Soldatenalltag im afrikanischen Mali

Zwischen Skorpionen und Sandstürmen

+
Bürgermeister Stefan Rinke (v.l.) hat den Kommandeur der 1./230, Major Maximilian Prorok mit seinen Soldaten, Hauptmann Stephan Gross und Marcel Andres, im Schlossbrauhaus zu Gast.

Schwangau – Einen Einblick in den Soldatenalltag im afrikanischen Mali, hat jetzt der Chef der ersten Kompanie des Gebirgsaufklärungsbataillons aus Füssen, Major Maximilian Prorok, im Schlossbrauhaus Schwangau gegeben. Denn die 1./230 ist die Patenkompanie Schwangaus. 

Es gehe ihm darum, erklärte Maximilian Prorok den gut 50 Interessierten, aus dem Alltag der Soldaten zu berichten. Gemeinsam mit seinem Vize Stephan Gross führte der Major die Zuhörer in die durchaus interessante Geschichte des nordafrikanischen Landes ein, um dann über den Auftrag, den die Deutschen vor Ort hatten, zu berichten. 

Rohstoffreiches Mali 

Rund 17 Millionen Menschen leben in der ehemaligen französischen Kolonie Mali im Nordwesten des afrikanischen Kontinents. Gut dreieinhalb Mal so groß wie die Bundesrepublik, liegt das Land zwischen Mauretanien, Algerien, Niger, Guinea, dem Senegal und der Côte d’Ivoire sowie Burkina Faso. 

Während die Sahara den Norden prägt– und daher eher dünn besiedelt ist – spielt sich das Leben vor allem im Süden, rund um die Hauptstadt Bamako ab. Hier liegen die landwirtschaftlichen Anbauflächen, hier fangen die Einheimischen Fische im Fluss Niger. Und hier liegen auch abbauwürdige Rohstoffvorkommen. Denn Mali ist der drittgrößte Goldproduzent Afrikas, es gibt Uran und Bauxitvorkommen für die Aluminiumverhüttung. 

All das, und noch mehr Fakten muss man kennen, um die Entwicklung, vor allem die Konflikthistorie des seit 1960 unabhängigen Landes zu verstehen, in dem rund 30 Kulturen und Ethnien leben. So wird in dem Land, das in erster Linie muslimisch geprägt ist, neben der Amtssprache Französisch noch gut drei Dutzend weitere Sprachen gesprochen. Das Land sei, erklärte Maximilian Prorok, sehr arm und trotz der vielen Rohstoffe abhängig von Entwicklungshilfe. Dass heute multinationale Armeeverbände für Ordnung und Sicherheit in Mali sorgen und beim Wiederaufbau der dortigen Verbände helfen müssen, liegt an der Rebellion der Tuareg. Gemeinsam mit Extremisten der Al Qaida, die aus Libyen einsickern und schwer bewaffnet sind, putschten die Tuareg-Rebellen vor fünf Jahren gegen das Malische Militär, überrannten den gesamten Norden des Landes und entmachteten den damaligen Präsidenten Amadou Toumani Touré. 

Stabilisierung des Staats 

Das Französische Militär konnte die Islamisten nach Norden zurückdrängen, doch die Lage sei trotz Friedensabkommen instabil, erklärte Prorok. Um wieder demokratische Strukturen aufzubauen und auch eine funktionsfähige Armee zu etablieren, gibt es zwei Missionen, an denen Deutschland beteiligt ist: die Europäische Trainingsmission EUTM, die insbesondere die malischen Soldaten ausbilden soll. Und die UN Mission MINUSMA – Multidimensional Integrated Stabilization Mission in Mali, die multidimensional und integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali. Ziel dieser Mission, die bislang bis Ende Juni 2018 befristetet ist, ist die Stabilisierung des Staates Mali im Anschluss an die Opération Serval, den Kampfeinsatz der Franzosen. 

Dass die Mission nicht so schnell auslaufen dürfte, deutete Prorok am Ende seines Vortrags an. Wird ihn doch auch der nächste Einsatz wieder nach Afrika führen. Man wolle keine Heldengeschichten erzählen und auch keine politische Debatte führen, erklärte Prorok, der mit seinem Kompanieeinsatzoffizier Gross sowie dem Fernmeldespezialisten Marcel Andres nach Schwangau gekommen war. Es gehe um die persönlichen Erfahrungen, die die Soldaten machen durften und mussten – mit 16 getöteten Blauhelmsoldaten gilt die Mission als eine der verlustreichsten der Vereinten Nationen. 

