Mehr als 30 Meter über dem Steilhang des Schlossberges an der Ritterstraße beherrscht der Storchenturm des Hohen Schlosses das Stadtbild Füssens. Wenn er im Hochsommer am späten Nachmittag noch von der Sonne bestrahlt wird, ist er schon von den Höhen bei Seeg oder von der Straße oberhalb von Trauchgau aus sichtbar. Die Anfänge des Schlossbaus liegen in jener wilden Zeit, die von den Historikern gerne als die „schreckliche, die kaiserlose Zeit“ bezeichnet wird. Es waren turbulente Jahre, die dem Tod des letzten Hohenstaufen, Konradin, folgten. 

Der hatte am 28. Oktober 1268 im Alter von erst 16 Jahren auf dem Marktplatz von Neapel Kopf und Leben verloren und damit in der Heimat einen erbitterten Streit um sein Erbe ausgelöst. Darin verwickelt war der eigentliche Herr des Landes, der Bischof von Augsburg, des weiteren der Onkel des Verstorbenen, Herzog Ludwig II. von Bayern und schließlich der Stiefvater, Graf Meinhard II. von Tirol. Die Besitzverhältnisse waren kompliziert. Das Testament Konradins, das unter den Einflüsterungen seitens des Bayernherzogs verfasst worden war, war aus verschiedenen Gründen fragwürdig und deshalb weitgehend ungültig. 

Nachdem die Nachricht vom Tod Konradins in München eingetroffen war, setzte der so machtbesessene wie brutale Ludwig rücksichtslos seine Interessen durch. Diese betrafen vor allem die Ausweitung Bayerns über den Lech und sie verletzten die Rechte des Bischofs von Augsburg in grober Weise. 

Bauarbeiten beginnen 

Schon im Frühjahr 1269 überschritten Ludwigs Truppen die Grenze und setzten sich an Schlüsselstellen fest. In Füssen begann unter einem Großaufgebot von Arbeitern der Bau einer Burg auf dem Schlossberg. Der Bischof von Augsburg setzte sich mit Vehemenz zu Wehr und nach einem kurzen, schrecklichen Krieg musste der Bayernherzog klein beigeben. Am 31. März 1270 kam es in Augsburg zu einem Friedensvertrag. Die Mauern, die in der ersten Bauphase von März bis November 1269 errichtet wurden, waren nur das klägliche Fragment einer Burg. Und sie blieben es bis zur Erhebung Füssens zur Stadt durch König Rudolf von Habsburg. 

Unter seiner Herrschaft wurde bis 1286 nun der Ort mit einer Mauer umgeben, die auf dem Schlossberg ihren Anfang nahm und sich dort auch wieder schloss. Der 1270 unterbrochene Burgenbau wurde zu Ende gebracht und vermutlich der Reichslandverwaltung unterstellt. Als König Rudolf im Juli 1291 starb, wurde Herzog Ludwig die Reichsverwesung übertragen. Denn er war auch Pfalzgraf zu Rhein und an dieses Amt war die Reichsverwesung gekoppelt. Wieder kam es zum Übergriff auf Füssen und seinen Schlossberg. 

Ludwig scheitert erneut 

Herzog Ludwig versuchte wie schon 22 Jahre vorher mit einer Vielzahl von Arbeitern, die Gebäude auf dem Berg mit einer Mauer entlang der Plateaukanten von der Stadt abzutrennen, damit eine echte Burg zu schaffen. Wieder scheiterte Ludwig am Widerstand des Bischofs. In dem 1292 geschlossenen Vergleich von Friedberg verzichtete der Bayernherzog ausdrücklich darauf, den Berg weiter zu bebauen, auf dem er oberhalb von Füssen gebaut hatte. Aber erst 1322, als der Bischof von Augsburg den Berg und seine Gebäude von dem rechtmäßigen Besitzer, dem Kloster St. Mang, durch Tausch erwerben konnte, kehrte Ruhe im Land ein. 

Im ersten Bauabschnitt, 1269, konnten die Mauern des damals noch frei auf dem Berg stehenden Storchenturmes nur bis zur Höhe eines einzigen Stockwerkes gebaut werden. Obwohl an den Turm später an zwei Seiten Flügelbauten angefügt wurden, hat sich im anschließenden Pferdestall die ursprüngliche Südostecke mit den für diese Zeit charakteristischen Buckelquadern erhalten. 

Unter der Verwaltung des Reiches setzte man 1286 zwei Geschosse auf und machte den Turm damit erst bewohnbar. Man betrat diesen damals von der Südseite her durch eine niedere Pforte. Weil das Gelände steil nach Norden abfiel musste man dann durch zwei gewölbte Keller mehr als drei Meter absteigen, um von dort über eine in der Nordostecke eingebaute, enge Wendeltreppe die oberen Stockwerk zu erreichen. 

