Serie "Füssen und seine Historie"

König Ludwig II. und seine Pferde

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Diese Kreidezeichnung von Jakob Melcher aus dem Jahr 1865 zeigt den jungen König Ludwig II. bei einem Ausritt am Schwansee in Schwangau.

Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück.  Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute erzählt er über einen königlichen Reiter.

König Ludwig II. von Bayern wird heute allzu sehr auf den Bauherren weltberühmter Schlösser, den Retter und Förderer Richard Wagners, den Schuldenmacher, den angeblich Geisteskranken und allenfalls auf seinen rätselhaften Tod reduziert. Entgegen all dieser Klischees war der König ein fanatischer Konsument tausender Bücher, ein exzellenter Kenner der deutschen Klassiker, ein kühler Analytiker der aktuellen politischen Ereignisse und ihrer wahrscheinlichen Folgen und, in seinen Jugendjahren, ein glänzender Reiter. 

Reitbahn am Schloss 

Ludwigs Vater, König Maximilian II., hatte seinem Sohn eine gediegene Ausbildung im Reiten zukommen lassen. In Hohenschwangau wurde dafür neben dem Marstall (dem heutigen Bräustüberl) eine vieleckige Reitbahn mit einem geschindelten Kegeldach gebaut, im Englischen Garten dagegen eine offene Reitbahn. Die lag in der Falllinie des Torbaues an Schloss Hohenschwangau. So konnte von dessen Terrasse aus die stolze Mutter die Reitkünste ihrer Söhne beobachten. Noch bis vor 40 Jahren hatte sich die Reitbahn, die wie ein antiker Circus angelegt war, erhalten. Ihre Begrenzung bildeten mächtige alte Bäume. Der ursprünglich mit feinem Kies und Sand bedeckte Boden der Bahn verhinderte lange Zeit einen nennenswerten Bewuchs. Nur im Sommer verschwand das verwunschene Areal unter den ausladenden Blättern der Pestwurz, die die Einheimischen von je her als „Blecke“ bezeichneten. 

Gute Reitausbildung 

Die Reitausbildung des Kronprinzen umfasste all jene Disziplinen die notwendig waren, um auch im Sattel eine gute Figur zu machen. Der Generaladjutant des preußischen Königs hatte während eines Aufenthaltes in München schon 1863 ein Bild des Kronprinzen gemacht: „…man musste seinen geweckten Geist, seine körperliche Gewandtheit wie seinen Mut bewundern. Er ritt und fuhr mit seltenem Geschick…“ 

Wie überlegen der künftige König auf dem Rücken eines Pferdes handeln konnte, bewies er schon als Siebzehnjähriger, als er mit der Mutter in seinem Ponywagen, den er vom Sattel aus lenkte, im Englischen Garten in München spazieren gefahren war. Die Mutter wunderte sich über das ungewohnte Tempo. Er beruhigte sie mit der Bemerkung „es gehe ja ganz schön“, und verschwieg dabei, dass die Zügel gerissen und die Pferde durchgegangen waren. Vor dem Schloss angekommen richtete sich Ludwig in den Steigbügeln auf, beugte sich nach vorne und griff in die Nüstern der Tiere. Er parierte sie, in dem er deren Köpfe hochriss. 

Ein Pferd im Schloss 

Als König Ludwig II. im September 1864 auf dem Münchener Marsfeld seine erst Truppenparade abnahm, bemerkte ein englischer Biograph: „Der König sitzt mit vollkommener Sicherheit zu Pferd. Er trägt mit einer für einen so jungen Mann außerordentlichen Würde das Haupt und seine schönen Augen blicken geradeaus. 

Niemand, als vielleicht ein schwärmerisches Mädchen, wird je behaupten wollen, dass dieser schöne junge Reiter ein militärisches Aussehen hat.“ Die Dichterin Anette Kolb beschrieb eine Begegnung ihrer Mutter mit dem königlichen Reiter so: „Als sie eines Tages in Ammerland den Starnbergersee entlang ging, kam er plötzlich allein geritten. Er grüßte sie, ohne sie anzusehen. Aber seine Erscheinung, wie er zu Pferd saß, das herrliche Bild vergaß sie nie“. 

Wilde Ritte über die Berge 

Die Mitglieder der Königsfamilie ritten edle, meist in England gezüchtete Pferde. Darunter befand sich auch manchmal ein Exemplar, das besonders berggängig war. So führte einer der Rossknechte den feurigen Araberhengst Soliman mit umwinkelten Hufen die Wendeltreppe in Schloss Hohenschwangau hinauf, um dort den König zu besuchen. Der hatte gerade sein Mahl beendet und fütterte nun das Tier mit den Resten der Tafel. Dieser reagierte eher belustigt, als Soliman, ehe er aus dem Saal geführt wurde, sozusagen als Gastgeschenk, dampfende Äpfel hinterließ. 

