»Kultur wird oft als Luxus verstanden«

SPD-Bundestagskandidatin Regina Leenders spricht im Interview über Kultur und Corona

Regina Leenders
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Regina Leenders aus Memmingen kandidiert für die SPD im Wahlkreis Ostallgäu.

Allgäu – Im Interview mit dem Kreisbote spricht die SPD-Bundestagskandidatin Regina Leenders über Kultur, das gesellschaftliche Leben und Corona.

Der ­Kreisbote befragt vor der Bundestagswahl am 26. September die Direktkandidaten (der Bundestagsparteien) aus dem Wahlkreis Ostallgäu. Für die SPD tritt die Memmingerin Regina Leenders an. Die 30-Jährige arbeitet als Schauspielerin am Landestheater Schwaben in Memmingen.

Frau Leenders, worauf sind Sie in Ihrem politischen Leben bisher stolz?

Leenders: „Dass ich als Künstlerin für den Bundestag antreten darf und damit der Kulturbranche ein Forum bieten kann, das sie viel zu selten bekommt.”

Das spiegelt auch Ihr Wahlprogramm wider. Was in Ihrem Programm ist Ihnen besonders wichtig?

Leenders: „Da gibt es Vieles. Ich möchte hier aber besonders den Teil unseres Programms hervorheben, der die Kultur und die Absicherung von Kulturschaffenden behandelt. In dieser Corona-Pandemie hat gerade diese Branche extremst gelitten und die Krise hat gezeigt, wie prekär die Beschäftigungsverhältnisse in der Kulturbranche sind. Gleichzeitig erfahren wir, wie wichtig ein Austausch über Fragen dieser Zeit ist, damit wir uns als Gesellschaft nicht auseinander leben. Diese Räume des Austausches, des gesellschaftlichen Reflektierens, des Trauerns, aber auch der Gemeinschaft bietet die Kultur, die viel zu oft als Luxus und nicht als Basis unseres Zusammenlebens verstanden wird.”

Mindestlohn auf mindestens zwölf Euro erhöhen

Bitte kurz und prägnant: Welche sind aus Ihrer Sicht die beiden wichtigsten Themen, die Sie im Bundestag nach der Wahl aufgreifen wollen?

Leenders: „Den Mindestlohn auf mindestens zwölf Euro erhöhen. Und das Staatsziel Kultur ins Grundgesetz aufnehmen.“

Ein besonderer Fokus dieser Bundestagswahl liegt sicherlich auch auf der Klimapolitik. Was würden Sie hier konkret ändern?

Leenders: „Ich würde sofort neue Ausbauziele für erneuerbare Energien festlegen und zwar am tatsächlich zu erwartenden Strombedarf in den nächsten Jahren und gleichzeitig die Zulassungsverfahren für erneuerbare Energien beschleunigen und entbürokratisieren.”

20 Jahre Afghanistan – Was halten Sie von Bundeswehreinsätzen im Ausland?

Leenders: „Grundsätzlich stehe ich Auslandseinsätzen der Bundeswehr kritisch gegenüber. Wir haben aber als Deutschland eine Verantwortung gegenüber unseren Bündnispartnern. Wenn ein Auslandseinsatz gerechtfertigt scheint, ist mir persönlich wichtig, dass wir ein klares Missionsziel formulieren. Außerdem würde ich mir wünschen, dass wir als Gesellschaft generell viel mehr über dieses Thema diskutieren.”

Ökonomisierung des Gesundheitssystems stoppen

Intensive Diskussionen gibt es in diesen Tagen auch zu unserem Gesundheitssystem: Halten Sie unser Gesundheitswesen für menschlich angemessen und zukunftstauglich?

Leenders: „Die Ökonomisierung des Gesundheitssystems muss unbedingt gestoppt werden. Wir brauchen eine klare Gemeinwohlorientierung, Daseinsvorsorge und bessere Arbeitsbedingungen und Entlohnung für Pflegekräfte. Die Coronapandemie hat das in aller Härte gezeigt.”

Apropos Corona: Sind Sie für eine Impfpflicht für alle, ausgenommen natürlich medizinische Sonderfälle?

Leenders: „Nein. Wir alle müssen aber Überzeugungsarbeit leisten bei unseren Freunden, Familie und Kollegen. Und ich möchte betonen, dass es in solchen Krisen auch eine demokratische Pflicht gibt, sich ausreichend zu informieren und beraten zu lassen, bevor man entscheidet, sich nicht zu impfen.”

Viele Menschen sehen immer tiefer werdende Gräben in der Gesellschaft, nicht nur wegen Corona, sondern auch beim Einkommen und Vermögen, bei der Bildungspolitik und den Zukunftsperspektiven. Teilen Sie diese Sorgen oder sehen Sie das anders?

Leenders: „Absolut. Ein Haushalt der 45 Reichsten in Deutschland besitzt so viel wie 440.000 andere Haushalte. 79 Prozent der Akademikerkinder machen auch eine akademische Ausbildung, aber nur 27 Prozent der Kinder von Nicht-Akademikern. Wenn man sich das anschaut, muss noch einiges getan werden, damit wir von fairer Vermögensverteilung, Chancengleichheit, Bildungsgerechtigkeit und Leistungsprinzip sprechen können. Diese Zahlen bedrohen unsere Demokratie.”

Vielen Dank für das Gespräch.

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