Serie: Füssen und seine Historie

Kapelle des heiligen Michael in St. Mang:  Ein verschollener Sakralbau.

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Der Ausschnitt aus der Stadtansicht 1546 zeigt die Anlage des Klosters St. Mang mit dem darüberliegenden Hohen Schloss. Östlich der Klausur lag die heute verschwundene Kapelle des heiligen Michaels (im Kreis) mit ihrem steilen Dach. Das Untergeschoss diente als Beinhaus für den benachbarten Friedhof.

Füssen – Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson erzählt heute über die Kapelle des heiligen Michael in St. Mang.

In der Schatzkammer des Museums der Stadt Füssen ist eine Holzfigur zu finden, die offensichtlich viele Jahre dem Wetter trotzte. Vom Regen getränkt, der Sonne geröstet und vom Wind gedörrt durchziehen sie viele Risse. Obwohl Teile verloren gegangen sind, etwa ein Arm, so ist sie doch von hohem künstlerischen Wert. Die Plastik zeigt einen der sieben Erzengel, den heiligen Michael. 

Die Kunstgeschichte hat sich darauf geeinigt, dass dieses offensichtliche Meisterwerk der Bildhauerei aus der Hand des Weilheimer Bildhauers Bartholomäus Steinle stammt, der sich die populäre Darstellung des Heiligen von Hubert Gerhard an der Michaelskirche in München zum Vorbild genommen hatte. Steinle war seit etwa 1610 für St. Mang tätig. Ihm verdankte die alte Basilika einen Hochaltar, dessen Gesprenge bis unter die Decke des Altarraumes aufgestiegen sein muss. Der heilige Michael der Schatzkammer zählt vermutlich zu Steinles letzten Arbeiten für St. Mang. Galt dieser Michael zeitweilig als Teil des Hochaltares, so steht heute fest, dass er tatsächlich zur Ausstattung der nur noch aus Archivalien bekannten Michaelkapelle gehörte. 

1378 erstmals erwähnt

Diese Kapelle, die im Kloster St. Mang lag, ist seit langem verschollen. Sie wurde im Jahr 1378 erstmals urkundlich und später in den Rechnungsbüchern und den Aufzeichnungen der Äbte erwähnt. Aus der ersten Nennung geht eindeutig hervor, dass sie, wie die heutige Annakapelle, am Friedhof, also am heutigen Magnusplatz, lag. Entsprechend einer Nachricht aus dem Jahre 1430 hing sie zwar mit den Klosterbauten von St. Mang zusammen, doch war sie der Stadtpfarrei, also der Pfarrei St. Stephan, nutzbar. Später erschien sie nur noch in auffallend knappen Einträgen der Rechnungsbücher und in einem Vertrag zwischen dem Kloster und der Stadt im Jahr 1582. 

Eine Notiz von 1654 belegt eine Renovierung, die offensichtlich eine große Verglasung einschloss. Doch seit 1659 schweigen nicht nur die Quellen, die Kapelle verschwand. Sie scheint, ohne eine Spur hinterlassen zu haben, in dem großen Umbau unter Johann Jakob Herkommer zwischen 1700 und 1717 aufgegangen zu sein. 

Färber beobachtet Bau 

Der Füssener Färber und Chronist Hans Faigele, der an der Lechhalde wohnte und der von den Fenstern seines Hauses die Klostergebäude gut überblicken konnte, notierte in seinem Hausaufschreibbuch für das Jahr 1626, man habe den vorderen Teil der Michelskapelle auf dem Beinhaus von Grund auf neu erbaut. Dies ist der einzige bisher bekannte Beleg für die Existenz eines Beinhauses im Komplex von St. Mang. Abt Martin Stempfle berichtete mehrmals über diese Kapelle und vermerkte für den 29. September 1628, den Michaelstag, die Weihe eines neuen Altars. Daneben schrieb er auch, dass die Kapelle am „hinteren Gärtele“ gelegen sei und auch neben der „Infirmaria“, der Krankenstation des Klosters. Bei der Auflistung von Arbeiten in der Kapelle erwähnte Abt Martin Stempfle auch Ausgaben für eine offensichtlich sehr große Verglasung. 

Licht in die etwas rätselhafte Angelegenheit der Michaelkapelle bringt ein Blick auf die älteste Ansicht der Stadt Füssen. Der Kriegsberichterstatter und Zeichner Stefan Hamer aus Nürnberg hatte während der Besetzung Füssens durch die Landsknechte des Schmalkaldischen Bundes am 9. Juli 1546 die Ansicht der Stadt von Süden in Holz geschnitten und sie als Flugblatt verbreitet. Hamer stand bei der Aufnahme der Vorzeichnung über der Posthalterei an der Tiroler Straße. Obwohl Hamers Blatt nur 24 x 37 Zentimeter misst, sind St. Mang und das Hohe Schloss, Kirchen und die Stadtbefestigung doch mit erstaunlicher Wirklichkeitstreue getroffen. 

