Spaziergang unter dem See

Die Grundmauern eines alten Bauernhauses. Den Stumpf des Birnbaums im Garten davor gibt es noch, alte Schwangauer kennen die Geschichten. Foto: gau

Es gibt entlang des Lechs, von Forchach bis Schongau, Geschichten, die von einem Dorf erzählen, das für seinen Hochmut bestraft wurde und für alle Zeiten im Strudel des Lechs verborgen ist. Nur gelegentlich kommt es ans Licht oder ein Mensch findet den Zugang. Diese Geschichte hält sich seit vielen Jahren, doch mit dem Bau des Forggensees 1954 hat sie eine wahre Grundlage bekommen. Und immer im Winter kann man die Geschichte erleben. Im Sommer, aufgestaut, ist der Forggensee ein Paradies für Wassersportler, Segler, Surfer, Schwimmer aber auch Angler und Naturfreunde. Im Winter aber, wenn die letzten Wasser aus dem See verschwinden, verwandelt sich die über 15 Quadratkilometer große Wasserfläche in eine Wüste, nur noch ein Fünftel ist von Wasser bedeckt, der Lech liegt wieder in seinem originalen Bett. Der Rest ist Ödnis. Doch wer sich die Zeit nimmt und genauer hinsieht, der taucht ein in die Geschichte. Wo sonst die Segelboote ihre Bahnen ziehen, legen Steine, Mauern und Baumstümpfe Zeugnis ab, dass hier schon vor dem Forggensee Leben war.

Vor allem im Winter und Frühjahr bietet der Füssener Magnus Peresson Wanderungen auf dem Seegrund und zu den alten Ortschaften an. Aber man kann auch auf eigenen Faust los- ziehen, auf der Füssener Seite dem Verlauf der alten Römerstraße Via Claudia folgen, vorbei am Café Maria Richtung Rieden oder in der Brunnener Bucht auf Schwangauer Seite. Hier findet man vor allem die Reste der alten Dörfer, Deutenhausen und Forggen, dem Namensgeber des neuen Sees. Mehr als 50 Gebäude mussten dem Aufstau weichen, auch beiden Seiten des Lechs, nur die beiden genannten Dörfer verschwanden für alle Zeiten im Strudel der Schmelzwässer aus den Bergen, die den See alljährlich aufs neue füllen. In der Brunnener Bucht liegen auch die Reste des „verwunschenen Dorfes“, wie man bei einer Wanderung mit Magnus Peresson erfährt. Die Römer waren hier Immer wieder fanden die Bauern, die hier zwischen Brunnen und Deutenhausen ihre Felder bearbeiteten, Scherben von Ziegeln, Schmuck und anderem Hausrat. Und schließlich, 1974, konnte der Ursprung dafür gefunden werden, fast wie es in der Sage beschrieben wird, an der richtigen Stelle. Denn hier stand einst vor über 2000 Jahren eine Villa rustica, ein römisches Anwesen mit Stallungen, Thermenhaus und vielen weiteren Einrichtungen, ein kleines Dorf. Peresson hat es gemeinsam mit Archäologen untersucht. Überhaupt sind die Ufer, aber auch der Seegrund selbst, über viele Jahrhunderte hinweg Siedlungsort gewesen, überall, so kann man den Worten Peressons entnehmen, stößt man auf die menschliche Geschichte, aber auch geologisch gesehen ist die Gegend hoch interessant. Denn nicht erst seit dem Erstaufstau vor mittlerweile 57 Jahren gab es hier einen See. Denn der Lechgletscher sorgte mit seinem Wirken dafür, dass sich hier nach der Würmeiszeit der Füssener See mit über 60 Quadratkilometern Größe bildete. Deshalb auch die langgezogene Ebene vor den Allgäuer Bergen und deshalb auch die vielen kleinen Seen, die als Reste Zeugnis von der Geschichte geben. Eine eigenen Geschichte, die man von den Einheimischen erfahren kann, ist auch, wie es zum Forggensee kam. Denn schon Mitte des 19. Jahrhunders erkannten Firmen wie Siemens etwa das Potential des Lechs. Aber erst nach dem zweiten Weltkrieg konnte man an die Umsetzung gehen, dabei wurden neben einer wildromantischen Lechschlucht auch geologisch interessante Areale zerstört und eben Menschen vertrieben, die heute noch in Schwangau oder Rieden leben oder für immer die Heimat verließen. Diese Geschichten kann man noch sehen, solange das Wasser nicht heranreicht und alles wieder im Strudel der Zeit verschwindet bis zum nächsten Winter. Am längsten wasserfrei bleiben die Brunnener Bucht und die alte Straße vor dem Café Maria, man sollte sich aber vorab nochmals informieren, zum Teil kann der Wasserpegel um einige Meter innerhalb weniger Stunden steigen.

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