Einsatz beginnt daheim 

So sprach er über die Arbeit der Soldaten zwischen Platzregen, Sandstürmen und Skorpionen einerseits und feindlichen Kombattanten, muslimischen Rebellen und einer unterversorgten Bevölkerung andererseits. Dabei beginne der Einsatz der Soldaten schon zu Hause mit den Vorbereitungen. Insbesondere die Familien hätten einen großen Anteil an den Einsätzen zu tragen, müssen doch die Partner die Abwesenden ersetzen bei Feiern. So verbrachte Hauptmann Gross etwa das Weihnachtsfest und seinen Geburtstag in der Fremde. 

Daneben müssen sie sich um Haushalt und Finanzen allein kümmern. Außerdem wissen sie oft nicht, wie die Lage vor Ort wirklich ist, nachdem die Feldpost durchaus einige Wochen bis nach Hause brauchen kann. 

Aber auch persönlich müssen sich die Soldaten vorbereiten, Impfungen auffrischen – in Mali etwa gibt es Malaria–, das Testament erneuern oder aufsetzen und schließlich auch dienstlich alles regeln. So gehen die Soldaten vor jedem Auslandseinsatz auf den Übungsplatz um ihre Einsatzbereitschaft zu testen und zu bestätigen. 

Rund 30 Spezialisten aus Füssen kamen in Mali zwischen Herbst 2016 und dem Frühsommer 2017 zum Einsatz und wurden auf verschiedene Orte verteilt. Stephan Gross trainierte als Ausbilder im Rahmen der EU-Mission seinerseits Waffenausbilder und war dabei im relativ friedlichen Süden in Koulikoro stationiert. Hier gab es sogar eine Kaserne, wo sich der Hauptmann die Stube mit zwei Kameraden teilen musste. Sein Kommandeur hatte dagegen im Rahmen der UN-Mission in Gao mit ganz anderen Gefahren zu kämpfen. 

Der Auftrag der Deutschen sei die Aufklärung, so Major Prorok. Außerdem sollen sie einen Beitrag zum Gesamtlagebild liefern, die dort eingesetzten Truppen schützen und unterstützen sowie die Sicherheit der Bevölkerung gewährleisten und den Flughafen von Gao, zentraler Knotenpunkt für den Nachschub und die Versorgung der Soldaten, verteidigen. Dass Prorok dabei nicht im Zelt leben musste, wie bei seinen Einsätzen in Afghanistan, sondern in geschützten und klimatisierten Containern, erklärte der Major plastisch und anschaulich. Daneben machte er deren Vorteile deutlich: So können die Temperaturen mal eben die 50 Grad-Celsius-Marke übersteigen. Ein festes Gebäude biete zudem Schutz vor Sandstürmen sowie bei Raketen oder-Gewehrfeuer. Das gilt jedoch nicht für die Anophelesmücke, die trotzdem problemlos in die Stube schlüpft, so dass man spätestens ab dem dritten Stich nicht mehr zucke, so Prorok. 

Alltägliche Probleme 

Im Dialog führten Gross und Prorok durch den recht kurzweiligen Abend, sprangen zwischen den Einsatzorten hin und her und zeigten das Leben eines Soldaten auf, vom Einsatz bis zur Rückkehr nach Deutschland. Dabei gilt es nicht nur militärische Probleme zu lösen, sondern auch alltägliche Probleme. 

Etwa, wenn man es versäumt rechtzeitig das benötigte Kontingent Trinkwasser in Flaschen zu bestellen oder nach einem Sandsturm in nur zwei Minuten wieder sauber aus der Dusche – auch dieses Wasser ist limitiert – zu kommen. 

Während Soldaten früher nur geschriebene Nachrichten von zu Hause erhielten, machen es Internet und Satelliten heute möglich per Videokonferenz mit den Lieben zu Hause zu reden und diese zu sehen. Doch auf den Stuben und in den Containern gibt es trotz allen Komforts kaum Privatsphäre; wohl dem, dessen Kamerad nicht schnarcht. 

Bei allem Unbill vor Ort aber sei es wichtig, so Prorok in seinen abschließenden Worten, dass die Menschen zu Hause wüssten, „was wir tun vor Ort. Und dass alles mit einem Parlamentsbeschluss abgesegnet ist“. 

Deshalb auch wird der Major im kommenden Jahr erneut nach Afrika fliegen, zum Einsatz zwischen Skorpionen, feindlichen Kombattanten, Platzregen und Sandstürmen.

Oliver Sommer

Auch interessant

Meistgelesen

Die Schwangauer messen ihre Kräfte
Die Schwangauer messen ihre Kräfte
Gala im Festspielhaus: Zuschuss für Bildung
Gala im Festspielhaus: Zuschuss für Bildung
Füssen: Vier Bergrettungseinsätze am Samstag
Füssen: Vier Bergrettungseinsätze am Samstag
Urlauberin bei Wanderung zur Kronenhütte verstorben
Urlauberin bei Wanderung zur Kronenhütte verstorben

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.