In dem Komplex des Klosters zeigt sich östlich der Klausur ein Bau mit einem auffallend spitzen Dach. Die Darstellung erlaubt es, in diesem Gebäude einen zwei oder drei Stockwerke hohen Zentralbau mit achteckigem Grundriss zu erkennen. Es kann keinen Zweifel geben, dass dieser Bau mit der Kapelle des heiligen Michael gleich zu setzen ist. Runde und vieleckige Zentralbauten als Erinnerung an die Grabeskirche in Jerusalem entstanden seit der Kreuzzüge überall in Europa. Die Bestimmung des Vorbildes als Grab- oder Totenkirche Christi beschränkte die Lage der Nachbauten auf den Bereich der Friedhöfe. 

Wenn diese Bauten im Regelfall dem Erzengel Michael geweiht wurden, so lag dies am Rang und an der Wertschätzung des Heiligen sowie dessen Mitwirken bei den letzten Dingen im Leben eines Menschen. 

Aus Paradies vertrieben 

Der Legende zufolge stieß Michael mit seinem Flammenschwert den gefallenen Erzengel Luzifer in die Hölle. Zudem vertrieb er Adam und Eva nach dem Sündenfall aus dem Paradies. Beim Jüngsten Gericht, so glaubte man, würde seine Posaune die Toten wecken. Erst später wurde Michael auch zum Begleiter der Toten bzw. ihrer Seelen und zum Seelenwäger. Mit dem Flammenschwert in der einen und der Seelenwaage in der anderen Hand begegnet er Gläubigen in fast jeder Kirche. Es sei hier unterstellt, dass die Füssener Michaelkapelle in der Zeit der Kreuzzüge errichtet wurde, genauer in den Jahren um 1180, da Handwerker aus der Lombardei den Kreuzgang in St. Mang mit seiner qualitätvollen Architekturplastik schufen. 

Verbindlicher Idealplan 

Als das Kloster St. Mang gegründet wurde, vermutlich um das Jahr 800, und die ersten Steinbauten entstanden, da hatten sich Bauherren und Baumeister an einen für alle Neubauten verbindlichen Idealplan, den sogenannten St. Gallener Klosterplan, zu halten. Mehr als 1200 Jahre später lassen sich dessen Vorgaben und seine auf den Lehren der Geometrie beruhende Ordnung noch immer in St. Mang erkennen. Damit erleichtern auch die Erkenntnisse aus der Baugeschichte und der mittelalterlichen Klosterbaukunst die Suche nach der Kapelle des heiligen Michael. Kombiniert man alle Informationen über die Kapelle und ihrer Wertung, die Übereinstimmung der Klosteranlage von St. Mang mit dem Klosterplan von St. Gallen lässt sich zumindest in groben Strichen ein Bild der verschollenen Kapelle des heiligen Michael entwerfen. 

Sie lag am Klostereck am Weg zur Klosterkirche, wo noch vor Jahrzehnten das Arme-Seelen-Täfelchen an den alten Friedhof auf dem Magnusplatz erinnerte. Nach alten Tradition wurde auf achteckigem Grundriss mit einer Seitenlänge von etwa drei Metern der Bau errichtet. Das Basisgeschoss – sein Zugang lag auf der Höhe des heutigen Klosterhofs – war für die Lagerung der Gebeine bestimmt, die bei Graböffnungen geborgen worden waren. 

Kranke blicken in Kapelle 

Der über dem Beinhaus liegende, dem heiligen Michael geweihte Kirchenraum reichte möglicherweise über zwei Stockwerke. Allein das extrem steile Dach ließ schon von weitem den sakralen Charakter des Bauwerks erkennen. An den Zentralbau schloss sich die Krankenstation des Klosters an, die ebenfalls nach alter Tradition am Rand jeder Klosteranlage zu liegen hatte. 

Der Saal für die Kranken war durch eine große, verglaste Öffnung mit der Kapelle verbunden, so dass die Kranken in die Kapelle und auf die Figur des heiligen Michael schauen konnten, auf jenen Heiligen, der einmal ihre guten und ihre weniger guten Taten abwägen und sie dann auf ihrem Weg in eine andere Welt begleiten würde. 

Die einzige Erinnerung an die seit langer Zeit verschwundene Kapelle des heiligen Michael in St. Mang ist im Museum der Stadt Füssen zu finden – die von Wind und Wetter gezeichnete Plastik des Erzengels.

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