Des einen Schmerz ist des anderen Futter

Stechmücken surren wieder: Mücken-Experte gibt Infos und Tipps

Forscher nehmen Stechmücken ins Visier
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Insektenforscher Dr. Helge Kampen kennt Stechmücken von Anopheles bis Zuckmücke.

Landkreis - Mücken sind nicht nur lästig. Sie haben auch ihren Nutzen. Fragen rund um die Insekten beantwortet Experte Dr. Helge Kampen.

Es gibt 50 Arten von Stechmücken. Und ja, sie können lästig sein. Aber so wie auch Bienen bestäuben sie Blüten, die Larven bauen Mikroorganismen und organische Substanzen im Wasser ab. Und nicht zuletzt dienen Mücken als Futter. So lieben Vögel und Fledermäuse beispielsweise Zuckmücken. Der Mücken-Experte des Instituts für Infektionsmedizin am Friedrich-Loeffler-Institut in Greifswald, Dr. Helge Kampen, beantwortet Fragen zu den sowohl lästigen als auch nützlichen Tieren.

Nachdem Stechmücken 2019 für viele am Ammersee zur Plage wurden, 2020 aber ohne Probleme über die Bühne ging, könne für den Verlauf in diesem Jahr noch keine endgültige Prognose gegen werden, sagt Kampen. Das Wetter in den kommenden Wochen ist entscheidend. Im Frühjahr sei es kalt gewesen, also schlecht für Mücken. Dann war es aber tropisch heiß – aber relativ trocken. Momentan ist es wieder kühler, aber auch feuchter.

Wie viele Stechmückenarten gibt es?

Momentan gebe es 51 Stechmückenarten in Deutschland, davon fünf eingewandert: die asiatische Tigermücke, die asiatische und die koreanische Buschmücke sowie zwei aus dem Mittelmeerraum stammende Arten, für die es noch keinen deutschen Namen gibt: Culiseta longiareolata und Anopheles petragnani. Nicht alle seien Überträger von gefährlichen Krankheiten, aber drei von ihnen wärmeliebend. Und „das zeigt uns, dass sich das Klima ändert“, sagt Kampen. Die Tigermücke fühle sich hier eigentlich gar nicht wohl, schaffe es aber inzwischen gut, zu überwintern.

Wann sind Mücken aktiv?

Einheimische Mücken werden in der Regel abends und nachts aktiv, sagt Kampen. Tagsüber blieben sie in den Büschen. „Mücken brauchen hohe Luftfeuchtigkeit“, betont Kampen. „Die fliegen nicht in der prallen Sonne herum.“ So könnten im Wald, wo die Luftfeuchtigkeit hoch ist, einheimische Arten auch tagsüber zugange sein.

Die Tigermücke sei zudem tagaktiv, aggressiv und verfolge den Menschen regelrecht. „Da hat man gar keine Ruhe davor“, weiß Kampen. Einheimische Mücken fielen vor allem nach einer massenhaften Vermehrung als lästig auf – zum Beispiel die am Ammersee gut bekannten Überschwemmungsmücken nach einem Hochwasser.

Tigermücken-Eier kommen mit gebrauchten Autoreifen nach Deutschland

Wie kommen fremde Mückenarten nach Deutschland?

Die wichtigsten Arten werden über die Eier eingeschleppt, informiert der Mücken-Experte. Beispiel Tigermücke: Ihre Eier seien äußerst austrocknungsresistent, würden nicht direkt ins, sondern oberhalb von Wasserstellen abgelegt und könnten dort längere Zeit überdauern. Ein Vehikel für die Tigermücke nach Europa, sagt Kampen, seien gebrauchte Autoreifen. In den gelagerten Reifen sammle sich Wasser, die Mücke klebe ihre Eier ans feuchte Gummi. Die Reifen würden nach Europa verschifft und wieder gelagert. Sobald es regne und der Wasserstand in den Reifen mit den Eiern in Kontakt komme, schlüpften die Larven.