Wehrhafte Burg entsteht 

Nachdem der Bischof von Augsburg in den Besitz des Berges gekommen war, ließ er bauen. So wurde aus der bisherigen, bescheidenen Anlage eine wehrhafte Burg. Dem Storchenturm wurde nun ein weiteres Geschoss aufgesetzt, in dem Räume mit großen Fenstern für den Landesherren entstanden. Von da an nannten die Füssener den Turm „Hohes Haus“ oder „Hoher Hans“. Eine nochmalige Erhöhung erfolgte in den Jahren zwischen 1490 und 1503. In dieser Zeit war ein repräsentativer Nordflügel als standesgemäße Sommerresidenz für den Bischof von Augsburg entstanden. 

Die dadurch frei gewordenen alten Räume im Storchenturm und die neu hinzu gekommenen wurden nun mit schön getäfelten Wänden abgeteilt und die Decken mit schweren profilierten Leisten verziert. Im Nordwestzimmer des dritten Obergeschosses wurde gar ein prachtvolles, gotisches Netzgewölbe nachgeahmt. Diese stilvollen Räume dienten nun als Gästezimmer für hohen Besuch, so dass der alte Name, Hohes Haus, seine Gültigkeit behalten konnte. 

Der prominenteste der Gäste, die dort logierten, war Kaiser Maximilian I.: Dieser nächtigte dort wohl mehr als ein Dutzend Mal, zum letzten Mal im Sommer 1518. 

Nur gebückt in den Saal 

Das oberste Geschoss nahm ein einziger Raum ein, der „Storchensaal“. Der lichte Raum bot eine Rundumsicht, die bis zur heutigen Wieskirche reicht. Nach allem was bekannt ist, ist der Saal nie vollendet worden. Dies lag daran, dass man ihn nur auf einem seltsamen Weg, vom obersten Dachboden des Nordflügels aus und da an nur gebückt, erreichen konnte. 

Erst als auf Anweisung König Ludwig I. von Bayern eine steile Wendeltreppe in einem engen hölzernen Gehäuse errichtet worden war, war der Saal auch für festlich gekleidete Besucher zugänglich. So ließ hier am 16. Dezember 1843 Kronprinz Maximilian die Vertreter der Füssener Hautevolee zu einem festlichen Mahl um sich versammeln, wofür man den sonst eiskalten Saal provisorisch zu heizen versucht hatte. Allein der Transport der Speisen von der Schlossküche, die im Erdgeschoss des Nordflügels lag, in den Saal muss eine logistische Meisterleistung gewesen sein. 

Vor mehr als 500 Jahren hatte man zwischen die Westmauer des Turmes und der vorgelegten Zwingermauer hoch über der Baumgartenschlucht aber tief unter dem schmalen Schlosshof einen Eiskeller eingebaut, der heute zwar nicht mehr zugänglich, aber immer noch vorhanden ist. Hier wurden Eisblöcke, die im zeitigen Frühjahr an den Seen der Umgebung ausgesägt wurden, für die Konservierung von Lebensmitteln eingelagert. 

Im Winter 1966/67 wurde in dem Turm eine feuersichere Treppe eingebaut. Diese dient den Besuchern der Filialgalerie der Bayerischen Staatsgemäldesammlung als Fluchtweg. Dabei wurden die Kellergewölbe mit unzähligen Wagenladungen Lechkies aufgefüllt. Die modernisierten Räume, die von dem neuen Treppenhaus verschont gebliebenen sind, dienen heute dem Kastellan des Schlosses als Wohnung. 

Wann sich der Name „Hohes Haus“ verlor, ist nicht bekannt. Seit um 1550 schwindelfreie Zimmerleute Wagenräder für den Nestbau am First befestigt hatten, gehörten Störche zum Bild des Turmes und es bürgerte sich der Name „Storchenturm“ ein. Zu den Dimensionen des Bauwerks: Allein die schlanken Fialen, die den Treppengiebel gliedern, sind mehr als mannshoch. 

Inhaftierter entkommt 

In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gelang es einem Hamburger Zimmermann, der seine Straf im Gefängnisturm absaß, zu fliehen. Er war durch eine Dachluke geschlüpft, über Traufrinnen, Fallrohre und Blitzableitergestänge geklettert und hatte sich zuletzt wie ein Reiter auf den First des Storchenturms geschwungen. Ein Zeitzeuge konnte sich vor einem guten halben Jahrhundert noch gut daran erinnern, dass der Unerschrockene von seiner luftigen Höhe aus ein Lied geschmettert habe, das man in der ganzen Stadt, die noch von keinem Maschinenlärm durchdrungen war, hören konnte: „Harre aus, meine Seele“.

Magnus Peresson

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