Im Spätherbst 1864 verbrachte der junge König einige Wochen in Hohenschwangau. Er benötigte die Stille als Gegenpol zum lauten Betrieb der Münchener Residenz. Es verging aber kein Tag ohne wilde Ritte durch die Umgebung des Schlosses. Über die Reitwege, die sein Vater gebaut hatte, ging es weit hinauf und quer durch die Ammergauer Berge. Man konnte damals nicht nur bis zum Königshaus auf dem Tegelberg reiten, sondern auch zur Jägerhütte und hinunter in den Ammerwald und weiter bis nach Graswang. 

Es war möglich bis zur „Gabel“ und zur Hochblasse zu reiten. Ein heute vergessener Weg führt immer noch durch die Südflanke des Straußberges bis unterhalb des Gipfels. Die akribisch geführte Schlosschronik vermerkte jeden Reitausflug des Königs, ganz gleich, ob das angesteuerte Ziel Breitenwang, Vils, Tannheim oder der Fernpass war. Über Bleckenau und Jägerhütte sollte ihn sein Ritt am 4. November bis zur Hochblasse bringen, doch der über Nacht gefallene Schnee zwang den Reiter über den Schützensteig zum Plansee auszuweichen und über Reutte zurückzukehren. 

Am 17. November ging es dann über den Fernpass nach Imst und weiter zur Gedächtniskapelle von Brennbichl, die zuunterst in der Innschlucht lag. Hier war zehn Jahre vorher der sächsische König durch einen Hufschlag an den Kopf tödlich verletzt worden. Der König besuchte auch das mit Blutspritzern befleckte Sterbezimmer im nahe gelegenen Gasthof, das, angemietet vom sächsischen Königshaus, wohl bis zum Ende der Monarchien unverändert erhalten bleiben musste. 

Am 22. November ritt Ludwig dann ohne jede Begleitung nach Ambras bei Innsbruck, besichtigte das Schloss und kam am nächsten Tag um Mitternacht zurück nach Hohenschwangau, „vergnügt über das gelungene Inkognito“, wie es hieß. 

Ritte fürs Wohlbefinden 

Am 24. Mai 1865 geriet der König dann mit einem Reitknecht in der Nähe des Tegernsees in ein nächtliches Gewitter. Ein Blitzschlag erschreckte zunächst das Pferd des Reitknechts, das diesen abwarf und durchging. Wenig später geriet das Königspferd in Panik und verschwand in der Nacht. König und Begleiter kämpften sich durch strömenden Regen bis zu einem Bauernhof. Dort klopften sie den Bauern, der sie nicht erkannte, aus dem Bett, um ihm einen alten Regenschirm abzukaufen. 

Nach dem Besuch einer Aufführung von Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ am 19. Oktober in München fuhr der König in die Vorderriß und ritt von dort bis an den Vierwaldstätter See, um dort die Schauplätze der Tell-Sage zu besuchen. Am 2. November traf er hoch zu Ross in Hohenschwangau ein. Der Besuch Richard Wagners, der eine Woche dauern sollte, stand bevor. Doch auch zwischen den Unterredungen mit dem Freund machte der König seinem übervollen Herzen Luft, in dem er kurze wilde Ritte unternahm. In einem seiner Briefe an die Kinderfrau Sibylle Meilhaus, die Ludwig sein Leben lang liebte und verehrte, erwähnte Ludwig einmal, dass er für sein Wohlbefinden „stählender Ritte“ bedürfe. 

Bruch beendet Reiterei 

Ein Leistenbruch setzte schließlich den Ausritten des Königs ein Ende. Das war aber der Beginn der meist nächtlichen Schlitten- und Kutschfahrten, der märchenhaften Inszenierungen, die den König vollends zur Legende machten. 

Die Liebe des Königs zu seinen Pferden schlug sich in einer Galerie nieder, die als eine ungewöhnliche Fortsetzung der Galerie der „Schönen Münchnerinnen“ des Großvaters (der Kreisbote berichtete) zu verstehen ist. 

Einer der besten Tiermaler der damaligen Zeit, der Norddeutsche Friedrich Wilhelm Pfeiffer, malte zwischen 1866 und 1880 insgesamt 28 meisterhafte Pferdeportraits. Jedes der Tiere setzte er vor heimatlicher Kulisse in Szene. Von sechs der Hohenschwangauer Pferde erscheint Wala in der Bleckenau, erscheinen Verbena und Nikur am Parapluie, sowie Editha und Regina am Branderfleck. Das schönste von allen zeigt den Hengst Luitprand vor dem Gasthof Schluxen. 

Leibpferd begleitet Sarg 

Die Verbindung zwischen dem königlichen Reiter und seinen Pferden riss nicht einmal der Tod auseinander. Obwohl der König seit vielen Jahren nicht mehr auf einem Pferd gesessen war, begleitete am 19. Juni 1886, dem Tag seines Begräbnisses, nach altem Zeremoniell sein schwarz behängtes Leibpferd den feierlichen Leichenzug. Es folgte jedoch nicht der Kutsche mit dem Sarg. Es schritt neben den sterblichen Überresten seines Herrn und blieb an dessen Seite bis das Portal der Michaelskirche die traurige Fracht für immer aufnahm.

Magnus Peresson

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