Nach Deutschland sei die Tigermücke vermutlich per Umweg über andere europäische Länder gekommen – in Autos von Reisenden. Entlang von Raststätten habe es zahlreiche Eierfunde gegeben. Kampen: „Sie fliegen in Südeuropa ins Auto rein und steigen in Deutschland wieder aus.“

Wie alt werden Mücken?

„In der Natur vier bis sechs Wochen – wenn sie nicht vorher aufgefressen werden.“

Saugen sowohl Männchen als auch Weibchen Blut?

Tatsächlich sind es nur die weiblichen Mücken, die Blut saugen – aus gutem Grund: „Sie benötigen die Blutproteine, um Eier legen zu können“, erläutert Kampen. Mücken könnten sich aber auch von süßem Pflanzensaft ernähren. Aber Eierlegen funktioniere nur über Blutsaugen. Gäbe es keine Wirtstiere, würden Mücken also aussterben.

Wann übertragen Mücken Krankheitserreger?

Mücken seien nicht von Natur aus Träger von Erregern, sondern müssten sich über einen Blutwirt erst selbst infizieren, erklärt Kampen. Das Virus gelange in den Mückendarm, vermehre sich in den Zellen und wandere bis in die Speicheldrüse. Beim Stich gebe die Mücke Speichel ab, dessen bioaktive Moleküle die Blutgefäße erweiterten und sedierend wirkten, damit man den Stich nicht gleich bemerke. Und über diesen Speichel kämen auch die Erreger in den Menschen. Mücken könnten erst nach vier bis fünf Tage wieder zustechen.

2020 stirbt erster Mensch in Deutschland am West-Nil-Virus

Stechen Mücken nur Menschen?

„Keineswegs. Viele Mückenarten haben eine Wirtsspezifität“, sagt Kampen. „Manche Arten saugen an Vögeln, manche an Säugern. Nur wenige sind auf eine bestimmte Art festgelegt.“ Es gebe auch Mückenarten, die nur an Amphibien oder Reptilien saugen.

Welche Krankheiten übertragen Mücken?

2018 sei das West-Nil-Virus in Deutschland angekommen, sagt Kampen. Es werde von Zugvögeln aus Afrika mitgebracht und über heimische Mückenarten übertragen. „Wir gehen davon aus, dass wir es für viele Jahre behalten“, prophezeit Kampen. Das Virus überwintere in Stechmücken und verursache beim Menschen meist nur grippeähnliche Symptome. „In Einzelfällen kann es aber ins zentrale Nervensystem gelangen und Entzündungen im Gehirn verursachen“, sagt Kampen. 2020 habe es den ersten Todesfall in Deutschland gegeben.

In Südeuropa trete immer wieder Dengue- und Chikungunya-Fieber auf. Überträger sei vor allem die asiatische Tigermücke. Auch Malaria werde vereinzelt noch festgestellt, wobei die europäischen Malariaerreger laut Kampen ausgerottet seien. Der Parasit werde heute also von Menschen aus den Tropen eingeschleppt und könne dann von den sieben in Deutschland ansässigen Anopheles-Mückenarten verbreitet werden. „Das kommt aber nur ganz, ganz selten vor.“

Fürth wird Tigermücke wohl nicht mehr los

Ist die Tigermücke schon in Bayern?

Leider ja. Drei Fürther hätten 2019 Tiere an den „Mückenatlas“ geschickt – ein bundesweites Mitmachprojekt des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung, bei dem mit Hilfe privater Zusendungen die Verbreitung der Stechmückenarten in Deutschland kartographiert wird. In einer Fürther Kleingartenanlage habe man dann auch die Larven gefunden. „Leider hat die Stadt Fürth sehr lange gebraucht, um sich der Sache anzunehmen“, sagt Kampen. Fürth werde die Tigermücke wohl nicht mehr loswerden – auch wenn sie inzwischen bekämpft wird. Auch im Landkreis Erding wurde die Tigermücke laut Karte des Friedrich-Loeffler-Instituts entdeckt. Dabei handelt es sich aber laut Karte um eine „eliminierte Population“.

