"Das ist echt irre!"

Füssener Stadtrat beschließt Einstellung eines "Stadtentwicklers"

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Der jetzt beschlossene Stadtentwickler soll sich nicht nur um die Innenstadt kümmern, sondern ein ganzheitliches Stadtentwicklungskonzept in Angriff nehmen.

Füssen – Was bisher mehrere Ämter in der Stadtverwaltung und Institutionen wie etwa die Werbegemeinschaft oder der BdS unabhängig voneinander gemacht haben, soll künftig in einem professionellen Stadtmarketing gebündelt werden.

Bei zwei Gegenstimmen hat der Stadtrat in der vergangenen Woche den Weg frei gemacht für die Einstellung eins „Stadtentwicklers“. Außerdem soll in den kommenden Jahren ein Stadtmarketingverein gegründet und ein Stadtentwicklungskonzept „Masterplan Füssen 2035“ ausgearbeitet werden. 

Bereits seit Jahren wird in der Füssener Politik und Wirtschaft über die Einführung eines City-Managers oder Stadtentwicklers analog zum Tourismusdirektor diskutiert. Vor allem die Freien Wähler drängten immer wieder auf die Schaffung einer solchen Stelle. Zusätzlich Fahrt nahm das Thema durch eine gemeinsame Untersuchung der Innenstadtentwicklung durch Stadt, IHK, Uni Augsburg und Hochschule Kempten.

 Lief es dabei zunächst auf einen lediglich für die Innenstadt zuständigen City-Manager hinaus, setzte sich zuletzt mehr und mehr die Idee durch, ein ganzheitliches Stadtmarketing für (fast) alle Bereiche des städtischen Lebens, betrieben von einem Stadtentwickler, zu installieren (der Kreisbote berichtete mehrfach). „Es geht um die ganze Stadtentwicklung“, erläuterte Hauptamtsleiter Peter Hartl vergangene Woche im Stadtrat. Was bisher einzelne Ämter im Rathaus, Organisationen wie die Werbegemeinschaft oder der BdS sowie Institutionen wie Füssen Tourismus und Marketing (FTM) jeder mehr oder weniger für sich gemacht haben, solle künftig unter einem Dach im Stadtmarketing gebündelt werden. „Das brauchen wir dringend!“, sagte Hartl. 

Allerdings soll das Stadtmarketing keine Konkurrenz zu FTM werden. Der Füssener Hauptamtsleiter warnte gleichzeitig vor allzu hohen Erwartungen an schnelle Erfolge der neuen Einrichtung. „Das ist ein langwieriger Prozess“, sagte er. Alexander Mayerhofer, Vorsitzender der Werbegemeinschaft „Gemeinsam wir“, erinnerte daran, dass seit drei Jahren hinter den Kulissen an der Thematik gearbeitet werde. Dabei sei in vielen Gesprächen und Untersuchungen klar geworden: „Wir brauchen einen Macher an der Position. Das können wir Ehrenamtlichen nicht leisten“, sagte er. „Jeder schreit danach“, schilderte er seine Erfahrungen aus zahllosen Gesprächen mit den Füssener Gewerbetreibenden. 

Daher werde sich die Werbegemeinschaft auch mit bis zu 60.000 Euro pro Jahr an dem Projekt beteiligen (der Kreisbote berichtete). Insgesamt wird im Rathaus derzeit von jährlichen Kosten im Höhe von 150.000 Euro für das Stadtmarketing ausgegangen. Davon sind 70.000 Euro an Personalaufwand vorgesehen, 60.000 für den Sach- und Verwaltungsaufwand sowie 20.000 für einen geplanten Projektfonds. Den Löwenanteil der Kosten wird die Stadt bzw. die Städtebauförderung mit 90.000 Euro jährlich leisten, weitere 10.000 Euro kommen vom BdS. Nach drei Jahren könnte schließlich ein geplante Stadtmarketingverein als Trägerorganisation stehen, bei der der Stadtmanager angestellt werden soll, wie Hartl auf Nachfrage von Herbert Dopfer (Füssen-Land) erläuterte. „Dort finden sich dann alle Akteure wieder.“ Gleichzeitig werde das Projekt durch die Vereinsgründung förderfähig. Darüber hinaus soll eine nachhaltige Finanzierung des Projekts durch Zuschüsse der Stadt sowie sogenannte projektbezogene Umlagen von Einzelhändlern, Dienstleistern und Gastronomen sicher gestellt werden. Im Gegenzug erhalten diese eine Teilnahme an den geplanten Marketingmaßnahmen. 

Bürger einbeziehen

Bei dem Projekt bauen die Verantwortlichen auf eine möglichst breite Einbeziehung der Füssener Bürger. Denn bei der weiteren Stadtentwicklung sei von entscheidender Bedeutung: „Was will die Bevölkerung?“ Darauf ganz besonders zu achten, war vor allem SPD-Stadträtin Ilone Deckwerth ein Anliegen. Tatsächlich, so Hauptamtsleiter Hartl weiter, soll zu einem späteren Zeitpunkt mit allen am öffentlichen städtischen Leben Beteiligten und dem neuen Stadtentwickler ein Stadtentwicklungskonzept „Masterplan Füssen 2035“ entwickelt werden. Die Frage sei: „Wo wollen wir in zehn bis 15 Jahren stehen?“ 

Bei der überwiegenden Mehrheit der Stadträte stieß das Gehörte auf breite Zustimmung. „Ich finde das Konzept sehr gut!“, sagte beispielsweise CSU-Fraktionsvorsitzender Heinz Hipp. 

SPD-Fraktionschef Lothar Schaffrath erklärte, dass er froh darüber sei, dass ein Stadtentwickler eingestellt werden soll. „Einen City-Manager hätten wir nicht gebraucht“, sagte er. Die Perspektiven, die sich durch einen Stadtentwickler ergeben würden, seien „echt irre“. In Anspielung an den „Overtourism“ sagte er: „Ich hoffe, dass wir irgendwann auch mal ein Overmarketing haben.“ 

Lob für die geplanten Schritte gab es auch von Tourismus-Direkt Stefan Fredlmeier. „Ich kann nur empfehlen, die Chance zu nutzen“, sagte er. Aus touristischer Sicht sei ein Stadtentwickler nur zu begrüßen. „Die etwas bewirken wollten, waren anleitungslos“, so der FTM-Chef. 

Ganz anders bewertete hingegen Dr. Christoph Böhm von der Füssener CSU das Konzept. „Wenn ich schaue, was der alles können muss, gehe ich von einem promovierten Professor mit entsprechendem Gehalt aus“, sagte er. In Anbetracht der im Raum stehenden Summen sei es besser, dem neuen Stadtrat dieses Thema zur Entscheidung zu überlassen. „Ich will dem neuen Stadtrat kein Ei ins Nest legen, das vielleicht ein faules sein könnte.“ Bürgermeister Paul Iacob (SPD) entgegnete dem Christsozialen: „Wir sind bis zum 30. April gewählt. Bis dahin haben wir die Verantwortung für die Stadt wahrzunehmen!“ So gesehen, hätte das jetzige Stadtparlament auch nicht mehr über die Sanierung der Grund- und Mittelschule, die Jahre dauern und die Stadt um die 30 Millionen Euro kosten werde, nicht beschließen dürfen. 

Bei zwei Gegenstimmen von Böhm und seinem Fraktionskollegen Peter Hartung nickte der Stadtrat das vorgestellte Konzept ab. Damit ist die Stadtverwaltung nun am Zug: Sie soll nun zunächst die öffentliche Stellenausschreibung für den Stadtentwickler in die Wege leiten.

mm

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