Das Thema Mückenbekämpfung sei für viele Städte und Länder noch immer Neuland, bedauert Kampen. Schon die Zuständigkeit sei unklar, weil es dafür kein Ressort gebe. Zudem fehle es an Expertise. „Die wissen gar nicht, was sie machen müssen. Wir beraten dann und geben Handlungsempfehlungen.“

Müssen Kommunen bei Mückenplagen handeln?

Das deutsche Infektionsschutzgesetz verlange eine Bekämpfung erst, wenn tatsächlich Erkrankungen auftreten. Allein das Vorhandensein von Mücken reicht also nicht. „Das ist eine Lücke im Gesetz“, findet Kampen – in Bezug auf gefährlichere Arten. Fürth sei ein Beispiel für die Folgen: „Die Tigermücke werden wir nicht mehr los, weil sie schon an zu vielen Stellen in zu hohen Populationsdichten vorkommt.“

Die Menschen züchten die meisten Mücken selber.

Mücken-Experte Dr. Helge Kampen

Was kann ich in meinem Garten falsch machen?

„Die Menschen züchten sich die meisten Mücken selber“, sagt Kampen. Die gemeine Hausmücke wie auch die Tigermücke seien Kulturfolger und nutzten jede kleine Wasserstelle – Regentonne, Wassereimer, Vogeltränken, Pfützen in Abdeckplanen. Hausmücken-Eier würden direkt ins Wasser gelegt und seien deshalb nicht austrocknungsresistent. „Einmal in der Woche ausleeren reicht schon, denn die Larven brauchen mindestens zehn bis vierzehn Tage, um zu schlüpfen“, rät Kampen. Bei Gartenteichen könnten Fische und Molche helfen. „Die fressen die Larven weg.“ Bei der Tigermücke sei es hingegen schwieriger, weil die Eier nicht austrocknen.

Soll ich als Privatmann Chemie einsetzen?

In Privatgärten sei BTI (Das Bakterium Bacillus thuringiensis israelensis produziert ein Protein, das die Darmwand der Larven zerstört) ein beliebtes Mittel, weiß Kampen. Aber „BTI ist nicht unumstritten.“ Zwar baue es sich im Wasser und im Boden ab, aber die Frage, inwieweit BTI auch andere Insektengruppen schädigt, werde immer wieder gestellt. Zudem seien auch Stechmücken Nahrung für andere Tiere.

Körpergeruch und CO2 lockt Mücken an

Ob BTI in großem Stil, wie zum Beispiel am Oberrhein, eingesetzt werde, sei letztlich eine politische Entscheidung. BTI gibt es für den Kleinanwender auch in Tablettenform, etwa im Baumarkt. Eine Tablette in eine befallene Regentonne zu werfen, sieht Kampen weniger problematisch. „Da gibt es ja nichts anderes als Mückenlarven.“ In Tümpeln oder Teichen solle man BTI nicht anwenden.

Was lockt Mücken an?

Vor allem der Körpergeruch und die verbrauchte Atemluft, also CO2, sei der Mücken-Lockstoff. Manche Menschen seien den Mücken dabei lieber als andere. „Das liegt am Duft-Cocktail, den wir abgeben“, so Kampen. Und auch an der Mückenart. So könne eine Person an einem Ort öfter gestochen werden als einem anderen, an dem eine andere Mückenart vorherrsche.

Was tun gegen Stiche?

„Vor allem nicht kratzen“, empfiehlt Kampen, das führe zu Entzündungen. Kühlen sei gut, man könne die Stiche auch mit Alkohol (auch Schnaps) oder Desinfektionsmittel einreiben. Und: „Tapfer sein. Nach zwei Tagen sind die Stiche weg.“

wha

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